Kapitel 2
Der Gott, der die Ausgestoßenen sucht
Sie wartete, bis die Luft rein war. Sie wollte keine der anderen Frauen treffen, die sehr deutlich gemacht hatten, dass sie ihre Anwesenheit als Zumutung empfanden. Sie hielt das Geläster, die abfälligen Bemerkungen und missbilligenden Blicke nicht mehr aus. Als sie sich vor einigen Wochen dem Brunnen genähert hatte, um Wasser zu schöpfen, hatten die anderen Frauen – die sich sehr wohl bewusst waren, dass sie sie hören konnte –, einander gewarnt, ihre Ehemänner von ihr fernzuhalten.
»Sie ist eine Verführerin!«, hatte eine von ihnen laut geflüstert.»Wusstet ihr schon, dass sie bereits fünf Ehemänner aus anderen Dörfern gehabt hat?«
Eine andere Frau hatte das Wort ergriffen:»Und der Mann, mit dem sie jetzt zusammenlebt, ist noch nicht einmal ihr Ehemann.«
In ihrer Unsicherheit fingen sie an, alle möglichen haltlosen Anschuldigungen gegen sie vorzubringen.
»Sie ist leicht zu haben!«
»Ehe du dich versiehst, klaut sie dir deinen Mann.«
»Lass dich nicht von ihrem unschuldigen Blick und dem betörenden Lächeln täuschen!«
Pikante Details ihres Könnens als»Männerstehlerin« hatten sich rasend schnell in ihrem Dorf verbreitet und ihr auch noch das letzte verbliebene bisschen Würde geraubt.
Schon bald war sie eine Ausgestoßene im Dorf. Niemand wagte es, sich mit ihr anzufreunden. Seit sie dorthin gezogen war, hatte sie alles versucht, um ihre Vergangenheit im Dunkeln zu lassen. Doch als die Nachrichten die Runde machten, wollte niemand ihre Seite der Geschichte hören. Sie wurde in eine Schublade gesteckt: die Frau mit der zweifelhaften Vergangenheit. Das Urteil war bereits gesprochen – sie war eine Frau, die Ehen und Familien zerstörte! Was gab es da sonst nochüber sie zu wissen?
Seit Wochen hatte sie mit niemandem mehr gesprochen. Wilde Geschichtenüber die Hintergründe, warum sie fünf Ehemänner hatte, verbreiteten sich im Dorf wie ein Virus. Um sich selbst zu schützen und erneutem Kontakt mit den anderen Frauen aus dem Weg zu gehen, hatte sie eine Strategie entwickelt. Da alle Frauen ihre Wasservorräte während des kühlen Morgens auffüllten, machte sie ihren täglichen Gang zum Brunnen von nun an nur noch, wenn die Sonne am höchsten stand. Lieber ertrug sie die erbarmungslose Mittagshitze als die Verachtung und Beleidigungen der Frauen. Seit ihrem Entschluss ging sie still zum Brunnen, begegnete dabei niemandem und zog sich wieder in die Einsamkeit zurück, nachdem sie sich ihre Wasserration geholt hatte.
An diesem einen Tag wartete sie wieder geduldig darauf, dass die Sonne ihren Zenit erreichte. Dabei hatte sie keine Ahnung, dass die Sonne der Gerechtigkeit[1] bereits am Brunnen auf sie wartete.
Ein Retter, der sich den Unvollkommenen zuwendet
Du kannst von dieser Frau im Johannesevangelium (siehe Joh 4,1-42) lesen. Wenn du ihre Geschichte oder auch jede andere Geschichte in der Bibel liest, nutze deine Vorstellungskraft – nicht, um die Bedeutung der biblischen Texte zu verändern, sondern um auf die Details zu achten und die Schätze zu finden, die Gott darin für dich als Segen versteckt hat. Werde selbst Teil der Geschichte. Diese Personen sind keine Märchengestalten. Sie sind echte Menschen, die vor echten Herausforderungen stehen und einen sehr echten Retter haben!
Es gibt keine unbedeutenden Details in der Bibel. Im Text wird uns explizit gesagt, dass Jesus um die Mittagszeit am Brunnen auf die Frau wartete. Es wird auch erwähnt, dass Jesus von Judäa nach Galiläa zog und es heißt sogar:»Ermusste aber durch Samaria ziehen« (Joh 4,4ELB).
Er musste. Dieses Wort drückt nicht nur eine Notwendigkeit aus, sondern unterstreicht eine feste Entschlossenheit und sogar Dringlichkeit!
Die Jünger Jesu waren sicherüberrascht, als er sagte, er müsste durch Samaria gehen. Diese Route nach Galiläa hatten sie noch nie genommen. Es war Brauch bei den Juden jener Zeit, jeden Kontakt mit den Samaritern zu vermeiden. In ihren Augen waren diese ihnen geistlich unterlegen. Die Jünger wussten nicht, dass er absichtlich eine göttliche Begegnung mit der Frau am Brunnen eingeplant hatte.
Aus dem Bericht in Johannes 4 erfahren wir, dass diese geächtete, einsame Frau mit Jesus eine lebensverändernde Unterhaltung an dem Brunnen führte. Aber achte auf das Detail – nicht sie war diejenige, die das Gespräch mit Jesus gesucht hat. Es war der Retter, der der Frau nachging, die andere zur Ausgestoßenen gemacht hatten. Weißt du, dass er das heute immer noch tut?
Schämst du dich deiner Vergangenheit? Kämpfst du damit, etwas zuüberwinden, das dich zerstört? Hast du das Gefühl, dass du ganz allein bist und niemand versteht, was du durchmachst?
Ich möchte, dass du weißt: Jesus hat sich nicht verändert. Wie er es für die Samariterin war, ist er auch jetzt immer noch der liebende Retter, der dir in Zeiten der Not hilft (siehe Ps 46,2). Er weiß, worunter du jetzt gerade leidest, wofür du dich schämst und womit du kämpfst. Selbst wenn das, was du durchmachst, die logische Konsequenz falscher Entscheidungen und eigener Fehler ist, lässt er dich nicht fallen. Nein, tausendmal nein! Für ein persönliches Treffen mit dir macht er einen Umweg, genauso wie für diese Frau aus Samaria, um dich zu retten und wiederherzustellen. Die Tatsache, dass du in diesem Moment diese Zeilen liest, ist eine Bestätigung dafür, dass Jesus sich mit seiner Liebe, Gnade und Vergebung nach dir ausstreckt. Mein Freund, so ist Jesus!
Jesus streckt sich mit seiner Liebe, Gnade und Vergebung nach dir aus.
Er kommt mitten im Sturm zu dir
Der liebende Retter kommt in der Not zu dir. Als seine Jünger draußen auf dem Meer in einem turbulenten Sturm gefangen waren und in ihrem Boot von den Wellen hin- und hergeworfen wurden, wer kam da