Mein Text
Mein Text, der dank der unkorrekten Vorgehensweise des Verlegers schnell veröffentlicht worden war, zog im Ausland die Aufmerksamkeit derjenigen auf sich, die des Russischen mächtig waren. Ein Slawist namens Eisberg, der in Berlin lebte,übersetzte die erste Folge meiner Autobiografie ins Deutsche und veröffentlichte sie in einer Literaturzeitschrift. DieseÜbersetzung wurde in einer nicht unbedeutenden deutschen Zeitung euphorisch besprochen. In den Briefkasten des Verlages strömten Leserbriefe, die nach Fortsetzungen fragten. Als in Berlin die erste Folge erschien, erschien hier in Moskau die zweite Folge. Das Original und seineÜbersetzung fingen an, eine Fuge zu spielen. Für michähnelte das Spiel eher dem Spiel„Katz und Maus“ als der erhabenen Musikgattung der Fuge. Als verfolgte Maus musste ich immer schneller rennen, damit ich nicht von der Katze eingefangen wurde.
Es war sicher nicht Herr Eisberg, der meinen Text illegal veröffentlichte. Wahrscheinlich hatte Seelöwe dasÜbersetzungsrecht an Eisberg verkauft, ohne mir Bescheid zu sagen. So verwandelte sich mein Text in die Westwährung, die in Seelöwes Hosentasche verschwand. Nachdem mir meine Hausmeisterin dieses Szenario ausgemalt hatte, besuchte ich Seelöwe und bat ihn um eine Stellungnahme. Er behauptete, er wisse nichts davon. Man konnte an seiner dicken Haut nie sehen, ob er log oder nicht. Er wandte mir den Rücken zu und erlaubte sich auch noch einen frechen Kommentar:„Wenn du so viel Zeit hast, deineÜbersetzungsrechte zu verwalten, solltest du besser Fortsetzungen schreiben!“
Seine Worte drängten in meinen Magen und drehten ihn um, ich wollte sie am liebsten herauswürgen. Mir fiel eine gemeine Idee für die Rache ein, und obwohl ich sie widerlich fand, konnte ich sie nicht lassen. Ich rief von einer Telefonzelle den Hausmeister des Hauses an, im dem sich der Nordsternverlag eingenistet hatte, und erzählte ihm, dass Seelöwe bei sich eine Menge Westwährung verstecke. Wahrscheinlich wusste der Hausmeister schon längst Bescheid, möglicherweise profitierte auch er davon. Aber er musste die Möglichkeit berücksichtigen, dass der anonyme Anruf von der Geheimpolizei selbst kam, die seine Treue auf die Probe stellen wollte. Daher konnte er sich nicht leisten, den Anruf zu ignorieren. Sonst bestand große Gefahr, selber in einer Haftanstalt zu landen. Also informierte er zuerst Seelöwe und denunzierte ihn dann bei der Geheimpolizei. Das sindübrigens alles meine Vermutungen. Die Polizei konnte bei der Haussuchung bei Seelöwe keine einzige Westschokolade finden, geschweige denn ausländische Geldscheine.
Später hörte ich das Gerüchtüber eine Dame in Odessa, die einen schneeweißen Toyota-Wagen einem Kurgast aus Griechenland abgekauft hatte. Ihre Nachbarn wunderten sich darüber, woher die Frau so viel Westgeld hatte. Kurz vorher war Seelöwe in Odessa gesehen worden. Ein Zeuge berichtete, Seelöwe sei mit einer großen Sporttasche in die Villa, in der die Dame wohnte, geschlichen. Schon entstand ein Szenario in meinem Kopf: Seelöwe hatte durch den Verkauf derÜbersetzungsrechte viel Westgeld ergattert, mit dem er seiner Konkubine in Odessa ein Auto kaufen konnte.
Es bedeutete ein großes Unglück für mich, dass Herr Eisberg ein begabterÜbersetzer war. Er machte aus meinen Bärensätzen kunstvolle Literatur, die bald von einer renommierten Westzeitung hoch gelobt wurde. Allerdings lobte kein Literaturkritiker die poetische Qualität meiner Autobiografie. Es ging beim Lob um ganz andere Kriterien, von denen ich keine Ahnung hatte.
Damals gab es in Westdeutschland eine Protestbewegung gegen die Ausbeutung von Zirkustieren. Die Vertreter der Bewegung behaupteten, die Dressur verletze die Menschenrechte der Tiere. Im Ostblock seien die Tiere noch mehr unterdrückt als im Westen. Bei uns im Osten erschien ein Buch mit dem Titel„Dressur der Liebe“ von einer gewissen Frau Dr. Aikowa. Sie hatte einen Zoologen als Vater. Vielleicht war das ein Grund, warum es ihr gelang, den sibirischen Tigern und Wölfen die Bühnenkunst ohne Peitsche und andere Drohungen beizubringen. Das Buch bestand zum größten Teil aus Interviews, in denen die Autorin von ihrem liebevollen Umgang mit Tieren erzählte. Ihr Buch provozierte eine Reihe von Westjournalisten.„Die wilden Tiere würden sich niemals für Bühnenkunst interessieren, wenn die Menschen sie nicht mit Gewalt dazu zwingen würden. Aikowa will ihren Zirkus rechtfertigen, der nichts anderes ist als eine Scheinkunst, durch die der Sozialismus weiter Westwährung ergattern will.“ Ungefähr das war die Meinung der verärgerten Journalisten. Sie entdeckten meine Autobiografie als Beweis für den sozialistischen Tiermissbrauch.
Es dauerte nicht lange, bis das zuständige Amt bei uns den Ruf meines Buches im Westen bemerkt hatte. Eines Tages teilte mir Seelöwe durch ein Telegramm mit, dass meine Autobiografie nicht fortgesetzt werden könne. Ichärgerte michüber Seelöwe, aber was die Zukunft meines Schreibens betraf, hatte ich keine Bedenken. Ich werde einfach weiter schreiben, auch wenn Seelöwe nichts von mir drucken will. Vielleicht werde ich sogar einen besseren Verlag finden. Schluss mit den giftigen Stachelworten, mit denen Seelöwe aus meinen Pfotenhänden immer wieder neue Zeilen zu ziehen versuchte! Ich würde auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, mich z