: Markus Bennemann
: Wolfsbiss Kriminalroman
: Gmeiner-Verlag
: 9783839244661
: Nationalpark-Ranger Veit Brenner
: 1
: CHF 8.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 247
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
In Berchtesgaden geht der Wolf um. Auf dem sagenumwobenen Untersberg, wo der Kaiser schläft und der Teufel wohnt, soll er wieder durch die Wälder streifen. Die Naturschützer jubeln, die Almbauern protestieren. Dann wird die grausig zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden, und die Presse stürzt sich auf den Fall. Doch lauert wirklich ein Wolf im nebligen Bergwald oder etwas viel Unheimlicheres? Auf der Suche nach der Wahrheit kommt Nationalpark-Ranger Veit Brenner dem Bösen gefährlich nah ...

Markus Bennemann, geboren 1971, hat Geschichte und Englische Literatur studiert. Er war Redakteur bei einer Tageszeitung, hat Krimis fürs Fernsehen geschrieben und arbeitet heute als Autor, Übersetzer und freier Journalist in Wiesbaden. Zu seinen Veröffentlichungen gehören zahlreiche Sachbücher über das Verhalten von Tieren. Wie für seinen ersten Berchtesgaden-Krimi Adlerblut hat er auch für Wolfsbiss intensiv vor Ort recherchiert und eng mit einem Kenner der lokalen Berg-, Natur- und Sagenwelt zusammengearbeitet.

1. Kapitel


Spring! Los komm, jetzt spring schon endlich!

Simone konnte die anderen nicht hören, dafür war das Rauschen der Klamm zu laut. Doch Chris hatte die Hände vor dem Mund zu einer Muschel zusammengelegt, und was er zu ihr hinaufrief, war nicht schwer zu erraten.

»Jaja, ich komm ja schon!«, rief Simone zurück.»Alles mit der Ruhe!«

Erneut setzte sie zum Sprung an – nur um wie eben schon im letzten Moment wieder vom Mut verlassen zu werden. Es war nicht der gut sieben Meter tiefe Abgrund, der ihr Angst machte, auch nicht das brodelnde Wildwasser, das an seinem Fuß auf sie wartete, oder die steile Felsrutsche, die sie danach zu bewältigen hätte. Es war die mit Fallholz und Wurzelstöcken verstopfte Nische neben der Rutsche, aus der dieÄste ragten wie Speere, und in die Chris nach seinem Sprung eben beinah hineingespült worden war. Jetzt stand er mit den zwei anderen mit seinem gelben Helm und dem blau-schwarzen Neoprenanzug am Ufer der unteren Gumpe, in deren ruhigem grünen Wasser sich der friedliche Herbsthimmel spiegelte, und konnte ihr gut zureden. Aber einen Augenblick zuvor hatte er in den reißenden Fluten gestrampelt wie ein panisches Hündchen, die grausige Aussicht vor Augen, auf den gesplittertenÄsten aufgespießt zu werden wie auf zum Kampf vorgestreckten Lanzen – und das hatte auch Simone Angst gemacht.

»Scheiße«, murmelte sie leise, während von irgendwo einmal mehr der feine Nieselregen herangeweht wurde, der sie auf dem gesamten Abstieg begleitet hatte.»Jetzt reiß dich zusammen, verdammt!«

Canyoning in der Almbachklamm, und das Anfang Oktober, die ganze Idee war schon von vornherein bescheuert gewesen, aber sie hatte ja unbedingt wieder mit dabei sein müssen. Dann noch der späte Abend in der Bar desEdelweiss gestern, des nigelnagelneuen Berchtesgadener Luxushotels, in das Chris sie nur eingemietet hatte, um vor seinen alten Studienfreunden anzugeben; schon heute Morgen beim Einstieg in die steile Felsschlucht hatte sie das Gefühl gehabt, jeder Schritt auf dem glitschigen Dachsteinkalk könnte ihr letzter sein. Abseilen, springen, mit dem in jähen Stufen abfallenden Gebirgsbach Richtung Tal stürzen und durch sein eiskaltes Wasser waten, der Kater war bald weg gewesen, aber nach zwei Stunden der klammen Mühsal hatten sie auch zunehmend die Kräfte verlassen. Die Steilwände, die sich an den kargen Karst klammernden Kiefern und Ahorne, die geschwungenen Dolomitrippen im Bachbett und vom aufsteigenden Dunst verhangenen Vorsprünge weitüber ihnen – all das war zugegebenermaßen grandios, nur hatte sich Simone irgendwann gefragt, warum sie sich die Schlucht nicht wie alle Welt von den dafür vorgesehenen Steigen und Stegen aus anschauen konnten, die an ihren Wänden entlangführten. Schließlich hatte sie einer von Chris’ Kumpels eben noch informiert, dass sie sich ein bisschen sputen müssten, weil das›Schluchteln‹ in der Klamm eigentlich verboten war und auch im Herbst nachmittags manchmal jemand zum Kontrollieren vorbeikam. Und nun stand Simone hier in schwindelnder Höhe – erschöpft, verfroren, verängstigt – und hatte das Gefühl, den Betrieb aufzuhalten.

»Scheiße«, fluchte sie nochmals leise und holte ein paarmal tief Luft, um wieder die Kontrolleüber sich zu gewinnen.»Na komm, einen Schritt noch. Dann hast du’s ja auch bald hinter dir.«

Abermals setzte sie zum Sprung an, sah in dem Moment jedoch, dass nun alle drei der bunten Männchen, die weiter unten auf sie warteten, aufgeregt mit den Armen fuchtelten. Eins warf sogar warnend den Zeigefinger nach vorne und sofort blickte Simone erschrocken hinter sich, wo das Wasser in einer langen Schneise zu dem kräftigen Strahl zusammengepresst wurde, der die erste Gumpe zu so einem Höllenritt machte.

Nein, nichts, oder war der Wasserpegel ein Stück weiter den hell ausgespülten Streifen hinaufgerückt, der sich so deutlich gegen den verwitterten Fels absetzte? Weit obenüber dem Gipfel hatten sich nun auch ein paar dunkle Wolken zusammenzogen, meinten sie die vielleicht? Undeutlich erinnerte sich Simone, wie Ande gestern nach ein paar Bier von plötzlich auftretenden Wasserwalzen und unterirdischen Dammbrüchen schwadroniert hatte, durch die so ein Gebirgsbach zur tödlichen Falle werden könnte.›Schluchteln is nix für Schwuchteln‹, hatte der ausgebildete Bergführer gesagt, doch bevor Simone sich ernsthafte Sorgen machen konnte, fiel ihr Blick auf die wie eine natürliche Treppe geformten Felsstufen, die zu dem schmalen Pfadüber der Schlucht hinaufführten.

Nein, natürlich, das meinen sie!, begriff sie voller Scham.Sie wollen, dass ich dort hinaufklett