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DER ZUG AUS DEM WASSERKRAFTWERK IN XIANG WU: DER FILM
Dr. Siri und seine Frau spazierten derart souverän und selbstbewusst durch die weite Flügeltür, dass der verhuschte Platzanweiser es nicht wagte, ihre nicht vorhandenen Eintrittskarten zu verlangen. Die greisen Politiker, die in den Gängen beieinanderstanden und sich unterhielten, grüßten höflich nickend in Erinnerung an alte Zeiten. Sie alle waren bei dieser oder jener Gelegenheit mit Siri aneinandergeraten, und ihre diversen Angebote, sich doch demnächst einmal zu treffen,»damit unsere Frauen sich kennenlernen können«, hatten eineähnlich hohe Lebenserwartung wie die gemeine Sturmameise. Die Damen rümpften die Naseüber Daengs knöchellangenphasin. Die Sozialistin von heute trug halblang, vermutlich weil ihr das bei der Parteiarbeit größere Bewegungsfreiheit verschaffte. Daeng hatte sich strikt geweigert, ihre wunderschönen alten Röcke abzuschneiden, und wäre sie darauf angesprochen worden, hätte sie ihr Gegenüber zweifellos daran erinnert, dass man in Röcken gleich welcher Länge ohnehin keine Fronarbeit verrichten konnte.
Wäre er etwas diplomatischer gewesen, hätte ein Mann von Siris Format im Handumdrehen Parteikarriere gemacht. Zu irgendetwas mussten eine vierzigjährigeKP-Mitgliedschaft und ein Medizinstudium in Europa schließlich gut sein. Doch leider gab es im Saal keine einzige Person, die er nicht gelegentlich gedemütigt oder beleidigt hatte. Und wer keine Kompromisse schließen kann, der ist nun einmal dazu verdammt, die Stars auf der Leinwand aus der Ferne zu betrachten. Darum ließen Siri und Daeng sich, nach ein paar ebenso kurzen wie unnötigen Plänkeleien, in der achten Reihe nieder, knabberten Guavenscheibchen mit süßer Chilisauce und harrten des Vorstellungsbeginns. Der Filmvorführer räusperte sich, und die Zuschauer nahmen geräuschvoll ihre Plätze ein. Civilai kam zu spät. Da es als unhöflich galt, sich entlang der vollbesetzten Reihen zu einem freien Kinosessel durchzudrängeln, ließ Civilai sich vom Platzanweiser einen Klappstuhl geben und setzte sich in den Seitengang. Er schien nicht sonderlich verwundert, Siri und seine Frau hier anzutreffen. Siri wies Daeng verstohlen darauf hin, dass das Hemd seines Freundes falsch geknöpft war.
Obwohl der Präsident, der Premierminister sowie drei Politbüromitglieder der Versammlung ferngeblieben waren, hätte sich ein Attentäter mit antisozialistischen Neigungen und einer nicht zu kleinen Bombe keinen geeigneteren Ort aussuchen können, um Letztere hochgehen zu lassen. Der Saal war quasi ein Who’s Who von führenden Funktionären, hochrangigen Beamten, Ministern, vietnamesischen Beratern und ausländischen Botschaftern. Dem Besucheransturm nach zu urteilen gab es eine nicht unbeträchtliche Zahl von Würdenträgern, die nach Unterhaltung förmlich lechzten.
Der Hauptfilm war ein chinesisches Opus namensDer Zug aus dem Wasserkraftwerk in Xiang Wu. Die Kulturabteilung der chinesischen Botschaft hatte weder Kosten noch Mühen gescheut und diverse populäre chinesische Filmeübersetzen und mit laotischen Untertiteln versehen lassen. In einem Hinterzimmer warteten ein halbes Dutzend– ebenfalls untertitelte– russische Ausstattungsspektakel darauf, die laotische Staatsführung zu verzaubern. Für einen Cineasten hatte es durchaus seine Vorteile, ein Spielball der Politik zu sein.
Das Saallicht erlosch, und ein kleines Fenster, das zu vernageln man offenbar vergessen hatte, wurde eilig verhängt. Das Stimmengewirr verebbte. Siri hielt den Atem an und wartete auf das Geräusch, das die bevorstehende Attraktion ankündigte, das Klack-klack-klack des Zelluloidstreifens, der durch den Projektor ratterte. Grellweißes Licht fiel auf die Leinwand, und der Countdown begann. Hätte Civilai neben ihm gesessen, hätten die beiden lautstark mitgezählt:»Acht… sieben… sechs…«
Der Vorspann dauert gefühlte anderthalb Tage, dann endlich beginnt der Film. Wir befinden uns in einem belebten Großstadtbahnhof. Dieüberwiegende Mehrheit der Komparsen, die sich auf den Bahnsteigen drängen, trägt Uniform. Alles auf der Leinwand ist entweder kaugummigrün oder tabakbraun. Um die Tristesse der Szene noch zu unterstreichen, scheint selbst der Zug auf dem Bahngleis grün-braun lackiert zu sein. Plötzlich ein Farbklecks, undüber den Köpfen der gramgebeugten Menge flattert eine kleine rote Fahne. Die Kamera schwenkt nach unten, und wir sehen eine Hand, die den Bambusstock umklammert, an dem das Stück Stoff befestigt ist. Die Fahne durchpflügt die Menge wie eine blutige Haiflosse ein grün-braunes Meer. Schließlich sehen wir, dass es sich bei der Fahnenträgerin um eine herzzerreißend schöne junge Dame handelt. Sie heißt Ming Zi und trägt die Uniform der Chinesischen Volksbefreiungsarmee. Erwartungsvoll sucht sie in dem Heer von Passagieren, die dem Zug entsteigen, nach einem vertrauten Antlitz. Irgendwo in der Menschenmenge hinter ihr spielt laut und falsch ein Streichorchester. Ihr Gesicht ist eine bunte Palette unzweideutiger Gefühle: Vorfreude,