Kapitel 3
Im Juzi
Das Jugendzentrum lag auf der anderen Seite der Innenstadt, etwas versteckt in den Bäumen des Stadtwalls. Thomas parkte sein Lieferfahrzeug, einen Fiorino-Kastenwagen von Fiat, direkt am Gebäude, wo schon zwei Kleinbusse und einige Autos abgestellt waren. Das zweistöckige Haus wirkte wie eine Festung. Die Fenster waren mit Holzläden verrammelt und wurden von rostigen Eisengittern geschützt. An den besprühten Mauern klebten kreuz und quer Plakate. An manchen Stellen pappte das Papier in so vielen Schichten übereinander, bretthart vom vielen Kleister, dass es wie eine krustige Schutzschicht wirkte.
Thomas warf die Dell-Angelo-Mütze auf den Beifahrersitz, stellte die zwei Styropor-Behälter aufeinander und trug seine Fracht um das Haus herum zum Eingang. Die Tür, vor der ein Sofa vor sich hinschimmelte, stand offen. Er trat ein und fand sich in einem Treppenhaus wieder, dessen Wände dermaßen mit kunterbunten Graffitis zugedeckt waren, dass seine Augen kurz vor der wogenden Farbenpracht zurückzuckten. Wo lang? Ach da. Links neben der ausgetretenen Treppe, die nach oben in den ersten Stock führte, ging der Raum über ein paar Stufen noch weiter. Ganz hinten gab es eine große Türöffnung, dort standen ein paar Leute. So farbig die Wände, so dunkel sahen diese Gestalten aus. Die Meisten trugen schwarze Klamotten, schwarze Stiefel oder Turnschuhe. Ein oder zwei schauten auf, als Thomas näher kam, aber niemand reagierte, und so blieb er unschlüssig stehen.
Warum bewegte sich keiner von denen und sagte was? Die sahen doch, dass er was abzuliefern hatte. Jetzt erkannte Thomas, dass die Türöffnung der Anfang eines schmalen, fensterlosen Korridors war, in dem sich noch mehr Leute befanden. Ein paar hockten auf dem dreckigen Boden, einige quetschten sich auf einen Sessel (eindeutig das Ergänzungsstück zum Sofa vor der Tür). Am Ende mündete der Korridor in einen weiteren Raum, und da herrschte ebenfalls Betrieb. Vielleicht musste er dorthin? Puh, hier roch es ja ziemlich nach Pisse.
Da er nicht einfach so auf gut Glück in die Höhle des Löwen hineinstolpern wollte, entschied er sich, die Frau gleich rechts neben ihm anzusprechen. Die hatte eine Frisur, die ihn an Mireille Mathieu erinnerte, und erschien ihm am ungefährlichsten.
»Hallo, ich bringe die Bestellung.«
»Was?« Die Mireille-Mathieu-Frau schien wie aus tiefen Träumen hochzuschrecken.
»’tschuldigung«, fing Thomas noch mal an. »Ich habe hier die Bestellung. Für Herrn Kurzoporst.«
»Kurz – op – orst?«, wiederholte sie schleppend, als brauche sie jede Silbe, um ihr Gehirn anzuschmeißen. Sie schüttelte den Kopf. »Kenn ich nicht.«
Mmmh, hatte irgendein Scherzkeks es doch geschafft, Rita reinzulegen? Blamierte er sich gerade bis auf die Knochen? Oder hatte er zielsicher die verwirrteste Person im Raum angesprochen?
Ein Typ, der neben der Frau am Boden saß und eine olivenfarbene Fidel-Castro-Militärkappe trug, blickte auf. »Mensch, Susanne, der Genosse meint den Bender.«
Die Mireille-Mathieu-Frau lachte laut auf. »Ach, der Bender«, sagte sie. »Du willst zu – zu Bender. Wusste gar nicht, dass der – mit Nachnamen Kurzoporst heißt. Also, derHerrKurzoporst – der ist in der Küche. Hier in den – in den Konzertsaal rein.« Sie wies mit dem Daumen auf den Raum am Ende des Korridors. »Die Küche ist hinter der Bar.« Sie redete komisch. Abgehackt und stockend, als würde ihr Sprachzentrum willkürlich mitten im Satz ein paar Vollbremsungen hinlegen.
»Ah, danke«, sagte Thomas, und genau in diesem Augenblick setzte im Konzertsaal ein so lautes Getrommel ein, dass er erschrocken zusammenzuckte und ihm beinahe die zwei Styroporbehälter mit dem Essen drin aus der Hand geglitten wären.
Die Frau mit den Mireille-Mathieu-Haaren lachte wieder und griff umständlich an seine Schulter. »Geht’s?«
»Ja, alles im Griff«, murmelte er, umfasste seine Lieferung fester und setzte seinen Weg fort. Die Arme waren mittlerweile ein wenig lahm geworden. Das hätte gerade noch gefehlt, dass ihm der Krempel hier vor allen Leuten auf den Boden knallte.
Der Konzertsaal war ein muffiger, verqualmter Raum, dessen pechschwarzgestrichene Wände einige rote und gelbe Scheinwerfer in fahles Licht tauchten. Auf der l