Der Intellektuelle
An einem Julinachmittag hat sie ihn vor Jahren zum ersten Mal gesehen und ist von seiner Erscheinung wie von einem Hitzeschlag getroffen worden. Er trug weiße Jeans, die an seinen schmalen Hüften und muskellosen Beinen klebten, ein loses Hemd. Er koordinierte alle Sprachkurse der Stadt, und dafür wirkte er jung und schmächtig. Sein Gang federte. Sie wollte sich an ihm sattrinken, ohne zu wissen wie. Sie kommt zu spät. Der Seminarraum ist offen, an der Tafel sitzt er vor den Zuhörern. Er hat sich nicht verändert, er ist so rassig, wie in ihrer Erinnerung. Er schaut zu ihr auf, als würde sie ihn mit ihrem Erscheinen an die Wand drücken, erkennt sie nicht wieder. Das Seminar hat gerade begonnen. Er stellt sich vor, in seiner Haltung ist die Leichtigkeit des Erfolges. Noch weiß er nicht, ob die Anwesenden den Wert seiner Arbeit, das Prestige der Institutionen, in denen er unterrichtet, erkennen können. Universität. Sie hat die Studentinnen im Kopf, vor denen er ebenso mit dem ganzen Körper wippt und ihnen schwierigere Fremdwörter zumutet, als den Sprachlehrern hier. Studenten muß man beeindrucken, hierher aber möchte er wieder eingeladen werden. In seiner Stimme die Melodie dessen, der gerne und oft im Plauderton doziert. Sie ist eingeschliffen, ein guter Motor, senkt sich dort, wo Zuhörer aufmerksam werden müssen, hat ein»timbre«. Das vibriert dunkel. Sie spürt es in ihrem Brustkorb. Ihr Körper schwingt mit. Die luftigen Gesten seiner Hände, die locker aus zarten Gelenken arbeiten, nehmen sie gefangen. Er trägt eine schwarze, glatte Lederhose. Der Hemdkragen ist offen, die Haare stehen zu Berge.
Sie möchte sofort die Hände an diesen Hals legen, zwischen Kragen und Haaren. Sie möchte schon nach kurzer Zeit aufstehen, auf ihn zugehen, ihm das Hemd aufmachen. Sie weiß nach ein paar Minuten, daß sie mit ihm Sexualverkehr haben will, daß sie sich keine andere Form der Begegnung vorstellen kann, als die im Bett, an den vollen Lippen saugen und seinen Kopf im Nacken festhalten. Sie wird alles machen, damit sich das so schnell wie möglich ereignet. An seinem Umgang mit den Zuhörern ist nichts, was sie davon abbringen, ihre Voreingenommenheit schmälern könnte. Nach ganz kurzer Zeit hat sie aus seinen Worten seine Weltanschauung herausgefunden, das philosophische System, an dem er hängt, das politische Ziel, den sensiblen Punkt. Er zumindestens hat einen. Die meisten haben gar nichts. Wie eklig, wenn ihnen alles recht ist. Für Humor ist er zu arrogant. Er erklärt zwar Witzige Situationen, aber spontan lachen kann er nicht. Er ist auf der Hut vor Unvorhergesehenem.
Er möchte sie mit Lerntheorien nicht langweilen, meint er jovial. Empirismus, Rationalismus, zu letzterem würden neben Kant auch Chomsky und Piaget gehören.
»Wobei Piaget aber im Gegensatz zu Kant kein starres System annimmt…«, sagt sie laut.
Sein Kopf bleibt in der Bewegung stecken.
»…sondern die Anpassung an die Umwelt miteinbezieht.«
Sie hat vorher ihre Brille abgenommen, sie kann ihn jetzt risikolos fixieren, ohne wegen ihres Muts verlegen zu werden. Er entschuldigt sich sofort für diese Auslassung. Er gibt ihr in allem Recht. Von nun an wartet er bei jedem Satz auf ihre Zustimmung. Seine Blicke tasten sichüber die Gesichter der anderen immer wieder zu ihr, ob er es jetzt auch richtig mache. Sie rekelt sich. Noch hat sie die Beineübereinandergeschlagen. Nach dem Videoüber sein Supersprachtraining wird sie mit offenen Beinen dasitzen. Und wissen, daß er das sieht und noch weiter sehen kann, als sie sich vorzustellen vermag. Zwischen ihren Beinen ist Dunkelheit, Dunkelheit aber offen.
Ihr ist es angenehm, so dazusitzen. Sie hat auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Auf keinen anderen, der dies als Aufforderung mißverstehen könnte. Nur er ist gemeint und er soll auch alles haben. Wenn hier um die Ecke ein Bett stünde, wäre sie sofort mit ihm dort. Sie macht nichts anderes mehr, als sich das vorzustellen. Wie schaut er aus, wenn sie ihm einmal das Hemd ausgezogen hat? Wie ist er mit nacktem Oberkörper und der schwarzen Lederhose um die Taille. Wie dünn ist er, man sieht ja nichts. Ist der Hintern klein? Und der Schwanz? Obszön in dem spiegelnden Leder. Warum zieht er sich so an, unverschämt. Was will er von ihr, pardon, was will er von einer Frau, daß er sie so aufgeilt, mit der schwarzen Lederhose und dem offenen Hemd, an dem der Hals sichtbar wird, ungeschützt und nackt.
Am Ende des Kurses steht sie ihm gegenüber. Soll sie ihm sagen, daß sie ihn von früher kennt? Daß es mit Recht engere Verbindungen gibt zwischen ihm und ihr? Aber welche und wieso, außer, daß sie ihn haben will, auf der Stelle, den Mund sofort küssen, ihm die Brille abnehmen, was für ein Gesicht hat er ohne Brille? Findet er sich selbst schön? Als sie ihn anspricht und er sich zu ihr wendet, während er seine Sachen zusammenpackt, sieht sie, daß sein Gesicht nicht so jung ist, wie es von der Ferne aussieht. Großporig, vom Alter nicht ungeschoren gelassen.
»Ich bin sehr dankbar für dieses Seminar. Ich habe nämlich einen Schüler, der muß in 10 Tagen Französisch lernen...«
»Männer lernenüberhaupt schwerer, weil sie eine Scheu haben, sich bloßzustellen, weil sie glauben, sie fallen dann tiefer...«
Er ist Feminist! Wie süß! Er wickelt das Kabel des Videogeräts auf.
»Deshalb altern Männer auch schwerer als Frauen, sagt die Beauvoir so treffend«, plaudert er weiter.
»In dem Interview mit der Schwarzer, Rowohltverlag.«
»Interessierst du dich dafür?«
»Ich halte eine Vorlesungüber die Beauvoir.«
Du bist das! Das wollte ich mir immer schon...«
Die anderen verabschieden sich. Er hat auf einmal eine Zigarrenschachtel in der Hand. Der Geruch steigt ihr ungenehm in die Nase. Fragen hätte er können. Er kommt ihr jetzt ledrig vor, vergilbt. Er zwingt ihr etwas auf. Sein Zuhören, sein Blick auf ihrem Gesicht, alles eingehüllt in Zigarrenrauch. So klein‘ und zierlich er ist, hat er die Zigarre zwischen denüppigen Lippen oder in den schlanken Fingern und verpestet die Luft damit.
Die anderen gehen zur Tür. Auch sie macht einen Schritt hin, aus Angst, aufzufallen, die Teilnehmerin mit dem Seminarleiter. Er wäre sich