: Alberto Angela
: Ein Tag im Alten Rom Alltägliche, geheimnisvolle und verblüffende Tatsachen
: Riemann
: 9783641121419
: 1
: CHF 8.90
:
: Geschichte
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Alte Rom wird lebendig: eine faszinierende Zeitreise in die antike Welt
Wie wickelt man eine Toga? Wie teuer ist ein Sklave? Was bedeutet römisches Kamasutra? Wie bereitet man den besten Flamingo-Braten zu? Alberto Angela nimmt seine Leser mit auf einen faszinierenden Spaziergang durch das Rom der Antike und wirft einen Blick in prächtige Patrizierhäuser, Kochtöpfe und Schlafzimmer. Dabei entdeckt er erstaunliche, geheimnisvolle und spannende Details aus dem Alltagsleben der alten Römer. Geschichte, wie sie lebendiger und anschaulicher nicht sein könnte!

Alberto Angela wurde 1962 in Paris geboren. In Rom studierte er Naturwissenschaften. Als Paläontologe nahm er an zahlreichen Ausgrabungsprojekten in Afrika und Asien teil und ist heute ein populärer Fernsehmoderator für naturwissenschaftliche Sendungen in Italien. Angela ist Mitglied des Istituto Italiano di Paleontologia in Rom sowie am Centro Studi e Ricerche Ligabue in Venedig. Gemeinsam mit seinem Vater Piero, einem bekannten Archäologen, Journalisten und Autor, hat er mehrere Bücher veröffentlicht.

6.00 Uhr


Domus, die Wohnstatt der Reichen


Wo leben die alten Römer? Und wie sehen ihre Häuser aus? Aus Kino- und Fernsehfilmen sind wir an helle Häuser mit Säulengängen, Innengärten, mit Fresken verzierte Zimmer, kleine Brunnen undTriklinien (»Speisezimmer«) gewöhnt. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Nur die Reichen und Adligen, von denen es nicht viele gibt, können es sich leisten, in Villen mit Sklaven zu leben. Dieüberwältigende Mehrheit der Einwohner Roms lebt zusammengepfercht in großen Wohnquartieren, und das häufig unter schwierigen Bedingungen, die einen an die Armenviertel in Bombay denken lassen könnten.

Aber der Reihe nach. Beginnen wir mit den Häusern, in denen die Elite Roms wohnt, den Häusern der Reichen, den sogenanntendomus. Unter Kaiser Konstantin hat man in Rom 1790 davon gezählt, eine sicher beachtliche Zahl. Sie sahen nicht alle gleich aus: Manche waren groß, andere klein, was auf den chronischen Platzmangel im Rom Trajans zurückzuführen war. Dasdomus,1 das wir jetzt besuchen, hat aber die klassische,»antike« Gestalt, die ihrem Eigentümer vor Stolz die Brust schwellen lässt.

Was an diesem Stadthaus am meistenüberrascht, ist sein Anblick von außen: Es scheint in sich selbst gekehrt zu sein, wie eine Auster. Und tatsächlich, man muss sich das typische römische Stadthaus wie eine kleine Festung der Fremdenlegion vorstellen: Es hat keine Fenster, höchstens ein paar kleine, immer ganz oben. Es hat keine Balkone, und seine Außenmauer schirmt es von der restlichen Welt ab. Seine Struktur spiegelt die der archaischen, mit einer Umfassungsmauer umgebenen familienbetriebenen Bauernhäuser aus den Anfängen der latinischen und römischen Kultur wider.

Der Abstand vom städtischen Chaos wird schon an der Eingangstür deutlich, die sich quasi anonym der Straße zeigt. Zu ihren Seiten befinden sich zahlreiche Läden, die aber um diese Uhrzeit alle noch geschlossen sind. Den Haupteingang bildet ein hohes, zweiflügliges Holztor mit großen Bronzebeschlägen. Im Zentrum jedes Flügels ist ein Wolfskopf angebracht, ebenfalls aus Bronze, der einen großen, als Türklopfer dienenden Ring im Maul hält.

Hinter dem Tor beginnt ein kurzer Korridor. Mit unseren ersten Schritten betreten wir ein Mosaik, auf dem ein bedrohlicher Hund abgebildet ist und darunter der SchriftzugCave canem, Vorsicht vor dem Hund. Für dieses Motiv haben sich sehr viele entschieden, auch wenn wir es vornehmlich aus den Villen in Pompeji kennen. Tatsächlich waren auch schon zu Zeiten des Alten Roms Diebe und Hausierer ein Problem.

Nach wenigen Schritten erblicken wir auf einer Seite des Korridors ein kleines Zimmer, in dem ein Mann auf einem Stuhl eingenickt ist. Es ist der Portier des Hauses, der Sklave, der den Eingang bewacht. Neben ihm, wie ein Hund auf der Erde, schläft ein Junge: Es wird wohl sein Assistent sein. Im Haus schlafen noch alle; und das gestattet es uns, die Villa ungestört zu erkunden.

Nach ein paar weiteren Schrittenöffnet sich der Korridor in einen mächtigen Raum: das Atrium. Es ist ein rechteckiger, großzügiger, bunter Saal, geschmückt mit lebhaften Fresken, die schon langsam vom Licht der Morgendämmerung erhellt werden. Doch woher kommt dieses Licht, wenn es doch keine Fenster gibt? Ein Blick nach oben gibt uns die Antwort: In der Mitte der Decke fehlt ein ganzes Stück vom Dach. Es ist eine große, quadratischeÖffnung, in die das Licht fällt wie in einen Innenhof. Es ist eine wahre Kaskade aus Licht, die senkrecht ins Atrium fällt und sich dann seitlich in die verschiedenen Zimmer ergießt.

Aber dieseÖffnung ist nicht nur dazu gedacht, das Licht hereinzulassen. Sie lässt auch noch etwas anderes herein, nämlich das Regenwasser. Wenn es regnet, sammeln sich die einzelnen Tropfen auf dem großflächigen Dachüber dem Atrium und werden wie in einem Trichter in Richtung derÖffnung geleitet. Dort strömen Bäche von Wasser aus den Mündern einiger Tonfiguren, die längs der Dachränder aufgestellt sind, und fallen tosend ins Atrium hinab. Während eines Gewitters kann dieses Geräusch ohrenbetäubend sein.

All dies Wasser ist aber nicht vergeudet: Es fällt mit großer Präzision genau in die Mitte eines breiten quadratischen Wasserbeckens im Zentrum des Raums. Es ist dasimpluvium, eine sehr sinnvolle Erfindung der Antike: Es sammelt das Regenwasser und befördert es in eine unterirdische Zisterne, das Wasserreservoir des Hauses. Ein kleiner Ziehbrunnen entnimmt ihm das täglich benötigte Wasser, und das seit Generationen. Sein Rand hat schon tiefe Rillen vom Hochziehen des Seils.

Dasimpluvium hat aber auch eine dekorative Funktion: In ihm spiegeln sich der blaue Himmel und die Wolken, sodass es beinahe aussieht wie ein in den Boden eingelassenes Gemälde. Für jeden, der das Haus betritt, sei er Bewohner oder Besucher, ist es ein erster, sehr angenehmer Blickfang.

Aber dasimpluvium, das wir vor uns haben, hat sogar noch mehr zu bieten: Auf seiner Oberfläche schwimmen Blüten. Sie sindÜ