1.
Fenelik betrachtete den 3-D-Würfel, den der andere vor ihm auf den Tisch gelegt hatte. Er blickte ins Gesicht des Mannes, den er nur als Dorobin kannte; es mochte der richtige Name sein oder eine Maske.»Was ist damit?«
Sie saßen vor einer der Fischerkneipen am alten Nordhafen von Apsuma. Der Würfel wirkte irgendwie absurd, zwischen Brotkrümeln und Gräten, neben der leeren Karaffe und den halb vollen Gläsern.
Dorobin hob die Schultern.»Was schon? Ansehen.«
In der milden Brise segelten ein paar Tartuks auf ihren Dreiecksflügeln; hin und wieder landete eines der Tiere, um Krümel oder sonstigen essbaren Abfall vom Boden oder einem nicht mehr besetzten Tisch zu picken.
Fenelik wischte Brotreste zu Boden und nahm den Würfel in die Hand.»EineÜberraschung? Schön, scheußlich, blöd?«
»Eine hübsche Aufgabe.« Dorobin lächelte und entblößte vom Wein verfärbte Zähne.
Fenelik aktivierte das Gerät. Im Sichtkubus erschien eine schlanke Frau. Sie kam an einem Strand auf den Betrachter zu, bewegte sich mit der unbewussten Anmut eines kraftvollen Raubtiers und trug nur ein beinahe transparentes Badetuch, auf dem sich wie dunkle Schlangen in einem Nest ihre nassen Haare wanden. Je näher sie kam, desto deutlicher wurden ihre Gesichtszüge: samtbraune Haut,üppige Lippen, die sich ironisch verzogen, als sie demjenigen, der das Aufnahmegerät hielt, etwas sagte.
»Sehr schön– soll man sagen: vollkommen?« Dann war sie nah genug, und Fenelik sah die klugen, grauen, kalten Augen, die nicht an dem Lächeln beteiligt waren.»Und wahrscheinlich hart«, setzte er hinzu.
»Hart und zäh. Wenn du einen Fehler machst, wird sie dich, ohne zu zögern, umbringen«, sagte Dorobin.
»Was soll ich tun?«
»Sie wird auf dich angesetzt. Du bist ein verkappter Anhänger von Vetris-Molaud, sie soll dich für die Insel umdrehen. Klar? Einer meiner Chefs zeigt ihr wahrscheinlich gerade jetzt einen Würfel mit deinen Reizen. Ihrer erotischen Geschichte zufolge müsstest du genau ihr Typ sein. Wie sie deiner. Ihr solltet eigentlich mühelos aufeinander fliegen.«
Fenelik grinste.»Wird mir ein Vergnügen sein. Also– umdrehen?«
»Sie hat gewisse Neigungen zu alten Mythen. Und gewisse Abneigungen gegen die Accayü.«
»Wie weit kann ich mit ihr gehen?« Fenelik wusste, dass im Nachrichtendienst, der Gläsernen Insel, auch halbwegs kritische Meinungen gegenüber dem System geduldet wurden– solange Effektivität und Loyalität nicht litten.
»Von mir aus kannst du sie sogar in die Höhle des Tüftlers mitnehmen. Wenn sie danach nicht zu unsüberläuft ...« Dorobin hob die Brauen.
»Wäre ein Jammer. Aber wenn es sein muss ...«
»Denk dran, sie ist hart. Notfalls bringt sie dich um. Ich hoffe, das gilt auch umgekehrt.«
»Du weißt, ich kann mich wehren.«
»Das genügt vielleicht nicht«, sagte Dorobin halblaut.
Fenelik runzelte die Stirn.»Kaltblütiger Mord? Nicht meine Sache.«
»Wir können uns keine Sentimentalitäten leisten, Junge! Also, ihr werdet euch morgen zufällig beim alten Tostanag treffen.«
»Dem Bootsausrüster?«
Dorobin bleckte wieder die Zähne.»Du bist leidenschaftlicher Segler. Sie schwimmt gern. Alles klar?«
*
Sechs Tage und vier heiße Nächte. Gute Erinnerungen, die sie auf dem kurzen Flug an die Bucht begleiteten. Sie ließen den Gleiter in einer Senke zwischen den Hügeln. Die Ortungsgeräte waren ausgeschaltet, und dieÄste des Nhivath mit ihrem dichten Laub und den gelben Giftfrüchten würden eine Entdeckung aus der Luft zumindest erschweren.
Falls jemand sich die Mühe machte, diesen Küstenabschnitt zuüberwachen.
Der schmale Pfad führte zu einem Einschnitt zwischen zwei Hügeln und dann hinab zum unbefestigten Strandweg. Weiter nach Süden gab es nur Gestrüpp, die Hügel und den Strand, nach Norden verwilderte Gärten undärmliche Holzhütten, viele davon verfallen.
Der ganz in Schwarz gekleidete Mann ging zur Bruchsteinmauer des letzten Grundstücks und blieb vor einer hölzernen Gartentür stehen, die einmal rot gewesen war. Seine Begleiterin bückte sich, um die hochhackigen Schuhe wieder anzuziehen, die sie seit dem Verlassen des Gleiters in der Hand getragen hatte. Dann sah sich um und rümpfte die Nase.
»Was habe ich dir getan? Dass du mich in so eine Gegend schleppst ...« Ihre Stimme klang jedoch weniger klagend als spöttisch.
In der Bucht südlich von Apsuma schwappten Wellen an den von faulig riechendem Ockertangübersäten Strand; an einem Steg schaukelte ein kleiner Segler, dessen Kabinendach offenbar morsch war und im Abendlicht grünlich schimmerte.
Der Mann lachte leise.»Da du mir bis hierhin gefolgt bist, Schönste, wage ich es, dich auch die letzten Schritte zu schleppen. Komm!« Er schob das Gartentor auf, wartete, bis die Frau an ihm vorbei war, und schloss es.
Das Haus sah nicht besser aus als die anderen an der Bucht. Die vordere Veranda war an zwei Stellen eingebrochen, der Dachfirst verlief in Kurven, und die Rückseite des Gebäudes, von Tarasqa und anderen Schlingpflanzenüberwuchert, hätte ebenso gut ein Teil des Hügels sein können. Auf einem Busch oberhalb des Hauses schaukelte ein Tartuk; die kleine Flugechse schien sie missbilligend zu beobachten,öffnete den Sägeschnabel und stieß ein halblautes Heulen aus.
Der Mann, der ihnenöffnete, bevor sie hätten anklopfen können, passte zum Haus. Die Kleider, mindestens zwei Nummern zu groß, hingen in Falten an ihm herab, waren da und dort verfärbt und an mehreren Stellen eingerissen, die Haare ein Gestrüpp, das Gesicht voller Runzeln– aber die Augen blickten wach und scharf.
»Der edle Neshan Fenelik beehrt mich mit seinem Besuch«, sagte er.»Schön, dich zu sehen, alter Freund. Und wer ist die Prächtige, die dichüberstrahlt?«
»Darf ich vorstellen? Tugnal-Orton– Tahira Ndangi.« Fenelik beobachtete die Frau, während er die Namen nannte, und sah, wie sie kaum merklich zusammenzuckte.
»Man begegnet selten einer lebenden Legende«, sagte sie heiser. Sie räusperte sich und drückte Tugnal-Ortons Hand.
Das Innere des Hauses war ein Chaos aus Möbeln von zweifelhafter Stan