: Petra Gabriel
: Der Ketzer und das Mädchen Historischer Roman
: Gmeiner-Verlag
: 9783839242827
: 1
: CHF 8.90
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 410
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF/ePUB
Konstanz 1414. Auf der Flucht vor einem Kinderfänger gelangt Ennlin mit ihrem kleinen Bruder nach Konstanz. Könige, Fürsten und Gelehrte aus aller Herren Länder wollen dort beim großen Konzil die Kirche reformieren. Ennlin findet Freunde und begegnet einem Mann, der sie tief beeindruckt - Jan Hus, der Ketzer aus Böhmen. Fassungslos erlebt sie mit, wie er zum Spielball von Intrigen wird. Und auch Ennlin gerät in die Mühlen der Mächtigen und muss um Leib und Leben fürchten ...

Petra Gabriel, Spross einer rheinisch-schwäbischen Verbindung, ist in Friedrichshafen am Bodensee aufgewachsen und über Irland, München und Norddeutschland schließlich in Südbaden angekommen. In dieser Zeit absolvierte sie Ausbildungen in den verschiedensten Berufen wie Übersetzerin und Hotelkauffrau sowie ein Volontariat. Danach war sie rund 15 Jahre Redakteurin beim Südkurier. 2001 erschien mit 'Zeit des Lavendels' ihr erster Roman. Seit 2004 ist sie freischaffende Autorin, seit 2006 verbringt sie einen Teil des Jahres in Berlin. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Bisher sind sechs historische Romane von Petra Gabriel erschienen, ein Mystery-Roman, zudem mehrere Krimis. www.petra-gabriel.de

Kapitel zwei: Von Räubern und Rittern


Bruder und Schwesterschlugen den Weg nach Honstetten ein. Von dort aus ging es noch ein Stück weiter in Richtung Eckartsbrunn, bis – nicht weit entfernt von einem verwahrlosten Brunnen – ein schmaler Pfad in den dichten Wald abzweigte. An dem Brunnen hatten einst auch die Leute ihr Wasser geschöpft, die hier gelebt hatten. Ennlin füllte die Schweinsblase auf, die ihnen als Wasserschlauch diente.

Sie kamen nur mühsam voran. Obwohl es längst hell geworden war, stolperten sie im Halbdunkel unter den Bäumenüber Wurzeln und Unterholz. Manchmal konnten sie den Weg kaum erkennen, er war stellenweise fast völligüberwachsen. Nur wenige Menschen wagten sich hierher, obwohl hier viel trockenes Knüppelholz zu finden war. Sie fürchteten sich vor den Geistern der Burg.

Nach etwa zwei Stunden erreichten sie die Stelle, an der der Pfadüber einen Graben hinweg in die lang hingestreckte Vorburg führte. Diese war von einer mächtigen, mit Efeu bewachsenen Ringmauer umgeben.

Die Geschwister passierten halb verfallene Mauerreste und eingestürzte Wände. Ein Teil der Ställe stand noch, die Grundrisse einer Schmiede und eines Backhauses waren zu erkennen. Hier sollten einst die Juden gelebt haben. Während der Pestjahre hatte es Verfolgungen gegeben. Das wusste Ennlin vom Vater. Da hatte man sie alle umgebracht.

Jakobs kleine Hand schob sich in die der Schwester. Ennlin drückte beruhigend.»Musst dich wirklich nicht fürchten. Hier lebt niemand mehr. Der Verwalter der Leute, denen die Burg gehört, und die Dienstboten sind längst fort. Es ist auch nicht mehr weit. Gleich geht’s noch durch eine Schlucht, und dann sind wir auch schon fast bei der eigentlichen Burg. Die steht oben, direkt auf der Kante des Berges. Es ist schön da. Ich kenne eine Stelle, von der aus man ganz weitübers Land schauen kann. Außerdem weiß ich, wie wir in die Burg reinkommen.«

Bald darauf hatten sie ihr Ziel erreicht. Jakob schaute sie entsetzt an, Ennlin zog ihn mit sich.»Bleib jetzt dicht bei mir. Der Regen hat alles aufgeweicht«, befahl sie dem Bruder.»Musst am besten nah an der Mauer gehen, damit du nicht ausrutschst oder stolperst. Hier gibt es immer Mauerstücke oder Abfall, den die Leute früher in den Zwischenraum von Burg und Burgmauer geworfen haben. Man sieht es nur nicht, weil alles soüberwachsen ist.«

Auch sie hielt sich eng an die säuberlich behauenen und fensterlos aufgemauerten Steine und vergewisserte sich immer wieder, dass Jakob direkt hinter ihr blieb. Sie wollte zu einer kleinen versteckten Pforte im hinteren Teil der Hauptburg.

Ab und an kamen sie anÖffnungen in deräußeren Ringmauer vorbei. Manchmal waren auch einfach Mauersteine ins Tal gestürzt, tief diesen steilen Felsen hinab, auf dem die Burg stand. Dann hatten sie einen freien Blicküber bewaldete Täler. Ennlin fragte sich nicht zum ersten Mal, wie viele Wachleute hier gestanden, in die Weite gespäht und die Gegend nach herannahenden Feinden abgesucht haben mochten, als hier noch Menschen gelebt hatten.

Viel lieber war ihr aber die Vorstellung, dass die Tochter des Burgherrn sich hinter der Burg mit ihrem Liebsten getroffen haben könnte. Immer wieder hatte sie sich in deren Rolle geträumt. Unverzichtbarer Bestandteil dieses Traumes war ein blonder, gut gewachsener Jüngling, ein Ritter in glänzender Rüstung auf einem weißen Pferd und so tapfer, dass alle Welt ihn bewunderte. Der hatte sich ihr zu Füßen geworfen und ihr ewige Liebe geschworen. Doch darüber hinaus gingen ihre Träume nicht. Kein Ritter würde die Tochter eines Unfreien zum Weib nehmen.

Schließlich hatten sie es geschafft. Ennlin atmete erleichtert auf. Die kleine Pforte wollte sich zunächst nichtöffnen lassen. Sie stemmte sich mit aller Macht dagegen. Da gab die Tür knarzend nach, die Geschwister schlüpften hindurch und kamen in einen kleinen düsteren Raum. Ennlin vermutete, dass es die ehemalige Wächterstube war.

»Bleib stehen«, befahl sie ihrem Bruder. Sie tastete sich vor zur nächsten Ecke. Dort lag ein Stapel Holz, das sie bei früheren Besuchen in der Umgebung der Burg gesammelt hatte, daneben trockenes Stroh und Heu. Ennlin schichtete etwas Holz auf, holte sich eine Handvoll von dem Heu, legte es darauf und kramte Feuerstein, Feuereisen und Zunder aus dem kleinen Beutel an ihrem Gürtel. Sie konnte hören, wie Jakob erleichtert aufatmete, als endlich die Flammen aus dem trockenen Gras züngelten und das Feuer die Umgebung erhellte.

Das Zimmer war leer bis auf eine Kiste, in der Ennlin zwei Decken, eine Schale und Becher versteckt hatte. Alles stammte aus der Burg. Die ehemaligen Bewohner mussten hastig aufgebrochen sein, denn sie hatten noch manch Brauchbares zurückgelassen, das jetzt, von Spinnweben und Staub bedeckt, in diesem alten Gemäuer vor sich hindämmerte und den Mäusen als Nest diente.

Im flackernden Schein der Flammen tauchte auch ein Ständer aus dem Dämmerlicht auf. Daran hingen einige getrocknete Sträußchen aus Kräutern, die auf d