Der Tag begann sehr mild. Noch lange vor dem Mittag war es angenehm warm geworden. Manchmal strich ein leichter Wind zwischen den niedrigen Sträuchern und Hecken und ließ die Blätter rauschen. Der Frühling kündigte sich an.
Seit fast einer Woche war Gwyn unterwegs. Er war das erste Mal so weit von London fort, und er genoss seine Reise. Einfach gekleidet, deutete nichts darauf hin, dass hier ein frisch losgesprochener Goldschmied auf Wanderschaft ging. Die silberne Halskette hatte er in seinem Bündel versteckt, denn die Zeiten waren unstet und gefährlich. Einigermaßen sicher war er nur in den kleinen Ansiedlungen oder den größeren Ortschaften, die er hin und wieder durchwanderte. Hier fand er immer eine Schenke, in der er ein Nachtquartier und etwas zu essen erhielt.
Ständig erzählte und warnte man ihn vor Wegelagerern. Meist handelte es sich dabei um geflohene Unfreie oder desertierte Kriegsknechte. In kleinen Gruppen streiften solche Gesellen durch das spärlich besiedelte Land. Was sie zum Leben benötigten, stahlen sie. Fast immer töteten sie die ausgeraubten Opfer, um jegliche Zeugen zum Schweigen zu bringen.
Denn die Strafen in diesen Zeiten waren hart. Auf Raub und Mord, ebenso wie auf Ehebruch, Ketzerei, Kindsmord und Diebstahl von Vieh stand der Tod. So vergalt die Obrigkeit jede Verfehlung ihrer Untertanen mit dem vermeintlich gottgerechten Gedanken der Abschreckung und Buße durch drakonische Strafen: In jedem Ort, in jedem Weiler, mochte er auch noch so klein sein, sah Gwyn einen Richtplatz. Dort wurden all die Verfehlungen drastisch geahndet. Es gab den hölzernen Richtblock, den Galgen, das Rad.
Im letzten Ort, den Namen hatte er vergessen, durch den er am gestrigen Tag gekommen war, hingen noch die Gebeine eines Mannes am Galgen. Ein Fuhrknecht erzählte ihm, dass jener bei einer Rauferei in der Dorfschenke einen Bauern mit bloßer Faust erschlagen hatte. Der Erzähler vergaß nicht, Gwyn zu erklären, dass die sterblichen Überreste so schon drei Wochen hingen, als Abschreckung für jeden, der selbst leicht in Zorn geriet.
Gwyn hoffte, Bath in spätestens zwei Tagen zu erreichen. Seine knappe Barschaft und auch seine Verpflegung schmolzen wie Eis in der Sonne.
Die von Büschen und Hecken eingefassten Wiesen verschwanden allmählich. Stattdessen führte der Weg durch die dichten Wälder, die erst wenige Meilen vor Bath wieder lichter wurden. So hatte man es dem Goldschmied mehrere Male übereinstimmend berichtet. Aber der Wald war so recht nach Gwyns Vorstellung. Es roch angenehm nach Farn und frischen Kräutern, nach Tau und Moos. Und das Summen der wilden Bienen, das bunte Gezwitscher der vielen Vögel, die kurzen Rufe der Eichhörnchen waren alles Geräusche, die ihm wie eine liebliche Melodie vorkamen. Der weiche Boden schwang bei jedem Schritt, und so konnte er stundenlang wandern, ohne müde zu werden. Oft blieb er stehen, um Hirschrudel zu beobachten, welche ohne Scheu aus dem Unterholz traten. Dann musterten sich Tier und Mensch eine ganze Weile. Nur vor den schwarzen Wildschweinen hatte Gwyn Respekt. Wenn eine solche Rotte ganz nah durch das Holz brach, blieb er lieber stehen und wagte kaum zu atmen. Ein misstrauischer Keiler war ein gefürchteter Gegner. Und Gwyn besaß nicht einmal ein Messer. Nach der zweiten Begegnung mit solch einer Schwarzkittelfamilie spannte er die Sehne seines Bogens. So fühlte er sich ein wenig sicherer.
Der Wald wurde von Stunde zu Stunde immer dichter und dunkler. Gwyn suchte immer wieder nach kleinen Lichtungen. Manchmal hatten Stürme ein paar Bäume umgeknickt, und der Blick in den Himmel war leicht. Anhand der Sonne konnte Gwyn seine ungefähre Reiserichtung bestimmen. Trotzdem hoffte er, bald auf einen breiteren Weg zu treffen.
Ein wenig in Gedanken, raschelte es plötzlich laut vor ihm im Gebüsch. Gwyn umklammerte seinen Bogen fester und tastete nach einem Pfeil. Sicherlich waren es erneut Wildschweine auf ihrem Weg in die warmen Schlammsuhlen. Da teilte sich das Gebüsch vor ihm plötzlich. Ein Mann trat auf den Weg hinaus. Er stand mit dem Rücken zu Gwyn und bemerkte ihn deshalb nicht. Der Fremde nestelte an seiner Kleidung herum. Wohl hatte er sich soeben im Wald erleichtert.
»Gott auf all Euren Wegen, Sir!«, grüßte Gwyn höflich.
Der Mann fuhr erschrocken herum.
Er starrte den Goldschmied an, als sei dieser ein Waldgeist. Bei diesem Anblick musste Gwyn laut lachen. Die erschrockene Miene des anderen verklärte sich ein wenig. Er blickte nun eher misstrauisch drein. Gwyn aber konnte mit dem Lachen gar nicht mehr aufhören. Nun wurde der Mann sichtlich verlegen.
»Ich grüße Euch auch, junger Freund«, entgegnete er höflich.
Gwyn hielt sich die Hand vor den Mund, war es doch unhöflich, in Gegenwart eines Älteren grundlos zu lachen. Beide Wanderer betrachteten sich einen Moment lang schweigend. Gwyn bemerkte die lange, schwarze Robe, die den Mann bis fast zum Boden bekleidete. Über einer Schulter hing ein großer Reisesack. Der schien schwer zu sein. Das Gesicht war ziemlich mager und fast verdec