PROLOG
Anno Domini 1377
Unter dem Bett standen Schalen mit dunklem königlichen Blut, die der Arzt vergessen hatte. Alice Perrers saß zusammengesunken auf einem Stuhl, müde von der Anstrengung, dem König seine Rüstung anzulegen. Die Luft im Zimmer roch säuerlich nach Schweiß und Tod, und Edward lag da wie seine eigene Grabmalfigur, weißbärtig und bleich.
Alice blickte ihn an, in ihren Augen standen Tränen. Der Schlag, der Edward niedergestreckt hatte, war aus heiterem Himmel gekommen, unsichtbar wie ein warmer Windstoß. Leise beugte sie sich vor und wischte den Speichel ab, der aus seinem schlaffen Mundwinkel troff. Wie stark war er einst gewesen, ein Mann unter Männern, der von morgens bis abends kämpfen konnte. Noch glänzte seine Rüstung, aber sie war zerschrammt und voller Narben, wie der Körper, den sie bedeckte und dessen Fleisch und Muskeln verkümmert waren.
Sie war sich nicht sicher, ob er sieüberhaupt noch hörte, deshalb wartete sie darauf, dass er die Augenöffnete. Sein Bewusstsein kam und schwand, Lebenszeichen, die im Laufe des Tages immer kürzer und schwächer wurden. Im Morgengrauen war er wach geworden und hatte flüsternd darum gebeten, dass man ihm seine Rüstung anlege. Der Arzt war aufgesprungen und hatte einen neuen Absud geholt, den der König trinken sollte. Schwach wie ein Kind hatte Edward sich gegen dasübel riechende Gebräu gewehrt und angefangen zu würgen, als der Arzt es ihm mit Gewalt einflößen wollte. Als Alice das merkte, hatte sie entschlossen eingegriffen. Trotz seiner wütenden Proteste hatte sie den Arzt aus den königlichen Gemächern gedrängt und seine Drohungen ignoriert, und schließlich war es ihr gelungen, die Tür hinter ihm zu schließen.
Edward hatte gesehen, wie sie seinen Kettenpanzer vom Ständer nahm, undüber sein Gesicht war ein Lächeln gehuscht, dann hatten sich seine blauen Augen wieder geschlossen, und er war in die Kissen zurückgesunken. Eine Stunde hatte sie, hochrot vor Anstrengung und sich immer wieder den Schweiß abwischend, mit Lederriemen, Schnallen und Metall gekämpft, um den alten Mann, der sich aus eigener Kraft nicht mehr bewegen konnte, hin und her zu rollen. Doch ihr Bruder war ebenfalls ein Ritter, und es war nicht das erste Mal, dass sie einem Mann die Rüstung anlegte.
Als sie ihm schließlich noch die Panzerhandschuheüber die Hände gezogen hatte und sich dann erschöpft zurücklehnte, nahm er es kaum noch wahr, leise stöhnend schwankte er zwischen Bewusstsein und Ohnmacht. Seine Hände zuckten unruhig auf der zerwühlten Decke, und endlich begriff sie, was er wollte. Alice griff nach dem großen Schwert, das an der Wand lehnte, sie musste es mit beiden Armen hochheben, um es so hinzulegen, dass seine Hände den Griff umschließen konnten. Sie dachte zurück an die Zeit, da Edward diese Klinge geschwungen hatte, als sei sie federleicht. Sie wischte sich die Tränen ab, als seine Hand sich krampfhaft darum schloss, wobei der Panzerhandschuh in der Stille ein leise knirschendes Geräusch machte.
Jetzt sah er wieder aus wie ein König. Es war geschafft. Sie nickte zufrieden, denn wenn seine Stunde gekommen sein würde, sähe er aus wie früher. Sie zog einen Kamm aus der Tasche und fing an, ihm den weißen Bart und das wirre Haar zu kämmen. Es würde nicht mehr lange dauern. Die rechte Seite seines Gesichts war schlaff, sah aus wie geschmolzenes Wachs, und seine Atemzüge kamen röchelnd und unregelmäßig.
Mit ihren achtundzwanzig Jahren war sie fast vierzig Jahre jünger als der König, doch bis zu seiner Krankheit war Edward rüstig und stark gewesen, und es schien, als würde er ewig leben. Solange sie denken konnte, war er der Herrscher gewesen, und sie kannte auch niemanden, der sich an seinen Vater erinnerte, und noch viel weniger an den mächtigen»Schottenhammer«, der vor ihm regiert hatte. Mit ihren Schlachten, von denen niemand für möglich hielt, dass sie zu gewinnen seien, hatte die Familie der Plantagenets England zusammengeschweißt und Frankreich in Stücke gerissen.
Ihr Kamm blieb in seinem Bart hängen. Der Königöffnete die blauen Augen und sah sie an. Alice erschauerte unter seinem ernsten Blick– ein Blick, der sie immer wieder hatte schwach werden lassen.
»Ich bin da, Edward«, sagte sie fast flüsternd.»Ich bin da. Du bist nicht allein.«
Die linke Seite seines Gesichts verzog sich zu einer Grimasse, und er hob seinen linken Arm, ergriff ihre Hand mit dem Kamm und ließ ihn wieder sinken. Jeder Atemzug bereitete ihm Mühe, und bei dem Versuch zu sprechen, lief er vor Anstrengung rot an. Alice beugte sich zu ihm hinunter, um ihn zu verstehen.
»Wo sind meine Söhne?«, fragte er, wobei er kurz den Kopf vom Kopfkissen hob. Seine rechte Hand lag zitternd auf dem Schwertgriff, was ihn zu trösten schien.
»Sie kommen, Edward. Ich habe Boten nach John ausgesandt, die ihn von der Jagd zurückrufen werden. Edmund und Thomas sind im anderen Flügel. Sie werden alle kommen.«
Noch während sie sprach, hörte sie polternde Schritte und Männerstimmen. Sie kannte seine Söhne gut und bereitete sich innerlich darauf vor, dass dieser intime Moment jetzt zu Ende war.
»Sie werden mich wegschicken, mein Geliebter, aber ich werde in deiner Nähe bleiben.&la