: " Charles Dickens"
: Charles Dickens: Harte Zeiten – Ein Roman über die Spaltung der Gesellschaft
: AuraBooks – eClassica
: 9783956901379
: 1
: CHF 0.90
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: Erzählende Literatur
: German
: 330
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Charles Dickens: Harte Zeiten (Originaltitel: Hard Times – For These Times)

• Für die eBook-Ausgabe neu editiert, mit aktualisierter Rechtschreibung
• Voll verlinkt, mit verlinkten Fußnoten und mit detailliertem Inhaltsverzeichnis
• Mit einem Vorwort des Herausgebers (Mai/2014)

Eine Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Eine exorbitant reiche Oberschicht, die sich vom Rest des Landes abgekoppelt hat und in einer Parallelwelt lebt. Auf der anderen Seite: Die breite Masse, die jeden Tag bis zum Umfallen schuftet und rackert, und dennoch kaum genug zum Überleben hat. Eine Politikerkaste, die selbst zum reichen Establishment gehört und das Land sehenden Auges immer weiter ins Verderben führt – ein Szenario, das uns sehr »modern« erscheint, aber in Wirklichkeit ein kapitalistischer Klassiker ist.

Es zeigt, wie aktuell Charles Dickens Roman ›Harte Zeiten‹ immer noch ist. Dickens beschreibt die Situation im England Mitte des 19. Jahrhunderts, als die industrielle Revolution die Städte umkrempelte und ein ungebändigter »Raubtierkapitalismus« die Menschen verschlang. Produktion wurde über alles gestellt, die nichtarbeitenden Superreichen entwickelten das bis heute wirkende Märchen einer heilsbringenden Erwerbsarbeit, und waren doch nur an billigen Arbeitssklaven interessiert. Der wahre Weg zum Reichtum war jedoch – genau wie heute – nicht Erwerbsarbeit, sondern Kapitalbesitz. Es war die Geburtsstunde der sozialen Frage.

Was diesen Roman so zeitlos lesenswert macht, ist die satirische Frische, die von ihm ausgeht. Trotz der bedrückenden Verhältnisse, in die er sich begibt, schafft es Dickens, den Leser auf eine unterhaltsame Reise mitzunehmen. Das gelegentliche Augenzwinkern, die satirische Überspitzung der Charaktere sind typisch Dickens. – Und so manche der aus der Zeit gefallenen Protagonisten wandeln noch heute unter uns. Oft genug als Gäste allabendlicher Talkshows. (© Redaktion eClassica, 2014)

Über den Autor
Der englische Schriftsteller Charles (John Huffam) Dickens (1812–1870) stammte aus relativ einfachen Verhältnissen, geboren wurde er am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth. Seinen Vater sperrte man, weil er nach dem Umzug nach London die Lebenshaltungskosten für seine große Familie nicht mehr aufbringen konnte, sogar für einige Monate in den Schuldturm. Durch sein großes schreiberisches Talent schaffte Charles den Aufstieg, zunächst als Parlamentsstenograph, dann als Journalist und Schriftsteller, später als Herausgeber. Mit ›The Pickwick Papers‹ (1837) und seinem ersten Roman-Bestseller, ›Oliver Twist‹ (1839) wird er einer der bekanntesten Autoren Englands. Neben der Schriftstellerei verdient sich Dickens sein Geld mit Lese- und Vortragsreisen in England und den USA. – Charles Dickens starb am 9. Juni 1870 im Alter von 58 Jahren an einem Schlaganfall.
© Redaktion eClassica, 2014


eClassica – Die Buchreihe, die Klassiker neu belebt.

Drittes Kapitel

Mr. Gradgrind schwebte von der Schule hochzufrieden nach Hause. Es war seine Schule, und er hatte sie zu einem Muster bestimmt. Er wollte aus jedem Kinde darin ein Muster machen– ganz wie die jungen Gradgrinds sämtlich Muster waren.

Es gab fünf junge Gradgrinds und jedes von ihnen war ein Muster. Sie waren von ihrem zartesten Alter an gehofmeistert worden: gehetzt wie junge Hasen. Beinahe seit sie allein laufen konnten, wurden sie angehalten, in die Schule zu laufen. Der erste Gegenstand, mit dem sie in Berührung kamen, oder von dem sie eine Erinnerung hegten, war eine grosse schwarze Tafel, woran ein garstiger Oger schreckliche weiße Figuren mit Kreide malte.

Nicht dass sie etwas von der Natur oder dem Namen Oger wussten. Bewahre die Tatsächlichkeit! Ich bediene mich nur des Ausdrucks, um ein Ungeheuer in einem pädagogischen Kastell zu bezeichnen, das mit einem, der Himmel weiß aus wie vielen Köpfen bestehenden Haupt die Jugend gefangen nahm und sie bei den Haaren in die düsteren statistischen Höhlen schleppte.

Kein Junges von den Gradgrinds hat je ein Gesicht im Monde gesehen. Es war schon oben im Mond, ehe es noch deutlich sprechen konnte. Kein Junges von den Gradgrinds hat je das einfältige Reimgeklingel gelernt: O schimmre, schimmre kleiner Stern. Was du denn bist, wie wüsst' ich's gern! Es hat nie Bewunderung für diesen Gegenstand gehegt, da es schon mit fünf Jahren den grossen Bären wie ein Professor Owen zergliedern und den Charles Wain wie ein Lokomotivführer treiben konnte. Kein Junges von Gradgrinds hat je eine Kuh auf dem Felde mit jener berühmten Kuh mit dem krummen Horn in Verbindung gebracht, die den Hund emporschleuderte, der die Katze erwürgte, die die Ratte tötete, die das Malz fraß, oder mit der noch berühmteren Kuh, die Tom Thumb verschlang. Es hatte nie von jenen Berühmtheiten vernommen und wurde mit der Kuh nur bekannt, als mit einem grasfressenden, wiederkäuenden, vierfüßigen Tier, das diverse Magen hatte.

