: Walter Sittler, Gerd Leipold
: 'Zeit, sich einzumischen' Vom Taksim-Platz nach Island. Begegnungen auf dem Weg ins Anthropozän
: sagas Edition
: 9783944660035
: 1
: CHF 10.60
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 283
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Männer haben sich auf eine Reise begeben. Der langjährige Chef von Greenpeace International und der Schauspieler Waler Sittler. Sie sprechen mit WikiLeaks-Aktivisten. Und mit Politikern wie Griechenlands Ex-Premier Papandreou. Die Eindrücke ihrer Begegnungen mischen sich mit Autobiografischem. Und verdichten sich zu einer faszinierenden Bestandsaufnahme der Herausforderungen, die sich unserer Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert stellen. Ein literarisches Roadmovie - spannend, hochinformativ, berührend.

Gerd Leipold

Stockholm

Stockholm. Ein Samstag im Mai 2013. Die Sonne hat schon eine wohltuend milde Kraft entwickelt. Bei strömendem Regen bin ich gestern in Deutschland gestartet. Kalt war es. Eingehüllt in Regenjacken mit Kapuzen waren die Menschenüber den Parkplatz des kleinen Flughafens im Allgäu gehetzt, durch Pfützen zogen sie Koffer hinter sich her. Hier, 1700 Kilometer weiter nördlich, tragen Frauen Tops mit Spaghettiträgern und junge Männer laufen in T-Shirts und kurzen Hosen auf der Straße. Am Morgen hat mir eine Schwedin erzählt, dass hier vor vier Wochen noch Schnee lag. Jetzt entlockt die frühsommerliche Wärme der Stadt eine entspannte Fröhlichkeit. Nur das viele Wasser in den Flüssen und Seen erinnert daran: Es ist noch nicht sehr lange her, dass sich der Winter davongemacht hat.»Eine Stadt mit Wasser ist immer schön«, schrieb Kurt Tucholsky im schwedischen Exil inSchloß Gripsholm. Und Stockholm hat viel Wasser. Nicht nur bei Schneeschmelze.

Schweden, das Top-Modell der Demokratie, beeindruckendes, widersprüchliches, spannendes Vorbild für Europa. Das Land, das als erstes den Atomausstieg beschlossen– und ihn wieder zurückgenommen hat, das Land, in dem alkoholische Getränke bis heute nur im»Systembolaget«1 zu bekommen sind, das Land der sagenhaft hohen Steuern für Gutverdiener. Hier haben sie ein Tempolimit und eine damit verbundene Entschleunigung, die fast jeden Mitteleuropäer nervös machen kann. Das Land mit einer breiten Volksbildung, mit Bibliotheken in den kleinsten Dörfern, mit vielen gut Englisch sprechenden Menschen– früher habe ich mich oft der Meinung angeschlossen, dass Schweden ein langweiliges Land sei. Inzwischen bewundere ich seine Gesellschaft und Kultur. Auch weil ich weiß: Eine gut funktionierende Demokratie ist oft langweilig. Diese Langeweile ist ein Luxus! Ihr friedliches Klima wirkt wie der Vorgriff auf eine Utopie. Diktaturen, Länder mit notorischer Gewalt und Korruption sind allemal aufregender– nur können die Skandinavier auf solche Aufregungen, nach Jahrhunderten der Konflikte, gut und gern verzichten. Seit mittlerweile 200 Jahren. Ein Symbol dafür sind die nordischen Botschaften in Berlin: In einem einzigen,ästhetisch enorm gelungenen Neubau sind sie untergebracht– Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island teilen sich heute eine Kantine. Ihr Selbstverständnis braucht keine nationalen, repräsentativen Protzbauten.

Dieses Schweden tut gut. Auch darum treffe ich Walter Sittler hier. Er– der Künstler und Aktivist. Ich– der Aktivist und Physiker. Wir wagen ein Experiment, wie es vermutlich nur unsere Epoche erlaubt. Vor einigen Wochen habe ich ihn in Stuttgart kennengelernt. Der großgewachsene, jugendlich wirkende Mann ist Schauspieler. Bundesweit bekannt ist er aber nicht nur wegen seiner Theater- und Filmarbeit, sondern auch für seinen Einsatz gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Eine völligüberraschende Form von Bürgerprotest hat dieses Bauprojekt ausgelöst. Gemeinsam reisen Walter Sittler und ich an Orte, die uns inspirieren, bedrohen, bewegen und setzen uns dort mit den Menschen und Fragen auseinander, die uns und andere akut beschäftigen. Im Europa der Reisefreiheit und der großen Möglichkeiten wollen wir Räume erkunden durch das Gespräch– nicht an einem Kneipentisch, auf einem Podium oder in der Küche, sondern das Gespräch an und mit den Orten, die wir gewählt haben. Philosophy on the road! Looking for common sense.

Mit der StreitschriftCommon Sense hat einst der amerikanische Intellektuelle Thomas Paine die Unabhängigkeitsbewegung der nordamerikanischen Kolonien vom britischen Königshaus befeuert. Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit hat damals eine Revolution ausgelöst– und eine Weltmacht entstehen lassen. Im Januar 1776 war seine SchriftCommon Sense erschienen. Darin forderte er ein neues, demokratisches System, das sich auf die Prinzipien der Menschenrechte gründete. Man sieht: Transparenz und Demokratie sind ein Erfolgsmodell. Weltweit entstehen heute wieder, völligüberraschend und unorganisiert, Bürgerbewegungen, die sich gegen die Verschwendung von Steuergeldern in großmannssüchtigen Prestigeprojekten zur Wehr setzen und stattdessen Investitionen in Bildung fordern und den freien Zugang zu Informationen.

Die Hamngatan führt am Kungsträdgården vorbei, einem ehemaligen königlichen Platz, auf dem die Kirschbäume schon in zartem Rosa blühen. Und im Berzelii Park mit dem legendären Hotel Berns im Hintergrund haben sich die Bäume in Hellgrün für den Frühling herausgeputzt. Dann die Museumsinsel. Djurgården. Und womit ich nicht gerechnet habe: Schon morgens, kurz nach zehn Uhr, hat sich hier eine schier endlos lange Schlan