Nein, nein, neinneinneinneinneinnein!«
Kluftinger führte einen regelrechten Veitstanz vor seiner Frau auf. Die stand davon ungerührt vor ihm im Hausgang und flötete in den Telefonhörer: »Aber natürlich ist er da, Martin, wart mal, ich geb ihn dir.«
Kluftinger verdrehte die Augen, formte mit den Lippen ein ironischesDanke und streckte mit grimmigem Blick den Arm aus. Ausgerechnet in seinem wohlverdienten Feierabend musste ihn der neunmalkluge Doktor behelligen.
Erika flüsterte ein zuckersüßes »Bittschön, Butzele« zurück und verschwand im Wohnzimmer.
»Herr Langhammer …«, fragte er brummend in den Hörer und machte sich auf den üblichen Wortschwall des Gemeindearztes gefasst. Doch es blieb erstaunlich lange still am anderen Ende der Leitung. »Herr Langhammer?«
Kluftinger wunderte sich, dass der Arzt noch immer nicht mit einer seiner gefürchteten Geschichten begonnen hatte: über einen neuen Rekord auf dem Golfplatz oder, noch schlimmer, intime Details seines Ehelebens mit Gattin Annegret. Stattdessen kam ein zaghaftes »Es tut mir leid, dass ich Sie so spät noch störe« aus dem Hörer.
Es tut mir leid? Der Kommissar konnte sich nicht erinnern, diese Worte im Laufe ihrer langjährigen Zwangsbekanntschaft schon einmal vom Doktor vernommen zu haben. Und somit erhielt der doch noch Kluftingers ungeteilte Aufmerksamkeit. »Passt schon, noch bin ich ja nicht im Bett, worum geht’s denn?«
»Es ist etwas heikel, aber Sie müssen da wohl einfach auf meine kriminalistische Intuition vertrauen.«
Kluftinger erwiderte nichts.
»Von der Sie selbst ja auch schon profitiert haben, wenn ich Sie daran erinnern darf …«
Der Kommissar war beinahe erleichtert: Da war er wieder, der gute alte Doktor.
»Sie kennen ja meine Liebe zu klassischer Musik.«
Kluftinger seufzte. Bisher hatte er sich den Einladungen zu Hausmusikabenden bei Langhammers meist geschickt entziehen können. Er legte sich bereits ein paar noch unbenutzte Ausreden zurecht, da fuhr der Doktor fort: »Im Allgäu kommt man da an den von Rothensteins natürlich nicht vorbei. Sie kennen doch die von Rothensteins?«
Kluftinger dachte nach. Er meinte, den Namen schon einmal gehört zu haben, war sich aber nicht sicher.
»Sie veranstalten regelmäßig Kammermusikabende in ihrem Schloss. Wahre Kleinode des Kulturbetriebs, aber das führt jetzt vielleicht zu weit. Jedenfalls habe ich den Freiherrn von Rothenstein Grimmbart bei einer dieser Veranstaltungen kennengelernt, und er hat mich seither auch schon als Arzt konsultiert. Es entwickelte sich so etwas wie eine lockere Freundschaft – soweit das zwischen Bürgerlichen und Adeligen eben möglich ist.«
Kluftinger wunderte sich, dass ausgerechnet der Doktor in solchen überkommenen Strukturen dachte. Er wusste jedoch immer noch nicht, was das Ganze mit ihm zu tun haben sollte, und fragte deswegen ungeduldig: »Und?«
»Nun, der Baron hat mich gerade eben angerufen.«
»Welcher Baron jetzt?«
»Na, Baron Rothenstein.«
»Ist das der Bruder, oder was?«
»Welcher Bruder?«
»Ja, von dem Freimaurer da.«
»Welcher Freimaurer denn?«
»Der halt, von dem Sie die ganze Zeit geredet haben.«
»Sie meinen den Freiherrn?«
»Ja, den.«
»Nein, der Baron hat keinen Bruder, soviel ich weiß.«
»Ich mein ja nicht den Baron, ich mein den anderen.«
»Welchen anderen?« Langhammer klang verzweifelt.
»Den Frei… dings.«
Der D