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Ivy Pruitt wohnte in einer kleinen Budeüber einer Garage in Oakland, ein Stockwerk hoch, einfachüber eine Außentreppe an der Rückseite des Hauses. Vom Treppenabsatz hatte man einen Ausblick auf den größten Friedhof der Stadt.
Ich stattete Ivy einen Besuch ab, dachte, dass er mal wieder Lust habe zu spielen, und wenn es dazu käme, wollte ich dabei sein. Keine Ahnung, warum ich glaubte, er sei bereit für eine Veränderung, und mit Ivy gab es sowieso immer nur Stress, aber da war ich nun. Und Ivy war auch da und rauchte Heroin.
Aus seiner Einzimmerwohnung ließe sich eine Menge machen. Ivy hatte seinen neunzigjährigen Vermieter breitschlagen können, ihm für sechs Monate die Miete zu erlassen, im Gegenzug erledigte Ivy ganz nach seinem, Belieben Besorgungen für ihn. Ivy trug saubere Klamotten, sobald er sich keine Zigaretten leisten konnte, und obwohl er nie kochte oder Gäste bewirtete, putzte er zwanghaft seine Wohnung, sodass sie, vom Duft nach verbranntem Teerheroin einmal abgesehen, noch genau in dem Zustand war, in dem sie bei seinem Einzug gewesen sein musste: frisch gestrichen, blitzblank, mit spiegelnden Fenstern, auf Hochglanz gewienert, feucht gewischt und mit einer Matratze auf dem Fußboden des auf die Straße hinausgehenden Zimmers und einem Klapptisch plus zwei Gartenstühlen in der Küche nur spärlich möbliert. Dazu ein Badezimmer, und das war’s. Von der Größe her glich sie in etwa meiner Hütte in San Francisco, nur war Ivys kein Dreckloch und kostete auch nur die Hälfte. Je nach Bedarf schob er die Stühle hin und her, doch ich bin mir sicher, dass er oft nur am Herd lehnte wie ein müdes Pferd, das vor sich hin döste. Er war meistens allein. Ich sah weder einen Fernseher noch eine Stereoanlage, nicht einmal ein Radio, und nirgendwo gab es einen Hinweis auf ein Musikinstrument.
Selbst das Bad war picobello, als hätte man es beschlagnahmt, genau wie die Küche, denn bei einem Junkie kam weder das eine noch das andere Ende der Nahrungszufuhr groß zum Einsatz. Doch die Küche hatte Südseite, die sie mit reichlich Sonnenlicht versorgte, und in Oakland scheint ständig die Sonne. Und so schien dieser Raum trotz seiner ansonsten elenden und befremdlichen Nutzung um zwei Uhr nachmittags von nahezu aufdringlicher Heiterkeit zu sein. Und es war diese Räumlichkeit, wohin sich Ivy nach einem nur kurzzeitigen Verharren an der Eingangstür zurückzog, als würde er unweigerlich von seinem Herd angezogen wie ein Komet von der Gravitation der Sonne. Unter den wenigen Haushaltsgeräten– einem Kühlschrank, einem Durchlauferhitzer und einem Toaster mit dem Preisschild eines Billigladens– bewahrte sich der Herd seinen einzigartigen Gebrauchswert.
Ich hatte nie zuvor Teerheroin gesehen, geschweige denn, dass ich jemals den Drachen gejagt hätte; aber Ivy Pruitt grenzte diesen Mangel an kultureller Erfahrung schnell auf den kuriosen Gebrauch zweier Gegenstände ein.
Bei dem Herd handelte es sich um einen Gasherd. Ivy holte einen Klumpen Teerheroin aus einer schwarzen Filmdose, rollte ihn zwischen seinen Handflächen wie ein Künstler, der seinen Radiergummi bearbeitet, bevor er ihn an seine Zeichnung setzt. Als der Klumpen hübsch rund war und knapp einen Zentimeter Durchmesser maß, zündete Ivy einen der vorderen Gasbrenner, und mit einer Selbstverständlichkeit, dieüber eine angeborene Rechtshändigkeit hinwegtäuschte, jonglierte er die Kugel zwischen den Klingen der beiden Menümesser, die er in den Händen hielt und deren violette Patina verriet, wie sehr sie diese ganz besondere Form der Missachtung der Etikette gewöhnt waren. Er drehte die Kugel in die blaue Flamme und wieder heraus, brachte sie zum Sieden, ohne sie verkohlen zu lassen, und alles mit dem Geschick eines Sushikochs beim Zerteilen eines Red Snappers. Währenddessen quatschte er unentwegt.
»Weißt du, Curly, man darf dieses Zeug nicht zu stark erhitzen, sonst wird’s echt scheiße. Der Drache entwischt. Der Drache mag’s gar nicht, monatelang in kleinen, klebrigen Bällen gefangen zu sein, also lauert er ständig auf seine Chance, die Flatter zu machen. Andererseits hat der Scheißer keinen Grund, sich zu beklagen. Die meisten empfindsamen Wesen sind ihr Leben lang gefangen. Aber nicht der Drache. Der Drache leidet, wenn er sechs Monate drüber istüber der Mohnernte. Hab ich dir jemals erzählt, was Lavinia immer gesagt hat, wenn’s darum ging, dass ich sie in den Arsch ficken wollte?«
Die Zwangsläufigkeit, mit der solche»Vertraulichkeiten« unter»Männern« nur wieder einen weiteren langweiligen Aspekt beider Begriffe bildete, entlockte mir ein nachdrückliches Nein.»Und sonst?«, schob ich hinterher. Ich hoffte, den Tag ohne ein Wortüber Lavinia hinter mich bringen zu können.
Ivyüberhörte es.»›Der Versuch, mir dein Ding in den Arsch zu schieben, ist so, als wollte man Gott zurück in den Peyote-Knopf stecken: Es ist aussichtslos.‹«
»Hey«, sagte ich beeindruckt,»das ist wahrscheinlich die treffendste Definition für Entropie, die mir je untergekommen ist.«
Ohne den Blick von seiner Aufgabe zu wenden, sagte Ivy:»Oha, wir haben wirklich einigesüber Entropie gewusst, Lavinia und ich. Ivy, hat sie immer gemeint, dein Ding ist zu klein für den Himmel und zu groß für die Hölle. Also«, er bewegte den Kopf von einer Seite zur anderen, als wollte er sein Rückgrat ausrichten,»haben mein Ding und ich ein paar Jahre im Fegefeuer zugebracht, die ganze Zeit an der Schwelle zum Chaos.« Er grinste in die Flamme, stieß ungewöhnlich genüsslich das Wort»Hitzetod« hervor, als handelte es sich um eine Beschwörung.