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Behutsam legte die junge Frau ihre flache Hand in den Abdruck. Die beiden Umrisse unterschieden sich deutlich voneinander. Selbst wenn sie die Finger spreizte, berührte sie die Ränder nicht. Dasselbe galt für seine Tiefe: Gut daumenlang hatte er sich in die gefrorene, steinharte Erde hineingebohrt. Welche riesige Kreatur konnte eine solche Spur hinterlassen haben, ausgerechnet hier, in dieser sonst so beschaulichen Gegend? Und noch wichtiger: Wo trieb sich dieses Ungeheuer jetzt herum?
Der Fährtenleserin lief ein Schauerüber den Rücken. Hastig zog sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Sogleich zwang sie sich zu einer würdigen Haltung, schließlich verfolgte ein Dutzend Augenpaare jede ihrer Bewegungen aufmerksam. Doch zu spät: Der kritischste Beobachter runzelte die Stirn.
»Und, Sohia?«, fragte er.»Was sagt uns die Spur?«
Sie holte tief Luft. Dadurch gewann sie ein wenig Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen und die beste Einschätzung zu formulieren, denn obwohl ihnen womöglich akute Gefahr drohte, nutzte ihr Lehrmeister die Gelegenheit, um sie auf die Probe zu stellen. Wie schon seitüber einem Jahrzehnt und damit länger als die Hälfte ihres Lebens.
»Der Abdruck ist von gestern Abend«, begann sie,»oder aus den frühen Nachtstunden. Auf jeden Fall wurde er vor Tagesanbruch hier hinterlassen. Sonst wäre er nicht mit so viel Raureif bedeckt.«
»Vor Tagesanbruch, schön und gut, aber wann genau?«, wollte ihr Lehrer wissen.»Vor drei Tagen, einem Monat, einem Jahr?«
»Das kann nicht länger als zwei Tage her sein«, erwiderte Sohia.»Die Ränder des Abdrucks sind noch klar erkennbar, und das wäre nicht der Fall, wenn er lange Zeit Wind und Regen ausgesetzt gewesen wäre.«
»Aber wir befinden uns an einem Berghang«, entgegnete der Alte,»und hier hat es womöglich schon länger nicht mehr geregnet. Das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Der Abdruck blieb vielleicht wochenlang erhalten, weil er gefroren ist.«
»Das ist möglich«, gab die junge Frau zu,»aber dann wäre er von einer dünnen Eisschichtüberzogen. So wie die Pfütze da drüben.«
Als ihr Lehrer nickte, unterdrückte sie einen Seufzer der Erleichterung. Sie hatte keine Angst davor, sich zu irren, aber sie wollte dem Mann, der ihr alles beigebracht hatte, keine Schande machen. Ermutigt ließ sie abermals den Blick schweifen. Sie waren umringt von Tälern und mehr oder weniger verschneiten Gipfeln. Es gab nur wenige Spuren menschlichen Lebens. Auf einmal kam es ihr geradezu unwirklich vor, dass sieüberhaupt hier waren, sie, ihr Lehrer, die zehn Kinder, die in den Planwagen warteten, und die drei Dorfbewohner, die tapfer genug gewesen waren, sie in dieses unwegsame Gebiet zu führen.
»Es ist der einzige Abdruck, den wir finden konnten«, fuhr Sohia fort,»dabei müsste es in so einem Boden weitere geben. Also gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens könnte es sich um einen schlechten Scherz handeln.«
Bei diesen Worten drehte sie sich zu den Dorfbewohnern um und musterte sie argwöhnisch. Ihr Lehrmeister tat es ihr gleich, nur dass sein Blick noch drohender war.
Zwei Hirten schüttelten heftig die Köpfe und schlugen die Augen nieder. Der dritte, der kühner und vorlauter war als seine Nachbarn, trat einen Schritt vor und fuchtelte nervös mit seiner Lanze herum.
»Ein Scherz!«, rief er empört.»Allein in der vergangenen Woche hab ich vier Tiere verloren. Glaubt Ihr, ich finde das lustig? Im ganzen Tal wurden mindestens fünfzig Lämmer von dem Ungeheuer gefressen. Denkt Ihr etwa, das macht uns Spaß?«
»Beruhigt Euch«, brummte der Alte.»Ihr müsst verstehen, dass wir einen weiten Umweg gemacht haben, um Euch zu Hilfe zu kommen. Und das, obwohl wir Kinder dabeihaben. Und Ihr konntet uns kein einziges gerissenes Lamm zeigen.«
»Wie denn auch?«, brüllte der Mann zornig.»Wo der Dämon sie doch verschwinden lä…«
»Beruhigt Euch!«
Diesmal war der Ton gebieterischer. Die junge Frau zuckte zusammen. Ihr Lehrer hob nicht allzu oft die Stimme, aber wenn er es tat, verschlug es den größten Draufgängern die Sprache. Er gehörte zur alten Generation der Weltwanderer und hatte seine Ausbildung vorüber vier Jahrzehnten durchlaufen, und so strahlte er die Würde der alten Garde aus. Jeder spürte das. Selbst ein tölpelhafter Hirte aus einem gottverlassenen Tal, dessen Namen sie längst vergessen hatte.
»Weiter, Sohia. Was ist die zweite Möglichkeit?«
Sie wartete kurz ab, um sich zu vergewissern, dass der Hirte seinen vorlauten Mund hielt. Dann fuhr sie fort:»Die andere Schlussfolgerung, und die Einzige, die nochübrig bleibt, ist, dass wir es mit einer fliegenden Kreatur zu tun haben. Sie hat nur einen einzigen Abdruck hinterlassen, weil sie hier nur kurz aufgesetzt und sich gleich wieder in die Luft geschwungen hat. Das würde auch erklären, wieso die Tiere in dieser Gegend so rasch verschwinden und warum man ihre Kadaver nicht findet.«
»Und was würde eine solche Kreatur dazu veranlassen, an dieser Stelle einen Halt einzulegen?«
Die junge Frau sah sich erneut um und ging ein paa