1. Rituale in unserer Gesellschaft
Die uns bekannten alten Kuturen hatten ausnahmslos eine Gemeinsamkeit: Aus Symbolen formten sie Rituale für die besonderenÜbergangsphasen des Lebens, aber auch für den Alltag und seine Anforderungen. Nur der moderne Mensch glaubt, ohne Rituale auszukommen, und hält sie fürüberholten Aberglauben. Auf diesem Hintergrund ist es um so erstaunlicher, wie viele Rituale sich in unsere aufgeklärte Zeit gerettet haben. Unbemerkt oder geflissentlichübersehen, beherrschen sie noch immer das Bild der Gesellschaft. Neben den wenigen verbliebenen bewußten Ritualen wie Taufe, Konfirmation, Firmung, Eheschließung und Begräbnis gibt es unzählige halb- und unbewußte Handlungen, die von ihrem Ritualcharakter leben. Kleine Zwangsrituale füllen den Alltag, etwa wenn erwachsene Menschen plötzlich nicht umhin können, eigenartige Schrittfolgen auf dem Muster des Trottoirs zu entwickeln, beim Eisenbahnfahren geradezu zwanghaft die vorbeihuschenden Masten zählen, wenn fünfmal nachgeprüft werden muß, ob das Auto wirklich zu, die Haustür verschlossen ist, die Stecker aus den Steckdosen gezogen sind und so weiter und so fort. Alle diese Handlungen haben keinen logisch faßbaren Sinn, es geht lediglich, wie für Rituale typisch, um das Tun an sich. Neben solch alltäglichen und scheinbar nebensächlichen gibt es auch eine Fülle von wichtigen Ritualen.
Unser Gerichtswesen baut darauf auf, daß die Mitglieder der Gesellschaft an dieses alte Ritual der Rechtsprechung glauben und es anerkennen. Der rituelle Charakter wird bei jeder Verhandlung im streng ritualisierten Ablauf deutlich. Die Gerichtsordnung entspricht fast der eines Ordens. Die Roben der Richter, Ankläger und Verteidiger sind bedeutungsschwangere Ritualgewänder. Aus welch anderem Grund sollte ein erwachsener Jurist ein Kleid und eine Perückeüberstreifen, wenn nicht, um Justitia rituell zu dienen. Wie der Priester hat der Richter sein Amt ohne Ansehen der eigenen oder der abzuurteilenden Person zu versehen. Während er seines Amtes waltet, ist er nur den Regeln des Gerichtsrituals unterworfen und hat bis zum Ende der Verhandlung aufzuhören, eine individuelle Privatperson mit Privatmeinungen zu sein. Gelingt ihm dies nicht und ist er anderen als ausschließlich den gerichtlichen Regelbüchern verpflichtet, wird er als befangen abgelehnt.
Jeder Abschluß eines Vertrages, das bewußte Anerkennen eines Sachverhaltes durch die eigenhändige Unterschrift, erfüllt die Kriterien eines Rituals. Es ist eben nicht möglich, den Namen unter das Schriftstück zu tippen oder zu stempeln, obwohl er dann sogar besser lesbar wäre. Bei politischen Verträgen ist das Zelebrieren der Ratifizierung als Ritual der Anerkennung besonders augenfällig. Auch der gewöhnliche Verkehr der Menschen untereinander ist rituellen Regeln unterworfen, die an sich und funktional betrachtet wenig Sinn ergeben. Warum gibt man sich zur Begrüßung ausgerechnet die rechte offene Hand und nicht die linke Faust? Unser Leben ist durch Symbole und Zeichen bestimmt, von den Farben der Kleidung bis zu den Verkehrszeichen. Alle solcherart ausgestatteten rituellen Abläufe leben davon, daß sie anerkannt und befolgt werden. Verkehrsregeln und -zeichen machen an sichüberhaupt keinen Sinn, aber von allen respektiert, regeln sie die schwierigsten Situationen. Rituale sind nicht logisch, sondern symbolisch, sie sind die wirkenden Muster. Ohne sie wäre gesellschaftliches Zusammenleben unmöglich.
Das Problem dabei ist, daß unbewußte Rituale nicht so gut funktionieren wie bewußte und in modernen Industriegesellschaften diesbezüglich eine starke Tendenz zur Unbewußtheit vorherrscht. Die Bedeutung der Rituale verliert ihre Verankerung im Bewußtsein immer nachhaltiger und sinkt in den Schatten. An der gesellschaftlichen Oberfläche verkommen sinnentleerte Formen zu Gewohnheiten. Diese sind auf Grund ihrer tiefen Wurzeln in den ehemals bewußten Mustern immer noch ausgesprochen zählebig. Wenn der ursprüngliche Sinn schon lange vergessen ist,überdauern Gewohnheiten und geben der Gesellschaft weiterhin einen Rahmen. Versuche, sie wegzureformieren, scheitern häufig an ihrer tiefen Verwurzelung. Mit wieviel Elan die französischen Revolutionäre von 1789 auch versuchten, die 7-Tage-Woche in einen logischeren und produktiveren Zehnerrhythmus umzuwandeln, der Siebenerrhythmus war zu tief in der Wirklichkeit verankert undüberdauerte die Revolution.
Selbst wenn wir die Wurzeln nicht mehr kennen, aber den daraus gewachsenen Regeln weiter folgen, bleiben wir in der Geborgenheit der Muster. Die Gefahr ist lediglich, daß mit der Bewußtheit auch die seelische Ladung nachläßt. Werden die Regeln nur noch mechanisch ohne Bewußtheit vollzogen, verwässern sie. Wenn ihr Sinn nicht mehr erkannt wird, erscheinen sie uns sinnlos. Deshalb deuten wir sie nicht mehr, und notgedrungen verlieren sie an Bedeutung.
2. Rituale desÜbergangs
DieÜbergangsstadien des Lebens erfordern Rituale und bekamen sie zu allen Zeiten. Während archaische Kulturen auf die initiatische Kraft von Pubertätsriten vertrauten, haben wir deren letzte Relikte, Konfirmation und Firmung, weitgehend entwertet. Nicht ausreichend mit Bewußtheit geladen, degenerieren sie zu Gewohnheiten, die ihre Funktion kaum noch erfüllen. Für heutige Jugendliche ist es schwerer, erwachsen zu werden, fehlen ihnen doch bewußteÜbergangsrituale, die sie im neuen Muster der Erwachsenenwelt mit seinen ganz anderen Regeln und Symbolen sicher verankern. Wo wir glaubten, ihnen die Greuel dunkelsten Aberglaubens ersparen zu können, beraubten wir sie wesentlicher Reifungschancen. So hart und grausam die entsprechenden Riten archaischer Kulturen gewesen sein mögen, vom tagelangen A