Aus dem Eingangskapitel vonVormund vonJESS: Mein Leben mit einer der»Drei« von Paul Craddock (unter Mithilfe von Mandi Solomon).
Ich habe Flughäfen immer gemocht. Nennen Sie mich einen hoffnungslosen Romantiker, aber früher fand ich nichts spannender, als zu beobachten, wie Familien und Liebespaare einander wiedersehen– dieser Bruchteil einer Sekunde, wenn die müden Sonnenbrandträger durch die Glastür treten und ihre Augen im Moment des Wiedererkennens aufleuchten. Als Stephen mich bat, ihn und die Mädchen von Gatwick abzuholen, erfüllte ich ihm den Wunsch mit Freuden.
Ich kam eine gute Stunde zu früh. Ich wollte eher da sein, in Ruhe einen Kaffee trinken und Leute beobachten. Heute erscheint mir die Vorstellung befremdlich, aber an jenem Nachmittag war ich bester Laune. Man hatte mich zu einem zweiten Vorsprechen für die Rolle des schwulen Butlers in der dritten Staffel vonCavendish Hall eingeladen (ich bin auf solche Rollen festgelegt, natürlich, aber mein Agent Gerry war der Meinung, dass ich damit endlich den großen Durchbruch schaffen würde), und ich hatte zudem einen Parkplatz gefunden, der keinen Tagesmarsch vom Eingang des Terminals entfernt lag. Und es war mein Genießertag, ich erlaubte mir einen Latte mit extra viel Schaum, bevor ich mich zu der Menschentraube gesellte, die hinter der Gepäckausgabe auf die Heimkehrer wartete. Neben dem Cup’n Chow war ein Team von mauligen, unfassbar ungeschickten Praktikanten dabei, eine kitschige, längstüberfällige Weihnachtsdeko aus dem Schaufenster zu räumen. Ich beobachtete das Drama belustigt, denn mir war in keiner Weise bewusst, dass mein eigenes in Kürze beginnen würde.
Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, einen Blick auf die Ankunftstafel zu werfen und mich zu informieren, ob der Flug pünktlich war, und so erwischte es mich völlig unvorbereitet, als eine nasale Stimme aus den Lautsprechern tönte:»Alle Abholer für Go!Go!-Airlines Flug 277 aus Teneriffa. Bitte begeben Sie sich zum Informationsschalter. Vielen Dank.«Ist das nicht Stephens Flug?, dachte ich undüberprüfte die Angaben in meinem Blackberry, ohne mir große Sorgen zu machen. Wahrscheinlich war ich der Meinung, der Flug habe Verspätung. Es kam mir nicht in den Sinn, mich zu wundern, warum Stephen mich nicht angerufen und vorgewarnt hatte.
Man denkt immer, so etwas passiert nur den anderen, nicht wahr?
Anfangs war unsere Gruppe klein– andere Abholer, die wie ich früh dran waren. Ein hübsches Mädchen mit einem herzförmigen Luftballon am Stiel, ein Typ mit Dreadlocks und Ringerfigur, ein Paar im mittleren Alter mit Raucherteint und identisch aussehenden, kirschroten Trainingsanzügen. Keine Leute, mit denen ich unter normalen Umständen freiwillig Zeit verbringen würde. Seltsam, wie sehr der erste Eindruck manchmal täuscht. Sie alle zähle ich inzwischen zu meinen engsten Freunden. Nun ja, so eine Erfahrung schweißt zusammen, nicht wahr?
Die entsetzte Miene des pickligen Teenagers, der hinter dem Infotresen stand, und das käsebleiche Gesicht der Frau vom Sicherheitsdienst daneben hätten mir gleich sagen müssen, dass etwas Schlimmes auf mich zukommen würde. Aber in dem Moment fühlte ich nichts als eine gewisse Gereiztheit.
»Was ist denn los?«, fuhr ich den Jungen mit feinstemCavendish-Hall-Akzent an.
Der Teenager fing an zu stottern. Wir sollten ihm bitte folgen, man würde uns»weitere Informationen zukommen lassen«.
Wir alle gehorchten, obwohl ich mich zugegebenermaßen darüber wunderte, dass das Ehepaar im Jogginganzug keinenÄrger machte. Sie wirkten nicht wie Leute, die irgendwelchen Aufforderungen nachkamen. Aber wie sie mir später bei einem Treffen unserer 277-Selbsthilfegruppe erzählten, befanden sie sich in dem Moment bereits in der Verleugnungsphase. Siewollten gar nicht wissen, was passiert war, und falls das Flugzeug einen Unfall gehabt hatte, wollten sie es nicht aus dem Mund eines jungen Mannes hören, der noch halb in der Pubertät steckte. Der Teenager eilte voraus, vermutlich nur, um unseren Fragen zu entgehen, und führte uns zu einer unauffälligen Tür direkt neben dem Zoll. Wir liefen durch einen langen Korridor, dessen abgeblätterte Wandfarbe und abgewetzter Teppichboden uns ahnen ließen, dass dieser Flughafenbereich normalerweise nicht den Blicken derÖffentlichkeit ausgesetzt war. Ich weiß noch, dass ich einen rebellischen Hauch von Zigarettenqualm wahrnahm, der unter krasser Missachtung des allgemeinen Rauchverbots aus einem der Büros wehte.
Wir erreichten