»Maria?«
Sie zuckte zusammen, und ihr Herz begann zu schlagen, schneller und schneller.
»Was machst du nur wieder?«, schallte es ungeduldig und zugleich fordernd. Könnte eine Stimme schneiden wie ein scharfes Messer, dann müsste Maria längst mit lauter Narben und noch mehr frischen Wunden herumlaufen. Dabei trug sie Spuren von dem viele Male in grobem Ton Gesagten, da wo es niemand sieht. In ihrem Herzen und in ihrem Bewusstsein als Kind und älteste Tochter, als junge Frau und als Mensch. Die Stimme ihres Vaters. Maria fürchtete sie allein bereits mehr als irgendetwas auf der Welt, und sie konnte sich nicht erinnern, dass es je anders gewesen wäre.
»Nichts, Vater, nichts, ich ...«, stammelte sie.
Sie hörte sich und ihre Worte. Doch für sie klangen sie wie von weither gesagt, und sie begann zu zittern. Dieses Zittern! Dagegen konnte sie sich genauso wenig wehren wie gegen die ständige Furcht vor seinen ungeduldigen Fragen, denn es fiel ihr, wie so oft, keine passende Antwort ein. Wenn überhaupt, gelang eine Antwort eher ihrer jüngeren Schwester Katharina. Deren Furcht vor dem Vater war genauso groß, aber sie war die Jüngere und ihm mehr zugetan. Ein wenig nur, denn genau wusste es niemand. Über »solche Dinge« sprachen sie nicht im Hause Hegenberg.
»Nichts? Das ist doch wohl nicht dein Ernst, Maria?«
Die Stimme. Sie hörte ihren Vater fragen, und der Tonfall in seiner Frage war ungläubig und dann, wie immer, ein wenig höhnisch. Das Herzklopfen war immer noch da. Sie ahnte, es würde sich noch steigern bis zu dem Moment, von dem sie wusste, dass sie in Ohnmacht fallen würde. Wenn sie wieder erwachte, würde sie irgendetwas Scharfes riechen und ihren Vater durch diesen Nebel hören, wenn er tobte, vor lauter Wut. Sie solle nicht so hysterisch sein, schrie er dann, verließ den Raum und schlug die Türen hinter sich zu. Aber die Ohnmachtsanfälle waren in letzter Zeit nicht mehr so häufig gewesen wie in den Jahren zuvor.
Seine Ungeduld rührte von einer Ruhelosigkeit, die diesen – wie jeden – Raum des Hauses füllte bis zu seiner hohen Decke. Wie etwas, was man nicht greifen konnte und das doch da war, schien sie an den mächtigen Bücherregalen aus fast schwarzem Holz an den Wänden ringsum zu haften, hartnäckig zu kleben wie alter Schmutz. Sie stand vor dem Stehpult, alle Glieder angespannt, den Kopf über ein Buch gesenkt. Ihre Nasenspitze berührte fast die Seite, so als wolle sie den Geruch des Papiers und selbst das Geschriebene einatmen, gleichsam aufsaugen.
»Hast du es endlich gefunden?«
Da war sie erneut, diese wartende Ungeduld, leise, nur mühsam beherrscht, aber unerbittlich fordernd. »Noch nicht, Vater«, müsste sie nun antworten, »noch nicht, aber gleich, ich ... ich suche noch.«
»Du suchst? Immer noch?«
Diese oder eine ähnliche Frage würde sogleich kommen, durch die Nase schnaubend, höhnisch und zugleich wütend über das Unvermögen seiner älteren Tochter.
»Was kann so schwer sein, einen simplen Namen zu finden?Rafflesia arnoldii!«
»Ich weiß, Vater, ich weiß doch.«
»Dann finde sie endlich, ich warte!«
Sie wusste, diesen väterlichen Befehl zu missachten, war eine Unmöglichkeit, für die es in ihrem Leben keine Vorstellungskraft gab. Die Liste der Eigenschaften, die den Umgang mit ihrem Vater so schwierig machten, war endlos, und seine Ungeduld stand gleich an vorderster Stelle.
Maria hörte es deutlich, ganz deutlich, das Geräusch seiner schweren Schritte auf dem blanken Holzboden, kurz und hart, wenn er mit der Ferse zuerst auf dem Boden aufsetzte. Eine Tür im Haus fiel ins Schloss. Ihr Herzschlag beruhigte sich, und als sie auf das aufgeschlagene Buch vor sich sah, bemerkte sie Schweißtropfen auf dem Papier. Sie hob den Kopf. So viel Furcht vor etwas, was gar nicht da war, nur Teil ihrer Einbildung! Sie hatte phantasiert, denn sie war doch allein, allein in diesem Raum! Da war niemand, und es würde so bald auch niemand kommen. Ihr Vater befand sich doch auf Reisen, und es würde noch wenigstens eine Woche dauern, bis er zurückkehrte. Zeit genug für sie, all den Aufgaben und Pflichten nachzukommen, die er ihr aufgetragen hatte. Er würde keinen Grund haben, sie zu tadeln, ihre Unfähigkeit und ihre Verzagtheit anzuprangern, erst gefährlich leise, um dann plötzlich zu toben und zu brüllen und seinem Jähzorn, dem sie nichts entgegensetzen konnte, freien Lauf zu lassen. Sie musste unwillkürlich lachen. So weit war es also schon! Sie hörte ihn und seine Stimme, hörte seinen schweren, typischen Schritt, obwohl er gar nicht da war. War es nun so weit? War das der Anfang? Würde sie verrückt werden? So wie ihre Mutter es angeblich geworden war, die kurz nach Katharinas Geburt starb? Oder waren es nur die Spuren jener Hysterie, die ihr Vater ihr stets zuschrieb und die er zu kurieren meinte, indem er seine Töchter und besonders Maria streng unter seiner Aufsicht hielt, sie beschäftigte, wie er es nannte, hier in diesem großen Haus an derDeichstraße in Bremen? W