: Marc Ritter
: Stieranger Kriminalroman
: Piper Verlag
: 9783492963985
: Garmisch-Krimis
: 1
: CHF 8.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dass ausgerechnet er, Lokalreporter Karl-Heinz 'Gonzo' Hartinger, sich um den Unternehmer Oliver Klammert kümmern muss, der in Garmisch-Partenkirchen einen neuen Standort sucht, ist schlimm genug. Dass dies auch noch joggenderweise passieren muss, weil Klammert sich als Fitnessfreak entpuppt, macht die Sache nicht besser. Aber spätestens als sie das Grand Hotel Sonnenbichl erkunden und Hartinger auf dem Dachboden ein bekannter, höchst unangenehmer Geruch in die Nase strömt, ist mal wieder klar, dass hier etwas ziemlich zum Himmel stinkt ...

Marc Ritter, geboren 1967 in München, wuchs in Garmisch-Partenkirchen auf, wo er nach dem Abitur Zivildienst machte und für eine Garmisch-Partenkirchner Lokalzeitung über Politik, Sport und Nachtleben berichtete. Zum Studium von Germanistik, Politikwissenschaften und Werbepsychologie sowie einer Marketingausbildung kehrte er nach München zurück. Ritter arbeitete als Manager für große deutsche und amerikanische Print- und Online-Medien und ist seit mehreren Jahren als Unternehmensberater tätig. Er wohnt mit seiner Familie in München.

Kapitel 3


»Ich weiß, dass Sie das nicht gern machen, und ich weiß es umso mehr zu schätzen.« DieSMS von Oliver Klammert kam um zwölf Uhr auf Hartingers Handy an. Klar. Habersetzer hatte ihm Hartingers Nummer gegeben. Klammertüberließ offenbar nichts dem Zufall. Er wollte die Dinge kontrollieren, vor allem die Menschen, die ihn umgaben. Das entsprach dem Bild, das sich Hartinger von ihm nach einer ausführlichen Internetrecherche und einem Telefonat mit Kurt Weißhaupt in München von dem Unternehmer gemacht hatte.

In den frühen1990ern hatte der ehemalige Banklehrling aus Kassel zwei Semester Wirtschaft in München studiert und hatte dann sein Studium hingeschmissen, um nach Amerika zu gehen. Er war direkt ins Silicon Valley im Süden von San Francisco gefahren, hatte reihum bei den dort entstehenden Internetfirmen Praktika absolviert und die ersten – nochäußerstüberschaubaren – Aktienpakete der Yahoos, Ebays und Amazons erworben. Diese waren plötzlich ein Vielfaches seines Einsatzes wert gewesen und hatten Oliver Klammert zu einem ziemlich reichen jungen Mann gemacht. Er hatte aber dieses Geld sofort wieder in Unternehmen des Neuen Marktes investiert und spätestens mit dem Börsengang vonEM.TV seinen Status von reich auf steinreich verbessert. Rechtzeitig vor dem Platzen der Internetblase im Jahr2001 hatte er seine Gewinne realisiert und war dazuübergegangen, die in Amerika erfolgreichen Geschäftsmodelle des Internets auf Europa zuübertragen. In Deutschland, später auch Frankreich, Italien, Skandinavien und vor allem in Russland, hatte er Kopien der großenUS-Internetfirmen aus dem Boden gestampft, um diese dann an eben jene Unternehmen verkaufen zu können, als sie sich mit eigenen Niederlassungen in der Alten Welt hatten ausbreiten wollen. Oliver Klammerts Kopien von Stellenmarktportalen oder Schuhversendern waren immer schon vor ihren Originalen da gewesen. Für die Amerikaner war es einfacher gewesen, ihre eigenen Klone zu kaufen, als sich gegen sie durchsetzen zu müssen. Klammert schien wie König Midas alles, was er anfasste, in Gold zu verwandeln. Allerdings war er mit einigen Investments in China gescheitert, wo die Verhältnisse nicht ganz so einfach lagen. Hier musste man die Kinder der Kader ins Geschäft mit einbeziehen, was Klammert zuerst verpasst, dann aber schnell nachgeholt hatte.

Mittlerweile wurde sein Privatvermögen aufüber zwei Milliarden Dollar geschätzt, wobei die Werte seiner unüberschaubaren Beteiligungen je nach Marktlage noch wesentlich wertvoller beschrieben wurden. Dabei sei, so entnahm es Hartinger den wenigen Porträts, die die Wirtschaftspresse anzubieten hatte, Klammert ein relativ bescheiden auftretender Mensch geblieben, der nicht wie Software-Milliardäre amerikanischen Zuschnitts mit teuren Hochseejachten oder Einstieg in Raumfahrtunternehmen von sich reden machte. Er hielt sogar seine Wohltätigkeitsaktionen aus derÖffentlichkeit und ließ sich nicht mit hungernden Kindern in Afrika fotografieren. Er stiftete Dorfbrunnen und Schulen in Ghana und der Elfenbeinküste.

»Ich habe den einmal bei uns gesehen, als er sich einen Nachmittag langüberlegt hat, unsere gesamte Zeitung zu kaufen«, hatte Kurt Weißhaupt berichtet, der ehemalige Lokalchef der Süddeutschen Zeitung und damit Hartingers Boss zu dessen Münchner Zeit.»Ich dachte eigentlich, der ist der Sekretär oder Assistent, der auf seinen Zampano wartet, bis ich kapiert hab, dass er das selbst war. Klammert hat uns wohl nicht gekauft, weil wir ihm zu altmodisch waren. Schade eigentlich, jetzt müssen wir uns mit schwäbischen Rechtsanwälten rumschlagen«, hatte Weißhaupt sein Resümee beendet.

Hartinger musste das nicht erzählt werden. Er hatte schließlich seinen Job als Polizeireporter bei der großen Zeitung verloren, nachdem er einem dieser neuen Manager Prügel angedroht hatte. Aber das war auch schon wieder fast vier Jahre her. Er hatte sich in seiner neuen alten Heimat Garmisch-Partenkirchen eingerichtet. War vom Paria zum Ehrenbürger aufgestiegen. Wenn ihm das mal einer vorausgesagt hätte … Nur die Steuerschulden, die nahmen täglich Raum in seinen Gedanken ein. Ob er die jemals würde abstottern können?

Jedenfalls hatte er an diesem Tag einem milliardenschweren Unternehmer seine Heimat joggenderweise zu zeigen. Eine Aufgabe, die ihm zu seinen Münchner Zeiten, als er höchstens zwischen Taxi und Schumann’s Bar zu Fuß gegangen war, niemand zugetraut hätte. Die Frage war, ob er sich das zutrauen konnte. Er brachte noch immer zwei Zentner auf die Waage, und sein Laufpartner sah so aus, als wöge er knapp mal die Hälfte. Hartinger hatte in dem Moment, als ihn Habersetzer gebeten hatte, mit Klammert laufen zu gehen, gewusst, dass das ein harter Job werden würde. Aber auch, dass er dem Redaktionschef zehnmal so viel für eine Ortsrunde aus den Rippen leiern konnte wie für ein Foto v