Die erste Frau
Wahrscheinlich wird keinervon unsden Tag je vergessen. Den nicht und was danach folgte wohl auch nicht.
Mein Bruder Klaus und ich waren zusammen mit Onkel Matthäi aufgebrochen, um unser Geschick im Fischfang zu verbessern. Meine Mutter war der Meinung, es könne nicht schaden, wenn wir in der Lage wären, den Speisezettel der Familie deutlich zu erweitern. Natürlich kannte ich den wahren Grund. Meine Mutter, eine sehr kluge Frau, wusste, dass Brüder unseres Alters ihre Kräfte und ihr Können messen müssen. Sicher, es stimmte was im Dorf geredet wurde, nämlich dass sie deutlich klüger als schön war, uns jedoch störte das nicht.
Wir drei hatten also unsere Rucksäcke gepackt. Wegzehrung für uns, Köder für die Fische, unsere selbstgebastelten Angelruten. Es würde für die Fische nicht einfach sein, uns zu entkommen, denn wir waren schon recht geübte Angler.
Außerdem stand der Mond auf unserer Seite.
Lorenz, ein kauziger Mann aus dem Dorf, von dem niemand sagen konnte, wie alt er war oder woher er stammte, hatte uns im Sommer erklärt, nach Neumond und vor Vollmond würden die Fische besonders gut beißen.
Und in der letzten Nacht hatte sich der Mond gar nicht am Himmel gezeigt.
Klaus und ich waren sicher, wir würden so viele fangen, dass wir Hilfe beim Heimtragen bräuchten.
Matthäi führte uns zu einer Stelle an der Parthe, die ein wenig versteckt lag. Das dunkle Wasserband machte hier eine Biegung, das Ufer verschwand fast vollständig unter Gestrüpp und kam erst weiter flussabwärts wieder zum Vorschein. Matthäi behauptete, hier fühlten die Fische sich sicher, fänden Schatten, und die anderen Fischfänger kämen nur selten her zum Angeln, weil sie sich durch das Unterholz arbeiten mussten, das sei vielen zu beschwerlich. Klaus watete durchs Wasser, was nach den vielen Regenfällen, die selbst den kleinen Fluss hatten anschwellen lassen, gar nicht so einfach war, und setzte sich an der gegenüberliegenden Uferseite auf einen Stein.
Wir warfen unsere Ruten durch die Luft, ließen die Regenwurmköder eintauchen und warteten. Schweigend.
Sehr lange.
Wortlos. Lautlos.
Ich beobachtete, wie Klaus eine stattliche Forelle fing und in seinen Eimer warf.
In meinem schwammen nach kurzer Zeit auch schon drei, unser Onkel war auch erfolgreich. Mehr Beute, als wir zum Abendessen allein verzehren konnten.
Die Sonne krabbelte am Himmel empor. Es wurde erst warm, dann unerwartet heiß für einen Herbsttag.
»Matthias«, erklärte mir Onkel Matthäi,»ich glaube, wir machen noch eine Stunde weiter. Die beißen heute so gut, da fällt genug an für eine Ladung in der Räucherkammer. Deine Mutter wird sich freuen.«
Klaus war auch einverstanden, er hatte wohl einen Rückstand auszugleichen, und so blieben wir am Fluss.
Ich glaube, es war Matthäi, der sich zuerst beschwerte.»Es stinkt!«
Und das stimmte tatsächlich.
»Kommt vom Wasser«, behauptete Klaus.»Hier ist wenig Strömung. Es wird brackig.«
Erneutes Schweigen.
Wir behielten unsere Angeln fest im Blick.
Nach einer Weile maulte Matthäi:»Es stinkt nicht nach verdorbenem Wasser!«
Mein Onkel konnte manchmal nervtötend rechthaberisch sein.
»Sind bei euch auch so viele Wespen?«, fragte ich, denn, wenngleich ich es nicht zugegeben hätte, die Stiche waren schmerzhaft, das Gesumme lästig.
Dem Lärm nach zu urteilen, musste das Nest im Gebüsch hinter mir sein.
»Bei mir nicht«, rief Klaus grinsend, doch Matthäi, der ein paar Meter von mir entfernt stand, nickte. Bei ihm waren die Biester also auch.
»Du bist am anderen Ufer«, stellte ich fest.»Vielleicht mögen die nichtübers Wasser fliegen. Dann hast du die bessere Seite gewählt.«
Ich beobachtete, wie Matthäi aufstand und im Unterholz verschwand.
Der viele Tee vom Frühstück drückte, nahm ich an.
Nach einer Weile kam er zurück.
Nahm wortlos seine Rute wieder in die Hand.
Starrte ohne Regung aufs Wasser.
Überraschend begann er heftig zu würgen.
In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie jemanden so kotzen sehen.
»Mensch, Matthäi! Was ist dir?«, ich lief zu ihm und bemerkte sofort, wie ungewöhnlich bleich er war. Deutlich weißer als sein Hemd.
Langsam kam er wieder zu Atem. Spülte sich den Mund mit Flusswasser aus.
Starrte mit glasigen Augen vor sich hin.
»Besser?«, erkundigte ich mich, und mein Onkel nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf.
»Sollen wir nach Hause gehen?«, fr