Zwei
Meine Beine schlotterten so stark, dass ich Angst hatte wegzuknicken wie eine neugeborene Giraffe, die sich das erste Mal auf eigenen Beinen halten will. Ich wusste nicht, wer dieser fremde Mann war und was er in unserem Häuschen zu suchen hatte. War er ein Einbrecher? Dann hätte er sich wohl kaum zum Schlafen auf das Sofa gelegt, sondern wäre mit seiner Beute verschwunden. Doch mit welcher Beute? Bei uns gab es fast nichts zu holen. Jedenfalls nichts, was einen Wiederverkaufswert von mehr als fünfzig Euro hatte. Vielleicht war es aber genau das: Der Mann hatte sich geärgert, dass sein Beutezug so unergiebig war, und wollte nun aus den Bewohnern des Häuschens versteckte Wertsachen herauspressen. Also aus mir. Wie gesagt besitze ich allerdings gar nichts von Wert und kann deswegen auch nirgendwo irgendwelche Preziosen versteckt haben, die ich unter Ausübung von Gewalt hervorzaubern könnte, und die Geheimnummer meiner Scheckkarte vergesse ich sowieso immer wieder. Und sicherlich würde sie mir erst recht auf gar keinen Fall einfallen, wenn ich mit einem Messer an der Gurgel vor einem Geldautomaten stünde.
Ich blieb wie versteinert in der Tür zur Küche stehen, konnte mich nicht bewegen. Natürlich hätte ich laut um Hilfe schreien können, aber der nächste Nachbar ist zu weit entfernt – es ist der Olivenbauer Giminetti, im Übrigen ein entfernter Großneffe von Signora Scolari – und hätte mich allein aus diesem Grund kaum gehört. Außerdem weiß jeder im Dorf, dass er nachts gerne in Überlautstärke alten italienischen Schlagern lauscht. In Ohnmacht fallen konnte, nein, durfte ich nicht, verursacht doch selbst ein Winzling wie ich, wenn er denn fällt, ziemlichen Lärm. Der Eindringling wäre aufgewacht und hätte unvermittelt mit seinen Folterungen beginnen können, um die geheimen Aufbewahrungsplätze der nicht vorhandenen Wertgegenstände aus mir herauszupressen. Ich wusste, dass ich irgendwas unternehmen musste, aber gerade dieses Wissen lähmte meine Gedanken – mal abgesehen von dem Muffensausen, das ich gerade hatte. So stand ich weiter nur da und schaute und schlotterte.
Auch wenn der Mann bestimmt schon über siebzig Jahre alt sein mochte, wirkte er kräftig und groß. Seine Hände konnte ich nicht sehen, er hatte diese hinter seinem Nacken verschränkt, die etwas längeren grauen Haare fielen ihm ziemlich wirr kreuz und quer über seine Stirn und teilweise das Gesicht. Ein angedeuteter Dreitagebart. Um den Hals hatte er so eine Art buntes Piratentuch gebunden, weiß mit roten Punkten. Das Hemd war kariert und stand halb offen. Auf dem rechten Oberarm präsentierte sich ein Tattoo, dessen Motiv ich nicht erkennen konnte.
Ich für meine Person würde mich nie im Leben tätowieren lassen, nicht nur weil das verdammt wehtun muss, sondern weil ich Tattoos einfach lächerlich finde. Und vor allem weiß man doch, wie wichtig unsere Haut ist und dass unter der Haut nicht nur Adern und Nervenstränge verlaufen, sondern auch andere Funktionsbahnen des Körpers – ich sage nur: chinesische Medizin und Akupunktur! Deshalb darf man in solch einem bedeutsamen Organ wahrlich nicht rücksichtslos und nach Belieben mit einer Nadel herumstich