: René Oth
: René Oth
: Winnetous rote Brüder Klassische Indianergeschichten
: Karl-May-Verlag
: 9783780216205
: 1
: CHF 6.10
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seit mehr als zwei Jahrhunderten begeistern sich Jung und Alt für den"Roten Mann", der mit seinem abenteuerlichen Dasein, der ungebundenen Freiheit in der Wildnis, seiner Tapferkeit und seinem Ehrgefühl besonders den zivilisierten Stadtmenschen in seinen Bann schlägt. Autoren in der Alten und vor allem in der Neuen Welt sind dieser Faszination erlegen und erzählen unermüdlich in Romanen und Kurzgeschichten aus dem Leben der Indianer, nach dem sie sich mit ihren Lesern insgeheim sehnen. Die Anthologie"Winnetous rote Brüder" erschließt die Klassiker der Indianererzählung einem breiten Leserkreis, wartet mit mancher Überraschung und Wiederentdeckung auf, befriedigt dabei die Lust am Schmökern und das nie erloschene Interesse an Chronik und Mythos des indianischen Wilden Westens. Mit zehn Erzählungen von James Fenimore Cooper, Charles Sealsfield, Gabriel Ferry, Mayne Reid, Armand, Franz Treller, Karl May, Fritz Steuben, Jack London und Friedrich Gerstäcker. Eine allgemeine erklärende Einführung von Prof. Dr. René Oth in die Indianerliteratur deckt die Spannweite der Thematik ab: die Auseinandersetzung zwischen Rot und Weiß - Sitten und Bräuche, Alltagsleben, Feste und religiöse Riten der Indianer - wirkliche und erdachte indianische Helden - und vieles mehr.

Von Gefahren umlauert


 

Siebzehn Jahre waren verflossen. Neuerdings war der Krieg zwischen England und Frankreich um den Besitz eines Landes ausgebrochen, das keinem von ihnen auf die Dauer zu Teil werden sollte. Wah-ta-Wah ruhte längst im Schatten der delawarischen Fichten. Ihren Platz im Herzen Chingachgooks nahm Uncas ein, der tapfere Sohn beider. In Gemeinschaft mit Lederstrumpf, der unter dem Namen„Falkenauge“ weit und breit gefürchtet war, durchstreiften die beiden letzten Krieger des mohikanischen Stammes die Wälder. Sie lebten mit den Delawaren zwar immer noch in Freundschaft, doch waren sie schon längst nicht mehr bei dem Stamm ansässig. Der mohikanische Häuptling mochte sich niemandem unterordnen, deshalb schweifte er lieber frei und ledig mit dem alten, bewährten Freund und seinem Sohn, der zum tapferen Krieger herangewachsen war, in den Wäldern umher.

In tiefem Frieden lag der Wald da. Chingachgook hatte sich mit seinen Freunden am Ufer eines kleinen Bachs gelagert und ein Feuer angezündet, um einen frisch erlegten Hirsch zur Abendmahlzeit zuzubereiten. Plötzlich sprang Uncas unruhig auf. Falkenauge sah ihn mit fragendem Erstaunen an, doch der Jüngling winkte ihm heftig zu.„Ich höre Tritte“, flüsterte er seinem Vater zu.„Es müssen Weiße sein, die auf unseren Lagerplatz zukommen, denn der Boden erzittert wie unter dem Hufschlag von Rossen. Kein Indianer wird den Weg durch die Wildnis zu Pferde zurücklegen.“

Chingachgook pflichtete ihm schweigend bei. In atemloser Spannung erwarteten die drei Männer das Herannahen des Fremden. Immer näher tönten die Huftritte, bis endlich die Gebüsche, die den Lagerplatz umgaben, von einer kräftigen Hand auseinandergeschlagen wurden. Eine glänzende Uniform wurde sichtbar, deren Träger beim Anblick der drei regungslosen Gesellen erschreckt zurückwich.

„Wer da?“, ertönte die Stimme Falkenauges.„Wer wagt sich hierher unter die Tiere und Gefahren der Wildnis?“

„Fremde, die seit Sonnenaufgang den Wald durchstreift haben, ohne Nahrung zu sich zu nehmen“, lautete die Antwort.

„So habt Ihr Euch verirrt?“, fragte Falkenauge weiter.„Wohin wollt Ihr denn?“

„Nach William Henry“, gab der Gefragte zurück.

Falkenauge lachte laut auf.„Alle Wetter“, rief er,„einen schlechteren Weg konntet Ihr da nicht wählen. Geht ihn nur wieder zurück, dann werdet Ihr eher ans Ziel gelangen. Wie war esüberhaupt nur möglich, dass Ihr Euch derart verirrtet?“

Der Fremde kehrte, statt eine Antwort zu geben, ins Gebüsch zurück. Gleich darauf erschien er wieder in Begleitung von zwei erschöpften, todmüden Damen, die sich kaum noch auf ihren Pferden halten konnten. Erstaunt blickten die drei Männer auf die zarten Gestalten, denen ihr Gefährte beim Absteigen behilflich war. Falkenauge sorgte dafür, dass den fremden Gästen die erbetene Gastfreundschaft erwiesen wurde, und richtete bequeme Plätze am Feuer her. Als die Ankömmlinge sich niedergelassen hatten, bot er ihnen saftige Stücke von dem Wildbraten an und freute sichüber ihren Appetit. Nachdem sie gesättigt waren, wiederholte Falkenauge seine früher an den Offizier gerichtete Frage.

„Ihr seht in diesen beiden Damen die Töchter des Obersten Munro auf Fort William Henry“, erklärte der junge Mann, indem er auf seine Gefährtinnen deutete.„Ich selbst bin der Verlobte der einen dieser Damen. Mein Name ist Heyward. Im königlichen Heer bekleide ich den Rang eines Majors. Wir brachen heute früh von Fort Edward auf, um nach William Henry zu Oberst Munro zu eilen, da der Vater in diesen unsicheren Zeiten seine Töchter in seiner Nähe zu haben wünscht. Ein Indianer, Magua– von seinen Stammesgenossen‚der schlaue Fuchs‘ genannt– erbot sich, uns einen näheren Weg zu führen, auf dem wir nicht Gefahr liefen, feindlichen Rothäuten zu begegnen. Da er uns schonöfter als Kundschafter gedient hatte, so gingen wir darauf ein. Doch mitten im Waldesdickicht verloren wir unseren Führer auf eine ganz unerklärliche Weise und eilten nun aufs Geratewohl durch die Büsche.“

Falkenauge hatte aufmerksam zugehört. Nachdem Heyward geendet, wandte sich der Jäger zu Chingachgook und sagte zu ihm in delawarischer Sprache:„Wir müssen auf unserer Hut sein. Der schlaue Kundschafter hat den Major mit seinen Schützlingen in das Dickicht gelockt, um ihnen die Skalpe zu rauben oder sie gegen ein teures Lösegeld nach William Henry abzuliefern. Ich bin festüberzeugt, der Schurke ist mit seinen Gefährten dem Major auf den Fersen.“

Chingachgook nickte zustimmend.„Sie haben sich in unsern Schutz begeben“,äußerte er,„wir müssen sie retten.“

„Wohlgesprochen“, rief Falkenauge erfreut,„wir müssen den Plan des Kundschafters zu Schanden machen, selbst wenn unser Zufluchtsort dabei entdeckt würde.“

Nach diesen Worten wandte er sich an den Major u