Mr. Gradgrind lenkte seine Schritte seiner Wohnung der Tatsächlichkeit zu, die den Namen Stone Lodge (Steinhaus) führte. Er hatte sich der Wirklichkeit gemäß von seinem Grosshandel mit Eisenwaren zurückgezogen, ehe er noch Stone Lodge baute und sah sich jetzt nach einer schicklichen Gelegenheit um, eine arithmetische Figur im Parlament auszumachen. Stone Lodge war in einem Marschlande innerhalb einer Meile oder zwei von einer grossen Stadt gelegen, die in dem gegenwärtigen zuverlässigen Wegweiser den Namen Coketown (die Kohlenstadt) führt. Stone Lodge bildete eine ganz regelmäßige Figur auf der Fläche der Gegend. Kein einziger Gegenstand verdunkelte oder umschattete diese unnachgiebige Tatsache in der Landschaft. Ein grosses vierkantiges Haus, dessen Hauptfenster von einem plumpen gewölbten Gang verdunkelt waren, wie die Augenbrauen seines Besitzers dessen Augen umdüsterten. Ein berechnetes, ausgeklügeltes, erwogenes und rekonstruiertes Haus war es. Sechs Fenster auf dieser Seite der Tür, sechs auf jener Seite; im ganzen zwölf auf diesem Flügel und im ganzen zwölf auf jenem Flügel; vierundzwanzig waren auf der Rückseite angebracht. Ein freier Rasenplatz und Garten samt einer jungen Allee, alles schnurgerade abgemessen, wie ein botanisches Register. Die Gasröhren und der Ventilator, die Abzugsgräben und die Wasserleitung, alles war von der vorzüglichsten Beschaffenheit. Eiserne Latten und Bindebalken, feuerfest von oben bis unten. Mechanische Hebemaschinen für die Hausmägde, mit ihren sämtlichen Bürsten und Besen– alles was das Herz begehren konnte.

Alles? Nun, ich nehme es an. Die kleinen Gradgrinds hatten auch Kabinette für verschiedene wissenschaftliche Fächer. Sie hatten ein kleines konchyliologisches Kabinett, ein kleines metallurgisches Kabinett und ein kleines mineralogisches Kabinett. Die Proben waren sämtlich geordnet und mit Zetteln versehen, und die Stücke Metall und Stein sahen aus, als ob sie von ihren verwandten Stoffen mit jenen erschrecklich harten Instrumenten– ihren eigenen Namen– abgelöst worden wären. Wenn nun, um die einfältige Legende von Peter Piper, der nie seinen Weg in ihre Kinderstube gefunden, zu umschreiben, die lüsternen jungen Gradgrinds nach mehr als alledem haschten, was war es, um Gottes Barmherzigkeit willen, wonach die lüsternen jungen Gradgrinds haschten!

Ihr Vater schritt in einer hoffnungsvollen, zufriedenen Gemütsstimmung aus. Er war nach seiner Weise ein zärtlicher Vater. Aber er würde sich wahrscheinlich (wenn er wie Cili Jupe um eine Definition befragt worden wäre) als einen»ausgezeichnet praktischen« Vater bezeichnet haben. Er setzte einen besonderen Stolz in die Redensart»ausgezeichnet praktisch«, was eine besondere Anwendung auf ihn zu haben schien. Was für Versammlungen jemals in Coketown abgehalten wurden und was deren Programm auch immer sein mochte, ganz gewiss ergriff bei einer solchen ein Coketowner die Gelegenheit, auf seinen ausgezeichnet praktischen Freund Gradgrind anzuspielen. Das fand immer den Beifall des ausgezeichnet praktischen Freundes. Er wusste, dass so etwas ihm gebührte; auch war ihm diese Gebühr angenehm.

Er hatte den neutralen Boden außerhalb des Weichbildes der Stadt erreicht, der weder Stadt noch Land war, und doch war eins von beiden beeinträchtigt, als der Klang von Musik an seine Ohren scholl. Die schmetternde und lärmende Bande, die zu der Kunstreitergesellschaft gehörte, und die seit einiger Zeit sich in dem hölzernen Pavillon daselbst niedergelassen hatte, war in vollem Zug. Eine Fahne, die von der Spitze des Tempels flatterte, verkündigte der Menschheit, dass es»Slearys Reitertruppe« sei, die auf ihren Beifall Anspruch erhebe.

Sleary selbst, eine derbe, moderne Statue, mit einer Geldbüchse am Ellbogen, in einer kirchlichen Nische von altertümlicher gotischer Bauart, nahm das Geld. Miss Josephine Sleary weihte damals, wie einige sehr lange und sehr schmale Streifen von Ankündigungszetteln anzeigten, die Belustigungen mit ihrem anmutigen Reiterkunststück des Tiroler Blumentanzes ein.

Unter den sonstigen angenehmen, aber stets höchst moralischen Wundern, die gesehen werden müssen, um geglaubt zu werden, sollte Signor Jupe an jenem Nachmittag»die ergötzlichen Fertigkeiten seines ausgezeichnet dressierten und sich produzierenden Hundes Merrylegs erläutern«. Er sollte ferner vorführen»sein Erstaunen erregendes Kunststück, 75 Zentner in hastiger Aufeinanderfolge rückwärtsüber den Kopf zu schleudern, und auf diese Weise einen Springbrunnen von festem Eisen inmitten der Luft zu bilden: ein Kunststück, das weder in diesem, noch in einem andern Lande je versucht worden, und das, nachdem es einen so entzückenden, stürmischen Beifall unter den begeisterten Ma