Was mich wohl erwartet?,überlegte Maren.Eine Standpauke, Lob oder gar ein neuer, besonderer Auftrag? Automatisch zog sich ihre Stirn in Falten. Um eine Standpauke konnte es sich kaum handeln, sie arbeitete stets effizient und genau. Auch Lob erschien ihr unwahrscheinlich. Ihr cholerischer, ewig missgelaunter Chef ging spärlich damit um. Es musste schon etwas ganz Besonderes geschehen sein, um ein knurriges»Gut gemacht« von ihm zu erhaschen. Ein neuer Auftrag also!
Kurz schwebte ihre Handüber der Türklinke, dann trat sie entschlossen ein. Um die sich ihr darbietende Szene zu erfassen, brauchte sie einen schier endlosen Moment.
Walter Stein thronte in derüblichen Position hinter seinem Schreibtisch– und lachte.
Der kleine Giftzwerg von einem Boss lacht?!, dachte Maren.Dieses Datum muss ich mir merken.
Vor dem Schreibtisch, ihre endlos langen Beine lässigübereinandergeschlagen, saß ihre Kollegin und beste Freundin Sophie. Und auch sie lachte; nicht etwa ein verhaltenes, dienstbeflissenes Mundwinkelverziehen, sondern ihr berühmter, Funken sprühender Ausdruck echter Heiterkeit.
»Maren! Komm und setz dich,cherie!«, rief sie und zeigte auf den freien Sessel neben sich.
Mit einem argwöhnischen Seitenblick auf Walter Stein nahm Maren Platz.
Sophie strahlte sie an.»Wir verreisen, Süße. First Class auf Kosten der BLITZ.«
»Wohin?« Inständig hoffte Maren, dass ihre Skepsis nicht allzu deutlich hervortrat.
Noch bevor Sophie etwas erwidern konnte, ergriff Walter Stein das Wort:»Ihr berichtet beide vom Life Ball in Wien. Das Event ist mittlerweile zu groß und zu wichtig für nur eine Reporterin. Geschichte, Society, Charity, Wirtschaft und sogar Politik vermischen sich in diesem Fall. Und die Prominentenliste ist mehr als nur beachtlich.«
»Walter hat für uns eine Suite im Hotel Imperial reservieren lassen. Soll ein feiner Schuppen sein«, vermeldete Sophie.
»Eine Suite im Hotel Imperial? Tatsächlich?« Kurz verschlug es Maren die Sprache. Das Hotel zählte zu den berühmtesten und geschichtsträchtigsten der Stadt.»Das ist ja wundervoll«, sagte sie und freute sich schon jetzt auf Wien, obwohl sie dort erst kürzlich einen berühmten Opernsänger interviewt hatte.»Wie kommen wir zu der Ehre?« Noch hatte ihre aufkeimende Freude das Misstrauen nicht gänzlich verdrängt.
Die BLITZ sorgte gut für ihre Mitarbeiter und zeigte sich sowohl bei Spesen als auch bei Unterkünften großzügig, doch diesüberstieg dasübliche Maß an Freigiebigkeit bei Weitem.
Unmerklich schüttelte Maren den Kopf. Was war hier los? Walter präsentierte sich freundlich und umgänglich, tatsächlich war er weder das eine noch das andere. Sophie lachte mit ihm anstattüber ihn. Und dann dieser kostspielige Bonus in Form einer Suite im Hotel Imperial.
Walters Stimme unterbrach ihre Gedanken.»Eine von euch beiden hübschen Ladys wird im VIP-Bereich des Balls stationiert sein, die andere mischt sich vor dem Wiener Rathaus unter das Fußvolk. John Boy wird seine Fotos bei den VIPs schießen. Die billigen Outdoor-Bilder kaufen wir zu.« Erwartungsvoll blickte er von einer zur anderen.»Also, wer will rein zu den Promis?«
Hübsche Ladys? John Boy? Während Maren es noch immer nicht schaffte, sich in die Situation zu fügen, schnellte Sophies Arm hoch.»Ich!«
Walter deutete mit dem Zeigefinger auf sie.»Zuschlag für dich, Sophie.« Er lehnte sich zurück und schloss einen Augenblick lang die Augen. Mit versonnener Miene sprach er weiter:»Ich möchte, dass ihr den Aufenthalt in Wien so richtig genießt. Ihr werdet begeistert sein. Wien ist eineüberwältigende Stadt. Das Gefühl, durch die Gassen des Ersten Bezirks zu schlendern, lässt sich kaum in Worte fassen. Es ist geheimnisvoll, von Geschichte erfüllt und unvergleichlich romantisch. Meine Reise dorthin wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Einfach unvergesslich…« Ein wehmütiger Ausdruck trat auf sein Gesicht.»Ach Kinder, wenn ihr wüsstet– stellt euch einen jungen Deutschen gemeinsam mit einem süßen Wienermädel in einem Fiaker vor. Aneinandergeschmiegt, die Beine unter einer wärmenden Decke verborgen, seine Finger in ihrer feuchten, warmen Muschi…« Er stieß ein verhaltenes Kichern aus und blickte hoch. Als er sich bewusst wurde, was er da eben gesagt hatte, hüstelte er verlegen und fuhr fort:»Um die Kostüme kümmert ihr euch aber gefälligst selbst. Die BLITZ ist nicht die Wohlfahrt. Und jetzt verschwindet aus meinem Büro.«
Da war er wieder: der unfreundliche, mürrische Walter Stein. Nahezu erleichtert atmete Maren auf. Griesgrämig, aber einschätzbar war er ihr allemal lieber. Eilig sprang sie auf und beeilte sich, aus dem Zimmer zu kommen. Die einzig vernünftige Reaktion in so einem Fall.
Sophie folgte ihr auf dem Fuß.
Nachdem sie sich gebührend entfernt hatten, beugte sich Sophie zu Maren hinüber.»Ich fass es nicht! Der Zwerg hat romantische Erinnerungen an Wien? So samtweich habe ich ihn noch nie erlebt.« Sie schüttelte sich.»Und dann dieses Kopfkino! Beim nächsten flinken Männerfinger in meinem Zuckerdöschen werde ich sicher daran denken müssen! Ich weiß schon jetzt, dass dieser Fick ein Desaster werden wird. Sex und Walter Stein, das passt schlicht nicht zusammen.«
»Zuckerdöschen?! Du meinst wohl eher die‚Büchse der Pandora?.« Abschätzig pfiff Maren durch ihre Zähne.»Der Ausdruck basiertübrigens auf einemÜbersetzungsfehler. Ursprünglich hieß es nämlich,Pithos?. Das ist ein großer, weiter Krug für Vorräte.«
Sophies Kopf ruckte herum.»Was?«
»Nichts zu danken, ich fülle gern deine Bildungslücken«, entgegnete Maren und fauchte dabei wie eine verärgerte Katze.
»Pithos? Bildungslücken? Was hast du denn bloß?« Mit einem verwunderten Ausdruck musterte Sophie ihre Freundin.
Plötzlich warf Maren die Arme in die Luft und stöhnte gequält auf. In Ihrem Kopf begann sich alles zu drehen, und die beißende Wut wich echter Verzweiflung. Unvermutet war sie den Tränen nahe.»Hast du denn unser Gespräch vergessen?«
In Sophies Stimme schwang völliges Unverständnis:»Welches Gespräch?«
»Als wir