Kapitel 2 Zig zig
Zahllose Schornsteine ragten aus den Ziegeldächern. Einige waren kurz und dick, andere waren wie ausgemergelt. Ich nahm eine der breiten Straßen, die am Nordbahnhof begannen, und ging einfach immer geradeaus, ohne mich umzuschauen, damit ich in den Augen der Passanten zielsicher wirkte. Nur die Kreuzungen mit fünf Straßenarmen machten mich unsicher. Hier konnte ich nicht mehr sagen, was„geradeaus” genau bedeutete.
Ein Vorhang wurde im Himmel langsam zugezogen, und das Wellenmuster der Pflastersteine schwärzte sich. Wer hatte sich so viel Zeit genommen, diese Steine zusammenzulegen? Wie war es möglich, dass sie alle so gut zusammenpassten? An der Stelle, an der das Wellenmuster in ein Schlangenschuppenmusterüberging, begann es zu regnen. Ich blieb stehen, blickte zurück, die Pflastersteine waren verschwunden, und an ihrer Stelle lag eine matt asphaltierte Straße. Ich ging weiter. Die Schritte von Stöckelschuhen näherten sich von hinten undüberholten mich. Ich erfuhr nichts von dem Gesicht der Frau, sondern sah nur ihren angespannten Rücken. Einige andere Menschenüberholten mich ebenso: ein Mann, der den Kragen seines Sommermantels hochzog und kerzengerade ging, als würde er sonst seinen Kopf verlieren; eineältere Dame, die mir einen einsamen Rücken zeigte, vielleicht hatte sie gerade ihren Pudel verloren.
Die nassdunklen Fensterrahmen erinnerten mich an die Ränder müder Augen. Ich hatte nicht den Mut, jemandem den Zettel zu zeigen und nach dem Weg zu fragen. Menschen huschten an mir vorbei, eilten zu einem mir unbekannten Ziel.
Ein Schaufenster mit alten Miniaturen, die Hunde darstellten, zog meinen Blick auf sich. Ich drückte meine Nase gegen das Glas, um die Miniaturen und Kupferstiche genauer zu betrachten. Da waren Hunderassen dargestellt, die ich nie zuvor gesehen hatte, dennoch bemerkte ich zum ersten Mal im Leben, dass ich Hunde liebte. Wenn ich ein Hund wäre, könnte ich mich in jeder Stadt sofort sicher fühlen.
Die Straßen glänzten durch die Nässe schwarz wie die Schnauze eines gesunden Hundes. Würde ich irgendwann einfach von der Nacht verschluckt werden? Ich ging weiter. Die bunten Neonreklamen der Restaurants verschwommen in der feuchten Luft.
In einer Gasse, in die ich zufällig hineinging, gab es ein Geschäft. Durch die vordere Glaswand sah ich rosafarbene, hellblaue und gelbe Regenschirme, die in voller Beleuchtung zum Kauf angeboten wurden. Hinter der Theke stritten sich zwei Verkäuferinnen. Eine war vielälter als die andere. Vielleicht war die eine die Mutter der anderen. Auch meineältere Schwester stritt eine Zeitlang täglich mit meiner Mutter. Der Geliebte meiner Schwester gefiel der Mutter nicht. Der Streit erreichte seinen Höhepunkt, als meine Mutter erfuhr, dass meine Schwester schwanger war. Aber damit ging die Streitphase auch langsam zu Ende. Wenn man hohes Fieber bekomme, sei die Erkältung bald vorbei, verriet mir meine Schwester ihre Weisheit.
In einer Gasse standen zwei Frauen mit netzartigen Strümpfen, die mich an Moskitonetze erinnerten. Die eine Frau, deren Kleid braun war, hatte goldene Haare, während die andere, die kastanienbraune Haare hatte, eine goldene Kette trug. Beide betrachteten aufmerksam die Passanten auf dem Boulevard und bemerkten nicht einmal, dass ich vor ihnen stand. Bald bog ein Mann vom Boulevard ab und kam torkelnd zu ihnen. Dieser dickliche Mann, der seine Mütze bis auf die Höhe seiner Augen heruntergezogen hatte, holte Geldscheine aus der Brusttasche und schüttelte sie vor der Nase der Kastanienfrau. Zu meinerÜberraschung lächelte sie ihm zu, nahm seinen Arm und führte ihn in die dunklere Gasse hinein. Ich folgte ihnen und sah, wie sie die Treppen eines alten zweistöckigen Hauses hochstiegen. Bald ging das Licht in einem Fenster an. Anscheinend vermittelte die Frau Zimmer zumÜbernachten. Ich hatte auch ein paar Scheine dabei. Ai Van hatte mir gesagt, ich könne von dem Geld ein paar Tage gut leben. Es kam mir daherübertrieben vor, dass die Frau für ein Zimmer in diesem verfallenen Haus so viel Geld kassierte. Mein Lehrer hatte mir gesagt, dass es zu den Menschenrechten gehöre, unter einem Dach in vier Wänden schlafen zu dürfen. Es sei eine der kriminellsten Hochstapeleien des Kapitalismus, durch Zimmervermietung Geld zu verdienen. Aber wenn die Menschen das hier nicht anders gelernt hatten, konnte ich sie sicher nicht von heute auf morgen umerziehen. Es war schon zu spät, um nach der Wohnung der Schwester von Ai Van zu suchen. Wegen der Moskitos wollte ich auf keinen Fall draußen schlafen. Hier konnte man anscheinend durch Gebärdensprachen ein Zimmer bekommen. Ich kehrte zurück zu der Stelle, an der immer noch die blonde Frau stand. Sie sah so gut aus, dass sie besser eine Filmschauspielerin hätte werden sollen. Aber