1.
Ankunft und Abschied
Nur eine einzige Straße führte nach Bear Isle, die wie eine Brücke die Halbinsel mit dem Festland verband. Daher war Bear Isle, obwohl sie das Wort im Namen trug, keine richtige Insel und trotzdem beinahe gänzlich von Wasser umgeben.
Auf beiden Seiten säumte ein schmaler Streifen Wald die holprige Straße, ähnlich einer Allee, dicht bewachsen mit den für die Gegend typischenWeymouth-Kiefern, die aufgrund ihres hellen HolzesWhite Pines genannt wurden und hier seit vielen Jahrhunderten wuchsen.Baum des Friedens wurde diese Kiefer von den Indianern genannt, die früher im Winter die innere Rinde des Baumes aßen und eine Art Tee aus den langen grünblauen Nadeln brauten. Aus den altgewachsenen Stämmen fertigten sie ihre Einbäume.
Ruckartig riss ich das Lenkrad herum, aber es war zu spät. Mit einem blechernen Geräusch fuhr ich durch eines der zahllosen Schlaglöcher, mit denen die Straße gespickt war. Sofort nahm ich den Fuß vom Gas. Ein Unfall wäre das Letzte, was ich noch brauchte. Ich öffnete das Seitenfenster, und ein würziger, erfrischender Geruch drang ins Wageninnere.
Weihnachten kam mir in den Sinn. Eine Erinnerung, die durch den harzigen Duft an die Oberfläche stieg, und mit ihr auch das Bild der geschmückten Kiefer, die jedes Jahr im Wohnzimmer vor dem Kamin stand. Darunter die bunt eingepackten Geschenke.
Wie hatte ich nur vergessen können, wie gut es hier roch?
Hinter dem Kiefernwald lagen die schroffen, steil abfallenden Felsen, die ins Meer ragten und ebenso wie die Kiefern das Bild dieser Landschaft prägten.
Den beliebten Sandstrand fand man allerdings erst, wenn man weiterfuhr und die dunkle Allee weit hinter sich gelassen hatte. Auf ihn stieß man nur, wenn man fest daran glaubte, dass dort tatsächlich noch etwas anderes kommen könnte als Wald und Wildnis.
Hierher kamen früher die Indianer in den Sommermonaten, wenn sie zum Fischen und Jagen unterwegs waren, bis man sie nach und nach Richtung Westen gedrängt hatte und sie schließlich ganz aus der Gegend verschwunden waren. Auch hatten damals zahllose Bären auf der Halbinsel gelebt, denen sie ihren Namen verdankte. Heute gab es hier nur noch wenige von ihnen.
Die Einwohner von Bear Isle waren einfache Menschen, die hauptsächlich vom Hummerfang lebten und von den Blaubeeren, die hier wild wuchsen. Blaubeeren begegnete man auf der Halbinsel überall: in den Läden in Form von Muffins, Gelee und Säften oder gedruckt auf Schürzen, Tassen und Postkarten.
Als ich endlich das Ortsschild sah, war es halb vom dichten Blattwerk des unbändig wachsenden Efeus überwuchert, so dass nur das WortIsle zu lesen war.
Schon als Kind empfand ich es als beklemmend, dass ich beinahe nur von Wasser umgeben war. Die Vorstellung, dass es nur diese eine Straße gab, die mich hier rausbrachte, wenn ich fliehen musste, ließ mich an eine Maus denken, die in der Falle saß. Dabei gab es nichts, weshalb wir Bear Isle hätten fluchtartig verlassen müssen. Selbst Tornados, die hier ab und zu im Sommer an die Küste kamen, hatten die Halbinsel nie erreicht. Und dennoch war ich irgendwann geflohen.
* * *
Es war ein Drama gewesen, das Auto am Flughafen zu mieten. Sie hätten meine Reservierung nicht erhalten, hatte die Frau am Schalter gemeint. Dabei war ich mir sicher, genau mit dieser Dame vor wenigen Stunden gesprochen zu haben, die mich nun an der Rezeption des Autovermieters fragte, ob ich tatsächlich angerufen hätte, und ganz offensichtlich versuchte, mich loszuwerden.
Ich bin schnell gereizt. Eine unschöne Eigenschaft, die ich nicht immer kontrollieren kann. Heute musste ich nett sein, ich brauchte dringend einen Wagen. Trotzdem konnte ich einen unfreundlichen Ton in meiner Stimme nicht ganz vermeiden und fragte die korpulente Dame hinter dem hölzernen Tresen, der gerade so hoch war, dass es aussah, als hätte sie ihre üppigen Brüste darauf abgelegt: »Sie haben also da draußen keinen einzigen Wagen stehen?« Dabei zeigte ich mit dem Finger durch die große Scheibe dorthin, wo aneinandergereiht zahllose frisch polierte Wagen standen, in allen Kategorien von Economy bis hin zur