Kapitel 1
Caen, in der Ruine des Donjon auf der Nordseite der Festungsmauern des Château; irgendwann.
Die ersten Jahre waren die schlimmsten – bis er aufhörte, sie zu zählen. Es fiel ihm überraschend leicht, ja, er fragte sich sogar, warum er bisher fast manisch an Tag und Datum festgehalten hatte.
Eine leise Stimme flüsterte ihm zu:Die Zeit ist bedeutungslos.
Ganz verlor er ihr Vergehen natürlich trotzdem nicht aus den Augen, dafür sorgte schon der Wechsel der Jahreszeiten. Im Sommer erschien die schwache Helligkeit früher, die hoch über dem finsteren Loch seines Gefängnisses den Tag verkündete, und sie schwand später. Manchmal ahnte er sogar Sonnenschein. Aber dann folgten wieder graue Tage, die immer kürzer wurden; die unerträgliche Finsternis der Nächte dauerte länger, und zuletzt kroch manchmal Frost in die dicken Mauern des Donjon. Dann legte sich hoch über ihm Rauhreif auf den Steinkranz der Brunnenöffnung, durch die sie ihn in sein Verlies hinuntergestoßen hatten. Sechs, acht Meter in tiefe Dunkelheit, ein grauenhafter Sturz. Er konnte es noch hören, das Herunterkrachen des Eisengitters und seine panischen Flügelschläge. Der Platz reichte gerade zum Ausbreiten seiner Schwingen, sie hatten ihn gerettet; er hätte sich sonst damals bestimmt alle Knochen gebrochen.
Doch er war unverletzt gelandet, zum Missvergnügen der Inquisitoren, die seine Einschließung verfügt hatten. Er wusste – schließlich kannte er ihre Gedanken –, dass ihnen seine sogenannte Begnadigung zu lebenslanger Haft einen bösen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Er war von ihnen zuerst nach Suresnes gebracht worden, aber die Festung auf dem Mont Valerien nahe Paris stand unter direkter Aufsicht des Justizministeriums, und deshalb hatte man ihn schon wenige Tage später schwer bewacht nach Caen weitertransportiert. Er erinnerte sich nur undeutlich an den nächtlichen Weg vom Bahnhof zum Château. Im Kastenwagen eingeschlossen, hatte er sich auf die Augen und Ohren seiner Wächter verlassen müssen und nur ungenau verfolgen können, wie sie die Orne auf einer Brücke überquert hatten, einen Quai entlanggefahren waren und über eine Rampe durch ein Torhaus hinauf in das Château. Dort erinnerte er sich an eine Vielzahl elender, niedriger Bauten, eine Kaserne, hastig errichtet im letzten deutsch-französischen Krieg. Aber sein Gefängnis befand sich nicht dort. Ganz am Ende des Mauerrings, an der Nordseite und in den Ruinen des Donjon, den jedermann für zerstört und aufgegeben hielt, schienen den Hunden Gottes die Voraussetzungen günstiger, dass ihn einfach die Haftbedingungen umbrachten.
Sein Verlies war vollständig leer, und wenn er sitzen oder liegen wollte, musste er mit dem festgestampften Erdboden vorliebnehmen. Doch die Leere besaß den einen Vorteil, dass seine Schreie hallten. Nach drei Tagen Durst und Hunger hatte er ein Heidenspektakel veranstaltet, so lange geflucht und getobt, bis die Wärter nach dem Abt des Klosters Saint Étienne unten in der Stadt geschickt hatten. Seitdem wusste er, dass seine Henker jegliche Aufmerksamkeit noch mehr fürchteten als ihn selbst.
„Brot und Wasser, einmal jede Woche“, hatte der Abt gesagt, ein Benediktiner, doch genauso erbarmungslos wie die Dominikaner. „Und es ist dir verboten, zu sprechen. Ein Wort zu den Wachmännern, und ich lasse den Schacht zumauern.“
Was blieb ihm anderes übrig?
Der Abt hatte mit dem Rücken zu dem Loch über ihm gestanden, sorgfältig darauf bedacht, dass er sein Gesicht nicht sehen konnte. Er hätte ihn natürlich trotzdem jederzeit wiedererkannt, am Muster seiner Gedanken. Jan wusste aber, dass er den Mann getrost vergessen konnte. Bis er aus seinem Loch wieder freikam, waren wahrscheinlich schon dessen Enkel gestorben. Er hatte einen Fehler begangen – den vielleicht größten seines Lebens –, dass er nicht schon in Paris versucht hatte zu fliehen. Aber er hatte zu lange gezögert. Was ihm seine Schwester vor hundert Jahren vorgeworfen hatte, stimmte: Er war zu weich. Sie, die Kandake von Meroë, hätte ihre Wärter in der gleichen Situation skrupellos getötet. Er fand nur immer noch, dass er schon zu viele Menschen auf dem Gewissen hatte.
Zuerst Nanni, dem er das Genick gebrochen hatte, damals auf seinem Schloss in Freital, dafür, dass der Venezianer seiner geliebten Hexe Barberina brutal das Ungeborene aus dem Leib getreten hatte. Mutter und Kind waren daran gestorben. Später, in Aserbeidschan, w