Einführung in die Welt der Polarität, der Urprinzipien und Archetypen
In der Zahlenmystik ist die Eins die Zahl des Männlichen, die Zwei die des Weiblichen. Schon von daher ist das Weibliche viel mehr mit der Polarität verbunden. Ausdrücke wie»Frau Welt«,»Mutter Natur« und»Materie« verdeutlichen das. Insofern mag es naheliegen, daß das Weibliche, die Frau auch mehr an und in der Polarität leidet oder mehr dazu neigt, körperliche Probleme zu entwickeln.
Oberhalb der Gürtellinie gleichen sich die Geschlechter trotz einiger kleiner Unterschiede weitgehend. Natürlich haben Frauen größere Brüste und schmalere Schultern, aber im wesentlichen bestehtÜbereinstimmung. Unterhalb der Gürtellinie dagegen liegt das eigentliche Feld der Polarität mit seinen in Form und Funktion so konträren, das heißt polaren Geschlechtsorganen. Hier spielt sich auch die hauptsächliche Auseinandersetzung mit Polarität in Form der Sexualität ab. Geschlechtsverkehr ist somit eine Art der körperlichen Auseinandersetzung mit der Polarität. Im Glücksfall führt diese zu einer kurzfristigen Aufhebung der Polarität im Einheitsgefühl des Orgasmus, der im Idealfall einem Einswerden mit sich und dem Partner und vielleicht sogar der Welt entspricht.
Wenn Freud statt des Wortes»Sexualität«öfter das Wort»Polarität« gebraucht hätte, wären viele seiner Erkenntnisse noch umfassender und vor allem stimmiger. Denn nicht alles Polare ist sexuell, aber alles Sexuelle polar. Dieses Problem spielt auch in unser Thema hinein, denn schnell laufen gynäkologische Krankheitsbilder auf Probleme mit Sexualität hinaus. Wenn es gelingt, dahinter immer auch das Mitschwingen der Grundpolarität des Weiblichen und Männlichen und damit die grundsätzlichste Aufgabe in dieser Schöpfung zu erkennen, wird unser ganzes Unterfangen tiefer und befriedigender.
Ohne in zu philosophische Tiefen eintauchen zu wollen, erscheint es uns zudem wichtig, kurz auf die Urprinzipienlehre einzugehen und anschließend noch die zentralen Archetypen unseres Themenbereichs zu skizzieren. Die Ausdrücke»Urprinzip« oder»Archetyp« beziehen sich auf eine uralte Typenlehre, deren Entstehung sich jeder geschichtlichen Erforschung entzieht, weil sich ihre Spuren im Dunkel der Vorzeit verlieren. Nach Auffassung der hermetischen Philosophie sind die Urprinzipien von Anfang an da, sozusagen präexistent und originärer Teil der Schöpfung. Auch nach Auffassung der Jungschen Psychologie sind Archetypen etwas Vorgefundenes, nicht von Menschen Ausgedachtes. (Eine detailliertere Einführung zur Bedeutung von Urprinzipien für die psychosomatische Medizin bringt das BuchKrankheit als Sprache der Seele.)
Vergleichbar den Instinkten der Tiere – etwa dem Wissen um Paarungsrituale, Nestbau usw.– sind dem Menschen grundsätzliche psychische Muster angeboren, das heißt, die Seele schlüpft mit der Geburt in ein bestimmtes Gewebe an Verhaltensmustern, die seit C. G. Jung als Archetypen bezeichnet werden. Die Archetypen leben im kollektiven Unbewußten, einer Art Urmeer aus Bildern, Mythen, Symbolen, Erlebtem. Einige wenige besonders wichtige Archetypen werden als Urprinzipien bezeichnet.
Archetypen sind unendlich wichtiger, als wir es uns eingestehen. Sie bestimmen unsere moderne Welt, die davon zumeist keine Ahnung hat. Unsere hohe Kaiserschnittrate dürfte etwa mit dem christlichen Marienarchetyp zusammenhängen, der davon ausgeht, daßfrau ohne Unterleibsbeteiligung Frau zu sein hat. Beim Kaiserschnitt bleibt der Unterleib aus dem Spiel und die Spielwiese des Mannes gänzlich unverändert. Es ist eine Entscheidung gegen die Frau und ihr Kind zugunsten des Mannes, dessen Rechte in patriarchalischen Zeiten unangefochten an erster Stelle rangieren. Das gilt auch, wenn immer wieder Frauen von sich aus einen Kaiserschnitt fordern – zum Teil aus bewußter Angst, zum Teil aber auch mehr oder weniger unbewußt, um dort unten alles»intakt« zu lassen. Daß auch die Frauen solche tief verwurzelten Muster mit tragen und vertreten, ist im Rahmen eines so alten und daher starken Feldes sehr verständlich. Natürlich gibt es in der Gynäkologie eine Fülle gleichsam als objektiv dargestellter medizinischer Gründe für den Kaiserschnitt, trotzdem fällt auf, daß in nicht vom Marienarchetyp beeinflußten Kulturen Kaiserschnitte sich nicht annähernd zu einer solchen Modeerscheinung entwickeln konnten.
In einem Land wie Brasilien, wo der Kaiserschnitt eine Art Prestigesache ist, spielt ebenfalls das christliche Motiv der Madonna herein, die eben ohne Unterleibsbeteiligung Mutter wurde. Zusätzlich ist hier auch der Wunsch, den Geburtsschmerz zu vermeiden, nicht zuübersehen. Es spricht einiges dafür, daß dieser eine Rolle bei der Entwicklung einer stabilen Mutter-Kind-Beziehung spielt und diese nach einem Kaiserschnitt geringer ausgeprägt ist. Andererseits wäre es aber auch möglich, daß gerade die Mütter von sich aus zum Kaiserschnitt neigen, die sowie