Kapitel 1
Julius Weiland saßim Gästezimmer vor dem Spiegel und kämpfte mit dem Knoten des Halstuchs. Er mochte den Druck nicht, den er auf seinen Kehlkopf ausübte. Lautstark verfluchte er sich selbst dafür, nicht mehr Geld ausgegeben zu haben. Nun, es ließ sich für den Moment nichtändern. Julius erhob sich, fuhr ein letztes Mal mit gespreizten Fingern durch sein dichtes Haar und schickte sich an, die Geborgenheit seines Zimmers zu verlassen, um sich den vielen Gästen zu stellen, die sein väterlicher Freund, Gottlieb Lehnau, eingeladen hatte.
»Fräulein Lehnau, wie hübsch Sie heute aussehen«,äußerte sich eine beleibte Dame und tätschelte der Angesprochenen die Wange. Julius, der gerade die Treppe herabgekommen war, gab der Dame insgeheim recht. Der zarte Gelbton des Kleides passte ausgezeichnet zu Eleonores Haaren, die wie dunkler Honig glänzten. Doch selbst wenn sie in Sackleinen gekleidet vor ihm stünde, so könnte er dennoch nicht Herrüber seinen rasenden Herzschlag werden. Als hätte sie seine Gedanken erraten, wandte sich ihm Eleonore zu. In ihren grünen Augen lag ein aufgewecktes Funkeln.
»Na, aufgeregt?«
Julius brachte lediglich ein kärgliches Nicken zustande.
»Es wird schon nicht so schlimm werden.« Verschwörerisch drückte sie seine Hand.
Julius’ Hals war mit einem Mal wie ausgedörrt. Mühsam räusperte er sich.
»Vergiss nicht«, fuhr sie fort,»mein Onkel setzt sich für dich ein. Es muss einfach gut gehen.«
»Du hältst mich sicherlich für einen furchtbaren Gesellschafter«, sagte Julius leise und schickte ein Seufzen hinterher, das nicht annähernd seine Verfassung wiedergab.
Vier Jahre verzehrte er sich nun schon nach Eleonore. Stets hatte er sich einzureden versucht, dass aus dem hübschen Entlein mit Sicherheit ein hässlicher Schwan geworden war. Gestern Nachmittag hatte er sie wiedergesehen. Ganz plötzlich war sie im Salon aufgetaucht, als die Lehnaus und Julius gerade ihren Tee nahmen. Als Julius vor Erstaunen das heiße Getränküber die Hand schwappte, blieb er gefasst, obgleich der Schmerz jäh und scharf war. Er war sich wohl bewusst, wie unhöflich es anmutete, Eleonore derart unverhohlen anzustarren. Er hoffte im Nachhinein, dass er es wenigstens nicht mit offenem Mund getan hatte.
»Lieber Julius, meine Nichte Eleonore kennst du sicherlich noch aus euren Kindertagen. Eleonore, der Ziehsohn meines besten Freundes Jean Nortius aus Weimar, Julius Weiland.«
Unsicher erhob sich Julius und hauchte einen zarten Kuss auf den Handschuh.
»Juls.« Mehr sagte sie nicht. Nur dieses eine Wort, das sie mit einer hochgezogenen Augenbraueäußerte. Die Nennung des Spitznamens von früher brachte seine Wangen zum Glühen.
Juls. Dieses Wort erinnerte ihn an die zahllosen Nächte, in denen er seiner Angebeteten Brief um Brief geschrieben hatte. Stets unterzeichnete er mit»In Liebe, der immer Deine, Juls.« Anschließend verstaute er das Geschriebene sorgfältig in einer Mappe. Nicht eine Zeile jener Liebesschwüre hatte jemals die Adressatin erreicht.
»Du musst ja ersticken. Komm, ich helfe dir.« Eleonore nestelte an seinem Halstuch und hätte es ihm wohl gänzlich abgenommen, wenn er nicht geistesgegenwärtig ihre Handgelenke festgehalten und geraunt hätte:»Nicht hier, vor allen Leuten.«
Eleonore wies ihn zum kleinen Salon, in dem sich gerade niemand aufhielt. Julius unterdrückte ein Erschauern, als Eleonores Finger an seinem Hals entlangglitten, ehe sie das Tuch zu fassen bekamen. Eleonore indes schien nichts von seiner Aufregung zu ahnen. Fachkundig schlang sie ihm das störrische Tuch um den Hals, verknotete es, zupfte es ein letztes Mal in FaÇon.
»Du machst das großartig, Leo.« Gleich darauf biss sich Julius von innen in die Wange. Was redete er da bloß?
»Mein Vater kann sich seit einigen Monaten nicht mehr selbst das Tuch binden. Er zittert zu sehr. Daher die Routine.«
»Ist es schlimmer geworden?«
Betrübt nickte Eleonore. Für einen Augenblick verzogen sich ihre Mundwinkel vor Bitterkeit.»Die Anfälle häufen sich. Auch heute wäre er zu gern dabei gewesen, aber …« Eleonore stockte.
»Wenn ich erst Arzt bin, werde ich ein Heilmittel finden«, versprach er voller Inbrunst.
»Ach, Juls, so vieleÄrzte haben sich bereits um ihn bemüht. So viele Versuche hat es schon gegeben, sein unablässiges Beben zu kurieren.«
»Ich werde es trotzdem tun.«
»Doch zuerst musst du an der Universität angenommen werden&l