Schwarzes Kliff, April 1951
Die Blitze zucktenüber Himmel und erhellten die bizarrsten Wolken, die Hinner Johansen jemals gesehen hatte. Und er hatte schon viel gesehen mit seinen achtundfünfzig Jahren, von denen er die meisten auf dem Leuchtturm am Schwarzen Kliff verbracht hatte. Wind und Wetter schreckten ihn nicht. Gewitter, Orkane, sogar Windhosen und Schneestürme hatte er hier draußen erlebt. Doch das…
Kilometerhoch türmten sich die nachtschwarzen Wolkengebilde, rolltenüber das Meer auf die Küste zu wie eine bleigraue Wand, verschluckten die untergehende Sonne und den Horizont.
»Dunkel wie ein Affenarsch«, murmelte er und setzte das Fernglas ab. Er saß an einem der kleinen, runden Fenster seiner Turmwohnung hochüber der Erde, undüber ihm befand sich nur noch der Feuerraum, in dem die elektrisch angetriebenen Schweinwerfer standen. Selbst bei diesem Schietwetter schickten sie ihre warnende Botschaft hinaus aufs Meer: Vorsicht, Seeleute, kommt dieser Stelle nicht zu nah!
Aus dem Radio quäkte die Sturmwarnung. Zu spät für die Schiffe draußen. Sie konnten nicht mehr kehrtmachen. Hinner hoffte, dass die Kapitäne der beiden Frachter und des Fischfängers erfahren genug waren, die zackige Küstenlinie zu meiden. Das Schwarze Kliff hatte seinen Namen nicht, weil der sanft geschwungene Hügelüber dem Meer so lieblich und vertrauenerweckend wirkte. Es wurde so genannt, weil unter Wasser scharfzackige Felsen lauerten, die eine tückische Laune der Natur direkt vor die Küste geworfen hatte und die für jedes Schiff, das sich bei Ebbe näher als eine halbe Seemeile heranwagte, zur Todesfalle wurden. Der Leuchtturm stand seit Jahrhunderten an dieser Stelle. Erst seit einigen Jahren wurde das Seefeuer elektrisch betrieben. Das erleichterte Hinner die Arbeit so sehr, dass er insgeheim befürchtete, eines nicht so fernen Tagesüberflüssig zu werden.
Das Grollen des Donners klang durch den Sturm, gefolgt von einer Blitzsalve, dem Artilleriefeuer des aufgewühlten Himmels. Die See antwortete mit einem brüllenden Aufbäumen. Drei, vier, fünf Meter hoch waren die Brecher bereits. Steil aufragende Wasserwände, gekrönt von brodelnder Gischt. Sie rollten auf die Klippe zu, schlugen donnernd auf und schäumten so hoch, dass sie fast bis an Hinners Fenster spritzten. Kochend zog sich das Wasser zurück, um mit der nächsten Dünung anzuschlagen, als ob das Land ein Feind wäre, den diese Urgewalt in die Knie zwingen müsste.
Das Seefeuer leuchtete waagrecht in den Regen. Auch wenn Hinner im vorbeifliegenden Licht nicht viel erkennen konnte, wusste er, dass es draußen auf See meilenweit wahrgenommen werden konnte. Erüberlegte gerade, ob er für die armen Seelen auf den drei schutzlosen Schiffen ein Gebet sprechen sollte, als ein Donnerschlagüber die Küste und gegen den Leuchtturm krachte, der die Wände wackeln ließ. Hinner zuckte zusammen. Im nächsten Moment spürte er etwas, das er später»elektrisch« nennen würde, auch wenn das nicht stimmte und sein Gefühl nur unzureichend beschrieb. Es war, als ob sprühende Funken in der Luft knisterten. Es roch… nach Feuer. Auch das war falsch. Feuer roch nach Holz, nach Kohle, nach Teer oder Tannenzapfen. Also nach dem, was gerade Raub der Flammen wurde. Dieses Feuer hingegen verbrannte… Wasser. Hätte Hinner sagen sollen, es hätte nach brennendem Wasser gerochen? Aber in diesem Moment wusste er ohnehin noch nicht, was sichüber seinem Kopf zusammenbraute. Er ahnte es vielleicht. Später würde er sagen, er hätte den Blitz gespürt, noch bevor er herunterkam. Aber auch das würde ihm niemand glauben.
Instinktiv warf er sich auf den Boden. Keine Sekunde zu früh. Ein loderndes Zischen erfasste und umhüllte den Leuchtturm. Milliarden Watt erleuchteten den nachtschwarzen Himmel. Helles, gleißendes Licht tobte in wildem Zucken um ihn herum. Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten, in denen nur noch Gedankenfetzen durch Hinners Kopf flogen. Gummimatte, zum Beispiel. Dielen. Flammen. Treppe. Raus hier. Nichts wie raus.
Mit einem gewaltigen Schlag erlosch das Licht. Noch bevor der Leuchtturmwärter registrierte, dass es stockdunkel war und sogar das Seefeuer seinen Geist aufgegeben hatte, zersprangen die dicken Scheiben des Leuchtfeuersüber ihm, und der Wind schleuderte das schwere Glas auf den Fels weit unten am Fuße des Turms. Es zerbarst mit einem dumpfen Knall. Ein letzter Blitz zuckte spielerisch von der Spitze des Turms hinaus in die Dämmerung, dann war das Phänomen vorüber.
In Hinners Ohren rauschten sein Blut und das Heulen des Orkans, der von diesem Blitzschlag neu belebt zu sein schien und zu noch größerer Form auflief. Durch die leeren Fensterhöhlenüber ihm pfiff der Wind. Wasser sprühte herab, als ob jemand mit gewaltigen Gießkannen draußen stände. Mühsam kam Hinner auf die Beine und stützte sich auf dem Ringgeländer ab. Er sah nach oben, in den Feuerraum, zu dem eine Eisenleiter hinaufführte, und sah– nichts.
Der Blitz musste sogar das Notlicht erwischt haben. Fluchend tastete Hinner sich an der Wand entlang bis zu der Kiste, in der die Leuchtpatronen, das Sturmfeuerzeug, eine kleine Axt und Streichhölzer lagen. Dabei warf er einen Blick aus einem der runden Fenster, die anders als die Scheiben oben im Turm keinen Schaden erlitten hatten.
Es war das Fenster