EIN DÜSTERER MORGEN
Es war ein düsterer Morgen für Glond, kalt und nass und voller trüber Gedanken. Nachdenklich stand er am Fenster und blickte auf die grauen Dächer von Süd-Derok hinab, die sich dicht gedrängt die Flanke des Bergs hinaufzogen. Schmale Gassen, in denen sich trotz der frühen Stunde bereits die ersten Dalkar zeigten, um schmutzig graue Schneereste vor ihren Türen beiseitezuschaufeln und ihre Waren für den Markt zu schultern, der seit der Zerstörung der Nordstadt auf dem Richtplatz abgehalten wurde. Die Stadt war überfüllt mit Dalkar. Untere aus dem Süden, die erst vor Kurzem mit ihren Kriegern in der Festung eingetroffen waren. Clans aus den Ebenen, die von den Orks in den Süden getrieben worden waren, und unter ihnen die überlebenden Bewohner der Nordstadt. Im äußeren Mauerbereich waren die Königlichen stationiert, die dem direkten Befehl von General Variscit unterstellt waren. Eine kluge Entscheidung, denn inoffiziell sollten sie Sorge dafür tragen, dass die wilden Bergclans, die am Fuß der mächtigen Wehrmauer ihre Zelte aufgeschlagen hatten, nicht allzu viel Ärger in der Südstadt verursachten.
Nach seiner Rückkehr hatten die Herren der Stadt ihn mit Ehren überhäuft. Sie hatten ihm auf die Schulter geklopft, bis sie erneut zu schmerzen begann, hatten ihm einen nichtssagenden Titel verliehen und feierlich die silbernen Schellen angesteckt, die an seinem kurzen Bart ziemlich lächerlich wirkten und außerdem beim Essen störten. Und als sie damit fertig waren, hatten sie nicht so recht gewusst, was sie noch mit ihm anfangen sollten. Helden waren eine schöne Sache, aber eher etwas für Geschichtstafeln und düstere Erzählungen vor dem prasselnden Kaminfeuer. Im täglichen Leben hatten sie wenig Nutzen. Vor allem, wenn sie keine Adelstitel trugen und sich nicht so recht zum Kämpfen eigneten.
Zunächst hatte ihn das amüsiert. Doch mit der Zeit hatte sich eine eigenartige Unruhe in Glond breitgemacht, die von Tag zu Tag größer wurde. Beinahe ebenso wie der dumpfe Schmerz, der seit dem Kampf gegen den Echsenmann in seiner Schulter saß. Die Verletzung hatte am Anfang gar nicht so schlimm ausgesehen, doch sie hatte sich als hartnäckig herausgestellt. Ein tief sitzendes Stechen, das sich besonders in kalten Winternächten bemerkbar machte und ihn täglich neu an die Geschehnisse in der Orkstadt erinnerte. Nachdenklich massierte er das Gelenk und bohrte die Fingerspitzen tief in den darüberliegen Muskel, bis der Druck den Schmerz für einen Augenblick verdrängte.
Sein Blick wanderte zu dem mächtigen Kamin, in dem die letzte Glut des Vorabends glimmte. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie der Echsenmann in die Flammen gestürzt war. Zusammen mit diesem verfluchten Stein, der das ganze Unheil verursacht hatte. Die Herzen der getöteten Krieger hatten seinen Bann gebrochen – jedenfalls hatte ihm das die Schamanin der Orks erzählt. Das Feuer hatte dann den Rest besorgt. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, tauchte das Gesicht des Echsenmanns vor ihm auf. Die Verzweiflung in seinem Blick, während er fiel, die panische Angst in den schwarzen Pupillen, die schon lange nicht mehr seine eigenen gewesen waren. Welcher böse Geist sich auch seiner Seele bemächtigt hatte, war am Ende in den Flammen umgekommen. So viel war sicher.
Oder etwa nicht?
In den wenigen Augenblicken bevor