Prolog
Einmal im Jahr dürfen auch wir mal so richtig die Sau rauslassen. Und zwar alle Neune. Das ist Tradition hier in Kalverode. Das machen alle so. Jeder Kegelclub hat ein Ziel, das den Mitgliedern anderer Vereine nicht verraten wird. Das wäre ja noch schöner, wenn die da auch ankämen. Nee, so‘ne Kegeltour ist das genaue Gegenteil vom grauen Alltag. Da wird endlich mal gefeiert! Und zwar richtig.
Wissen Sie, wir sind gestandene Frauen, und wir schließen das ganze Jahr hindurch immer nur Kompromisse. Da wird man sich ja wohl einmal eine kleine Reise gönnen dürfen, ein verlängertes Wochenende, einfach mal ein bisschen Spaß.
Keine Ahnung, wer uns den nicht gönnt, aber einer hat’s auf uns abgesehen. Meinen Sie, dass ich nun auch sterben muss, so wie die anderen?
Verhörprotokoll Nr. 7 der Akte„Kegelclub“.
*
Der Zug war an diesem Sonntagabend rechtzeitig eingetroffen, nicht nur, was die Ankunftszeit betraf, sondern zum Glück auch vor dem Schneesturm, der Kalverode in den nächsten Tagen in ein mittleres Chaos stürzen würde. So schafften es alle Reisenden, noch vor dem Unwetter heimzukommen.
Seit die neun Damen des Kegelclubs„Sterntaler“ in Hannover ihre vorreservierten Plätze in einem Großraumwagen eingenommen, sich schweigend mitsamt ihren Taschen und Tüten dort niedergelassen und dabei eine so bedrückende Stille um sich verbreitet hatten, dass die anderen Fahrgäste automatisch verstummten, schien sich am Horizont ein Unwetter zusammenzubrauen. Der Schaffner sollte sich später erinnern, dass er sich bei der Fahrkartenkontrolle um einen Scherz bemüht hatte, und dabei voll aufgelaufen war. Nicht eine der Damen hatte ihn eines Blickes gewürdigt oder gar die Lippen zu einem Lächeln verzogen. Und vor den Fenstern war es immer dunkler geworden.
Vielleicht war das der Grund, warum er ihnen in Kalverode nachsah wie sie, aufgeschreckten Hühnern gleich, davonstoben. Jede in eine andere Richtung.‚Nee, glücklich sind die nicht‘, dachte er bei sich. Die neun Keglerinnen sahen sich nicht um, winkten sich nicht zu und hatten auch keine freundlichen Abschiedsworte füreinanderübrig. Offensichtlich herrschte zwischen ihnen, die noch vor vier Tagen gut gelaunt, kichernd und abenteuerlustig zu ihm in den Zug gestiegen waren, ein eiskalter Krieg.
Hätte man ihm gesagt, dass eine dieser Neun noch in der gleichen Nacht zu Tode kommen würde, so wäre er vermutlich zur Polizeidienststelle gegangen und hätte für jede einzelne der Sterntaler Polizeischutz verlangt. Aber wer konnte schon in die Zukunft sehen und außerdem hatte der an diesem Sonntag diensthabende Schaffner sich beizeiten dazu erzogen, sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Er hatte einfach schon zu viel gesehen, um sich wirklich noch zu wundern. Zumindest behauptete er das.
1. Kapitel
„Du, sag mal“, wollte Mechthild Benkhoff an diesem Vormittag von ihrer einzigen Kundin wissen und blickte dabei so verschwörerisch um sich, als vermute sie in allen Ecken und Winkeln ihres Geschäftes Spione.„Sag mal, die Iris, die Iris Zentner, die kennste doch, oder?“
Hedwig Hagenkötter war gewarnt. Sie kannte ihre Pappenheimer, und wenn jemand schon so fragte, rechnete sie grundsätzlich mit dem Schlimmsten. Sie suchte im Spiegel den Blick der Friseurmeisterin und nickte verhalten.„Ja, warum?“
„Ach, nur so“, sagte die Frau mit dem kurzen blonden Haar und dem gigantischen Ohrgehänge, klapperte ein paar Mal mit der Schere und fügte dann geheimnistuerisch hinzu:„Weißte, ich will nämlich einen Kegelclub gründen und dachte mir, die würde ganz gut zu uns passen. Ich brauche noch zwei oder drei Frauen. Die Kinder von der Zentner sind schon aus dem Gröbsten raus und vielleicht kann die ja auch samstags.“
„Was hat denn das mit samstags zu tun?“ Hedwig beobachtete, wie Mechthild ihr das Haar in der Mitte zu scheiteln begann und die Haaransätze Scheitelzug um Scheitelzug inMahagoni-dunkel nachkolorierte.„Du wirst auch immer weißer“, stellte Mechthild dabei fest und ihre Ohrringe mit den vielen bunten Perlen klapperten im Takt der Pinselstriche.„Wann gehst du denn in Rente? Und wie lange willste noch als Schwarzkopf rumlaufen? Grau sieht doch auch ganz gut aus.“
„Klar, aber bei den jungen Frauen“, widersprach Hedwig und hakte nach.„Also, warum samstags?“
„Weil ich nur für samstags eine Bundeskegelbahn kr