Meine Valentina
Für Donnerstag hat Ela Theaterkarten organisiert, eine Opera picola zu dem Text„Die Humanisten“ von Ernst Jandl, Musik von Olga Neuwirth, imPorgy& Bess. Finde ich gut, von selbst hätte ich mir das Stück nicht angeschaut, aber Ela liebt es, Veranstaltungen für uns beide zu planen und das gefällt mir~ dass es eine Kontinuität zwischen uns gibt, dass sie umtriebig ist, dass man sich auf Dinge mit ihr freuen kann.
Wir wollen vorher ins Ramien essen gehen, Ela hat es sogar als„Ausgehen zum Valentinstag“ deklariert. Davor trifft sie sich noch mit der halbwüchsigen Tochter einer ihrer Freundinnen. Wir vermuten, dass diese Tochter lesbisch ist, kurz vor ihrem Coming-out steht und Tipps von Ela will.
Der Abend beginnt chaotisch, das kenne ich von Ela schon. Das Mädchen wartet statt am Gürtel in der Babenbergerstraße.
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Und beide gehen, kurz bevor ich zu ihnen stoße, der Einfachheit halber ins Café Sperl, das ich nicht leiden kann, was ich ausdrücklich gesagt habe. Nun muss ich doch hin, zumindest um Ela abzuholen. Während Ela sich mit dem Mädchen unterhält und es in dem Gespräch tatsächlich darum geht, welche Frauenlokale dieses Gör aufsuchen kann, um jemanden kennenzulernen, sitze ich auf Nadeln. Die junge Frau ist nett, aber weltfremd und auf uns angewiesen. Sie bestellt nichts ahnend auch noch einen Toast, nun müssen wir warten, bis er serviert wird und sie damit fertig ist. Ich will in diesem ungemütlichen Scheißcafé nichts konsumieren, sondern nur weg und eigentlich mit Ela allein sein. Ela spürt meinen stummen Vorwurf, ist konfus und verunsichert. Sieüberspielt das, indem sie mich beschwichtigt. Meine Unbehaglichkeitsgefühle spielt sie herunter, versucht, mich ruhigzustellen, was ich wiederum nicht leiden kann. Unvermittelt kommen auch Sätze wie:„Ich bin so stolz auf dich, dass du wieder ein neues Buch geschrieben hast.“ Oder, als das Girl auf der Toilette ist:„Ich war so aufgeregt, als du zur Tür hereingekommen bist, ich wäre am liebsten mit dir allein gewesen.“ Diese schmeichelnden Worte machen mich natürlich weicher, aber sind sie nicht auch ein klein wenig Bestechung, um mich von der von ihr verursachten beklemmenden Situation abzulenken?
Danach bringt sie die Tochter der Freundin noch zu einer U-Bahnstation, weil die sich in Wien gar nicht auskennt, findet ihr Auto nicht und ich werde ungeduldig und gehe allein ins Ramien vor. Ich habe Kopfschmerzen, der Beginn einer Migräne, ich habe ja zu Mittag mein neues Buch knapp vor dem vereinbarten Abgabetermin fertiggestellt und der damit verbundene Leistungsdruck hat prompt einen Anfall ausgelöst. Nun fürchte ich, dass der sich zuspitzt, wenn ich vor dem Opernabend im Porgy& Bess nichts esse. Ich habe bereits zwei Migradon genommen, das sind 500 Milligramm Paracetamol, nicht gerade wenig.
Ela erscheint erst um zehn nach sieben im Ramien, als ich mit dem Essen fast fertig bin, uns bleiben noch zwanzig Minuten bis zum Beginn der Vorstellung.„Vor Aufregung bin ich jetzt auch noch in die Glastür des Lokals hineingerannt“, ruft sie, als sie auf mich zukommt.„Ich hab sie nicht gesehen, wer rechnet auch schon mit einer zweiten Tür nach der ersten?“ Das Migradon beginnt zu wirken, ich fühle mich wehrlos, von einer zähen Flüssigkeit hin- und hergeschubst, die immer wieder an meine Schmerzzonen stößt, und als wir zum Auto gehen, geraten wir uns in die Haare, weil sie mir schon wieder nicht zuhören kann, ohne sofort einen von mir gesponnenen Faden in ihrem Sinne, mit ihren Erlebnissen, weiterzuspinnen, so dass von meiner Erzählung dann am Ende nichtsübrig bleibt. Das macht mich wütend und ich schreie:„Ich weiß jetztüberhaupt nicht mehr was ich sagen wollte, ich werde von dir mundtot gemacht“, und sie:„Dann passen wir halt nicht zusammen“, und ich:„Dann passt du aber zu niemandem, denn das lässt sich ja niemand gefallen.“
„Dann passe ich halt zu niemandem!“, ruft sie trotzig, während sie wie eine Verrückte durch die engen Gassen des ersten Bezirks donnert. Wir haben bereits zwanzig Minuten Verspätung und finden die Riemergasse nicht, bei diesem Tempo auch nicht verwunderlich, ich mache keinerlei Anstalten, ihr beim Suchen zu helfen.
Sie sagt:„Jetzt findest du mich sicher noch unmöglichen weil ich nicht einmal in der Lage bin, diese Gasse zu finden.“„Nein, die hätte ich auch nie und nimmer gefunden, nur dass du so gänzlich uninteressiert bist an meinen Geschichten, vertrage ich nicht.“
„Ich bin nicht uninteressiert an deinen Geschichten“, ruft sie alarmiert und auffahrend, weil ich sie kritisiere. Manchmal kriege ich ihren schrillen Tonfall nicht mit oderüberhöre ihn, wenn ich gut drauf bin oder gerade sehr verliebt. Wenn ich aber Kopfweh habe und in einem viskosen Migränesee schwimme, nervt er mich und ich begehre auf. Ich werde ebenfalls hysterisch und grantig, so wie jetzt. Auf der Straße vor dem Porgy& Bess packt sie mich mit melodramatischem Schwung an den Schultern, presst mich an sich und ruft:„Ich höre aber zu, wenn du etwas sagst!“
„Das merke ich nicht!“, rufe ich zurück.„Es interessiert mich, was du erzählst!“„Das teilst du mir aber nicht mit!“ Dann füge ich trotzig hinzu:„Du sagst immer, dass wir nicht zusammenpassen, nur damit du dir schnell eine andere suchen kannst!“
Dann drehe ich mich um und laufe ihr voraus, als wir das verlassene Treppenhaus zum Veranstaltungssaal des Porgy& Bess hinuntereilen. Da schnappt sie mich wieder und dreht mich brüsk zu sich.„Glaubst du, ich gebe dich so schnell auf? Niemals!“
„Werden wir ja sehen