Teil 1: Angewandte Fluchtmalerei
Begegnung im Yumuri-Tal
Geliebter,
Dies sollte ein Brief sein, aber da ich kein Papier bei mir habe und unbedingt jetzt diese Zeilen verfassen muss, weil sich die Eindrücke sonst verflüchtigen, schreibe ich in mein kleines, schwarzes Notizbuch.
Du bist also mit Alexis und den verrücktenÖsterreichern an den Strand gefahren, an die Playa del Este, während ich zuerst nach Matanzas fuhr, und von dort, auf einem Umweg, zurück nach Havanna unterwegs bin. Du wirst mich eigenhändig erwürgen, weil ich ungefähr erst gegen zehn Uhr nachts im Vedado sein werde, wo wir uns hoffentlich am Malecon treffen, und uns bei einer Flasche Rum und ein paar Küssen unter dem halben Mond versöhnen. Ich entschuldige mich jetzt schon - und freue mich.
Der Reihe nach…
Es ist kurz vor neunzehn Uhr, die Sonne steht tief und das Licht im Tal ist in Gold getaucht. Ich sitze auf einer Holzbank unter dem Dach der Station und warte auf den Zug, der mich gegen acht Uhr abends nach Havanna bringen wird. Um mich herum hat die Stille zu jener seltenen Vollkommenheit gefunden, von der Schriftsteller undDichter so gerne schreiben, und die Maler manchmal einzufangen versuchen. Die Möglichkeit eines Klangs ist in diesem Goldlicht gefangen wie eine Mücke im Bernstein.
Von Matanzas nahm ich einen dieser Volksbusse; auf die Ladefläche waren vom Wetter ausgebleichte Sofas geschraubt worden. Ich zahlte einen konvertiblen Peso und fuhr in brausendem Geschunkel auf den staubigen Nebenstraßen zu den kleinen Dörfern, wo die Linienbusse nicht hinfahren. So jedenfalls gelangte ich nach Cidra, wo ich unbedingt hin wollte, um endlich einmal das Dorf zu sehen, das in den Büchern als verblichene Künstlerkommune gepriesen wird.
Ich habe von der Fahrt auf dem Esel einen Sonnenbrand im Nacken - du wirst mit deinem Besserwissergrinsen sicher eifrig nicken und auf die 30er-Sonnenmilch aufmerksam machen, die auf der Kommode im Zimmer steht, jaja.
In Cidra fühlte ich mich verloren und einsam, ich hätte dich gerne an meiner Seite gehabt, aber ich war allein, und als ich dann durch die Straßen und Gassen schlenderte, waren sie mir fremd und unangenehm. Cidra ist eine staubige und stille Ortschaft, die im Tageslicht vor sich hin dunstet, sie hat keinen Anfang und kein Ende, kein Stadtzentrum, nichts. Ich verließ den Ort gegen Mittag auf einer Landstraße, auf der ich Richtung Südwesten ging. Ich machte mir keine Sorgen, ich hatte sowohl Konvertible mit als auch kubanische Pesos, meinen Ausweis, und im Rucksack hatte ich einen Liter gefrorenes Wasser, das gerade auftaute. Ich ging etwa eine halbe Stunde, da blieb ein kleiner Lieferwagen stehen und eine Frau fragte mich, wohin ich unterwegs sei. Ich sagte:„Havanna.“ Sie lachte und antwortete:„Loco Yuma“, und„spring rein, ich bring dich zur Hershey-Bahn. Es gibt im Yumuri-Tal eine Station, da kannst du einsteigen.“ Sie schüttelte den Kopf noch immer, als ich schon auf dem Beifahrersitz saß, sie den Wagen zurück auf die Straße lenkte und an der Spitze einer Staubwolke losraste. Yumuri-Tal, das kam mir gerade gelegen, wollte ich mir doch endlich einmal dieses wunderschöne Tal ansehen, das ich nur von jenem Gemälde kannte, das Alejo gemalt hatte.
Sie fragte mich dieüblichen Sachen und ich gab ihr dieüblichen Antworten, wir waren uns sympathisch und etwa eine Stunde später, inmitten eines wundervollen, weiten Tals, blieb sie auf einer Kreuzung im Nirgendwo stehen. Sie zeigte auf die Straße, die von der Kreuzung links wegführte und sagte:„Ich muss geradeaus weiter, meinen Mann abholen. Du gehst einen knappen Kilometer auf dieser Straße da entlang, dann siehst du schon das Stationsgebäude. Ist nicht zuübersehen, sieht aus wie in einem Yankee-Film, wo Leute mit geladenen Colts und Mundharmonikas auf einsam heulende Züge warten, hahaha!“
Wir lachten, küssten uns auf die Wange, sie fuhr los und ich blieb stehen, bis sich der Staub senkte, wartete noch ein paar Atemzüge und genoss die Stille. Die Straße befindet sich auf der nördlichen Anhöhe des flachen und weitläufigen Yumuri-Tals. Es war früher Nachmittag und die Vorläufer eines heranziehenden Gewitters machten die Luft silbrig und die Landschaft unscharf.
Etwa eineinhalb Kilometer von meiner Position aus konnte ich eine Art Damm sehen und war mir sofort sicher, dass das die Trasse der Hershey-Bahn sein musste. Ich rückte die Träger des Rucksacks zurecht und machte mich auf den Weg, folgte der staubigen Straße, die in weiten Kurven hinunterführte. Das Yumuri-Tal kam m