PROLOG
Andy Kirkpatrick, britischer Extremkletterer und Buchautor:«Die Kletterei ist die Frage. Ich bin die Antwort.»
Ich saß allein in dem weißen, kleinen Raum und versuchte, mich zu konzentrieren. Nur schwer gelang es, die Aufmerksamkeit vom Schnee abzulenken, der auf dem Fenstersims lag, hin zu den zwei Testbögen vor mir auf dem Tisch. Ich spielte mit meinem Stift, kaute auf dem Ende herum, bis an meinen Lippen kleine Splitter vom roten Lack klebten. In meinem Mund der Geschmack von feuchtem Holz. Der Wind rüttelte am Wellblechdach des Gebäudes. Das Geräusch der Luft, die vom Wind unter den Türen und zwischen den schlecht isolierten Fenstern nach draußen gezogen wurde, nahm auch meine Konzentration mit.
Der Abgabetermin rückte näher.
Obwohl dieser Test etwas war, für das ich gezielt gelebt hatte, fühlte er sich um nichts besser an als alle anderen Prüfungen. Ich fühlte mich klein, abstoßend und dumm. Der erste Bogen war einfach gewesen, aber der zweite hatte mein Gehirn in eine zähe Masse aus Klebstoff verwandelt, sodass alle Zahlen vor meinen Augen durcheinander gerieten und wie verloren auf dem Blatt lagen. Obschon der Raum kalt war, stand mir eine fieberhafte Hitze im Gesicht. Es war die allzu bekannte, panische Angst. Für kurze Zeit glaubte ich, wieder auf der Schulbank zu sitzen, die ich so gehasst hatte. Die vergessen geglaubte Abscheu vor mir selbst kam zurück. Mit Mühe und Not brachte ich mein Gehirn dazu, Antworten aus dem dunklen Nichts zu formulieren.
Doch es kamen keine.
Der Sturm lässt nach. Unsere Spur durch den Schnee gleicht einem tiefen Graben, und endlich gelangen wir zu einem See, dessen Oberfläche gefroren unter einer winterlichen Decke liegt. Mein Partner hält an, bestimmt mit dem Kompass die Richtung und ruft mir ins Ohr, dass es nicht mehr weit ist. Als die Wolken für einen Moment vom Gipfel weggerissen werden, bekommen wir den Gratüber uns zu Gesicht.
Wir hatten das Auto in der Dunkelheit verlassen. Schon früh hatte uns der Wind aufgeweckt, der auf der einsamen Gebirgsstraße unruhig um das Auto flatterte. Noch müde vom langen Weg durch ganz England zogen wir uns um, noch im Auto sitzend. Das Anziehen von Hosen und Schuhen war nicht leicht auf dem winzigen Platz – man fühlte sich dabei fast wie der Entfesselungskünstler Houdini, wie er mit einer Zwangsjacke ringt. Keiner von uns beiden wollte sich nach draußen wagen. So zögerten wir es hinaus, bis es nicht mehr anders ging. Der frühe Aufbruch stellte sich als sinnvoll heraus, denn der Anmarsch war lang und das Gehen durch die Schneeverwehungen mühselig und langsam. Mit etwas Glück würde die Zeit reichen, um die Route zu klettern.
Wirüberprüfen unseren Weg auf der Karte. Den lawinengefährdeten Hang auf der linken Seite des Sees wollen wir vermeiden. Für kurze Zeit erspähen wir durch die vorbeitreibenden Wolken die Wand. Sie ist steil und mit Anraum bedeckt, der am Fels haftet wie Eis auf der Innenseite einer Tiefkühltruhe.
Die Verhältnisse sind alles andere als gut. Aber so ist eben das Winterbergsteigen in Schottland. Hier klettert man Routen so, wie man sie vorfindet. Ich erinnere mich an die Worte eines bekannten slowenischen Bergsteigers, der uns besuchte und meinte, dass man in Schottland«auf Gras Ski fährt und auf Fels eisklettert». Zumindest sieht heute der Fels weiß aus. Wir stecken die Karte in den Rucksack, ziehen die Skibrillen an und entscheiden uns für die leichte Variante:über dasächzende Eis des Sees.
Ich drehte das Blatt um und schaute wieder zum Schnee. Er lag dort auf dem Fensterbrett wie dicke Bettwäsche. Ein paar Minuten blieben noch, bis ich die Testbögen abgeben musste, aber ich wusste aus leidvoller Erfahrung, dass es mehr brauchte als Zeit, um die richtigen Antworten zu finden.
Die Lehrer hatten immer behauptet, ich sei faul, es mangele mir an Konzentrationsfähigkeit, ich würde langsam lernen. Danach behauptete man, ich hätte so etwas wie eine Lernbehinderung. Die Schulen, die ich besuchte, waren voll von«Problemkindern», und auch ich war dort eines unter vielen. In Biologie lernten wir einmal, dass ein Gehirn zwei Hälften hat. Für mich war das damals eine Art Offenbarung. Es schien zu erklären, warum ich mich manchmal so langsam und dumm fühlte, als sei ich der Ausgestoßene schlechthin, das hoffnungsloseste aller Förderkinder. In andern Momenten hingegen fühlte ich mich hell und intelligent, konnte Zeichnungen anfertigen und Rätsel lösen, besser als jeder andere in der Klasse. Meistens versuchte ich, meine dunkle, schwache Seite im Hintergrund zu halten und mich auf das zu konzentrieren, worin ich gut war. Aber in der Schule war das nicht leicht, denn die enge und dunkle Welt des Unterrichts ließ einem so gut wie keine Möglichkeit, zu glänzen.
Die Route sieht schwierig aus. Wackelige Mixedklettereiüber eine steile Wand und dannüber einen Grat. Im Sommer war es ein Klassiker. Jetzt, mit einer dünnen Eisschichtüberzogen und mit Schnee bedeckt, ist es eine der schwierigsten Routen an diesem Berg. Ich lasse meine Augen dem Fels entlanggleiten und stelle mir vor, wie man