Venus und Adonis (Ferdinand Freiligrath)
Übertragen von Ferdinand Freiligrath (*1810–†1876)
Als von dem weinenden Morgen schied die Sonne
Mit Purpurantlitz, eilt' Adonis schon,
Der rosenwangige, zu des Jagens Wonne;
Jagd liebt' er, doch der Liebe lacht' er Hohn.
Von Liebe siech, tritt Venus ihm entgegen
Und wirbt um ihn, wie kecke Werber Pflegen.
»Du, dreimal schöner, als ich selbst,« begann
Die Liebliche mit buhlerischem Kosen,
»Süßüber alles, holder als ein Mann,
Mehr weiß und rot, als Tauben sind und Rosen;
Sich selbst besiegend, da sie dich vollendet.
Sagt die Natur, daß mit dir alles endet.
»Geruh', du Wunder, dich vom Roß zu schwingen,
Und an den Sattelbogen festzuzäumen
Sein stolzes Haupt; zum Lohn von tausend Dingen
Erfährst du auch, so süßen als geheimen.
O, komm– dies Moos birgt keiner Schlange Tücke!–
Daß ich mit meinen Küssen dich ersticke.
»Und fürchte nicht, verhaßte Sattheit müsse
Den Mund dir schließen; nein, imÜberfluß
Soll er noch hungern, wundgeküßt: zehn Küsse
Wie einer kurz, wie zwanzig lang ein Kuß.
Ein Sommertag muß einer Stunde gleichen,
Läßt unter solchem Spiel man ihn verstreichen.«
Mit dem ergreift sie seine schweiß'ge Hand,
Die Botin seiner Kraft und Männlichkeit.
»'s ist edler Balsam,« zittert sie,»gesandt,
Daß eine Göttin seiner sich erfreut.«
So rasend gibt ihr Stärke die Begier,
Ihn sich herabzuziehn von seinem Tier.
Des Renners Zügelüber einem Arm,
Schlägt sie den andern um des Knaben Leib,
Der dämisch schmollt, und rot wird, doch nicht warm,
Und abhold ist dem süßen Zeitvertreib.
Sie rot und heiß, wie Kohlen recht im Feuer;
Er rot vor Scham, allein ein frost'ger Freier.
O, Lieb' ist schnell!– um einen knorr'gen Ast
Weiß sie behend den bunten Zaum zu winden;
Das Roß ist aufgestallt, und jetzt in Hast
Versucht sie auch den Reiter festzubinden.
Ihn rückwärts stoßend, wie er sie es müßte.
Lenkt seinen Leib sie, doch nicht seine Lüste.
Kaum sinkt er hin, so fällt auch sie zur Erde,
Gleich ihm auf Hüft' und Ellenbogen lehnend;
Sie streichelt ihn, doch er mit Zorngebärde
Verweist es ihr;– ihn zu beschwicht'gen wähnend,
Vor Wollust stammelnd, sagt sie unter Küssen:
»Ja, wenn du schmälst, muß ich den Mund dir schließen.«
Er brennt vor Scham; sein mädchenhaft Erglühn
Löscht sie mit Tränen; drauf mit ihren Locken
Und ihren Seufzern wieder kühlt sie ihn,
Und fächelt seine Wangen wieder trocken.
Er nennt sie frech und schilt ihr zuchtlos Werben;
Was folgen soll, läßt sie durch Küsse sterben.
Und wie ein Aar, der lange Zeit gefastet,
Den Schnabel senkt in Federn, Fleisch und Bein,
Die Schwingen schüttelt und nicht eher rastet,
Als bis er voll ist, und der Raub herein:
So küßt sie Stirn ihm, Kinn und Mund und Wangen,
Um, wo sie endet, wieder anzufangen.
Er muß es schmollend wohl zufrieden sein;
Er liegt und keucht, und atmet ihr entgegen.
Sie saugt begierig seinen Odem ein,
Und nennt ihn Wonnedüften, Himmelsregen;
Und wünscht, ihr Antlitz trüge Blumenbeete,
Daß ewig sie ein solcher Tau umwehte.
Sieh, wie ein Netz den Vogel, so umstricken
Der Göttin Arme den Gefangnen;– Wut ' ,
Und finstres Zürnen sprüht aus seinen Blicken,
Und läßt sie glühn mit doppelt schöner Glut.
Wird Regen sich in volle Ström' ergießen,
Dann müssen wohl die Uferüberfließen.
Noch bittet sie, und artig bittet sie;
Denn art'gen Ohren ja tönt ihre Stimme.
Noch brütet er, noch lohnt er ihre Müh'
Mit roter Scham und aschefarbnem Grimme.
Rot zieht sie vor, doch blaß auch läßt sie gelten.
Der Neuheit wegen, denn blaß ist er selten.