KAPITEL ZWEI
Because a fisher softly creeping
Left disease while I was sleeping
»The Sounds of Silence«
Paul Simon
Was machen die Drogen? Wirken sie schon?«
»Nein.«
»Das ist nicht möglich.«
»Doch, ist es. Ich hab sie noch gar nicht aus der Packung genommen.«
»Jimm, du hast es versprochen.«
»Ich weiß. Es ist nur … Versuchskaninchen für neue Medikamente zu spielen scheint mir doch etwas riskant.«
»Das Zeug ist total sicher. Vertrau mir. Ich kenn den Chemiker. Und die Firma zahlt gut. Und es ist alles legal. Solange ihr kein›schmutziges Geld‹ von mir annehmen wollt, muss ich euch schließlich irgendein anderes Einkommen besorgen. Und erzähl mir nicht, ihr könntet im Moment kein Geld brauchen.«
»Doch, das könnten wir. Aber was ist, wenn sich Nebenwirkungen einstellen, die sie nicht bedacht haben? Was ist, wenn meine Brüsteüberproportional anwachsen?«
»Dann hättest du zwei Gründe weniger, deprimiert zu sein. Es ist ein schnell wirkendes Antidepressivum, kein Hormonpräparat. Nimm die verdammten Pillen. Füll den verdammten Fragebogen aus und nimm das verdammte Geld. Du bist eine arbeitslose Journalistin, die ein leer stehendes Motel am Hals hat und sich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Mitte ihres Lebens zubewegt, ohne Aussicht auf einen Mann. Du brauchst ein Einkommen.«
Ich hätte ihr so manches entgegnen können, aber es hatte keinen Sinn, dass wir uns beide leidtaten.
»Wie kommst du darauf, dass ich deprimiert bin?«, fragte ich.
»Genau – und wie kommst du darauf, dass ich nicht ein süßes Mädchen kennengelernt und ihm einen Antrag gemacht habe?«
Meine Telefonate mit Sissi, geborene Somkiet, waren meine Rettung, wenn mich mal wieder das erdrückende Gefühlüberkam, in einer Koskosnuss gefangen zu sein. Sie lebte in der irrealen Welt des Internets. Sie pokerte um hohe Einsätze in L. A. War Promi-Jurorin beiYou Tube Cover Dance, wo verzweifelte Teenager beliebte Tanzschritte nachhüpften. Ihre Alter Egos verabredeten sich mit den Alter Egos von Verlierern aus der ganzen Welt, von Brasilien bis Birmingham, um Online-Sex zu haben. Und sie hatte einige Kapitalverbrechen auf dem Gewissen. In den vergangenen acht Jahren seit dem mysteriösen Verschwinden ihres deutschen Mannes und Gönners hatte sie wohl oderübel Geld gestohlen. Allerdings beschränkte sie sich darauf, Pornografen, die Reichen-aber-Nutzlosen und Prominente abzuzocken. Wahrscheinlich war sie gut betucht und hatte ein Konto bei irgendeiner dieser Offshore-Banken, für die Geld nur Zahlenkolonnen auf einem Bildschirm sind. Geld, für das man sich nicht die Finger lecken muss, um es zu zählen. Da sie jedoch nur in ihrem Computer lebte, schien mir das ganz passend.
Ihr Offline-Ich – einst die atemberaubendsteMiss Tiffany Transvestite World in der Geschichte des Wettbewerbs – war mittlerweile mollig und zerzaust und wohnte in einem dunklen Apartmenthaus im Norden, in der Hauptstadt. Von gelegentlichen Spaziergängen auf dem Dach abgesehen, war sie seit einem Jahr nicht mehr draußen gewesen. Ihr Essen wurde geliefert. Eine Assistentin erledigte ihre Angelegenheiten in der realen Welt. Eine zärtliche Hand hatte sie seit sechs Jahren nicht mehr gespürt. Langsam bereitete es mir Sorgen, dass ich der normalste Mensch in meiner Familie war. Nur um ihr mitzuteilen, dass die reale Welt immer noch etwas zu bieten hatte, erzählte ich ihr von dem Kopf am Strand und dass Opa Jah auf einenSUV geschossen hatte.
»Und ich dachte, euer Leben da unten wäre langweilig«, sagte sie.
»Siehst du? Wieso kommst du nicht her? Mair würde sich bestimmt freuen. Und du könntest uns vor den Rattenbrüdern beschützen.«
»Hm. Das klingt wirklich verlockend. Und du weißt, ich würde gern, aber ich habe gerade diese Peelingkur begonnen.«
»Dann komm in ein paar Tagen, wenn du damit durch bist.«
»Es ist eine vierwöchige Kur.«
»Du peelst vier Wochen lang? So ganz ohne Haut kann ich mir dich gar nicht vorstellen.«
»Ich muss so gut wie möglich aussehen, für Seoul.«
»Du meinstSoul, die Musik aus den Sechzigern?«
»Nein, ich meine Seoul, die Hauptstadt von Südkorea.«
»DieseCyber-Idol-Sache?«
»Die geben einen Ball. Ich bin Ehrengast.«
Sissi gab kostenlose Make-up- und Frisiertipps auf einer beliebten Website namens Cyber Idol in Korea, auf der sich hässliche Menschen einer Photoshop-Bearbeitung unterzogen und ihre Airbrush-Avatare bei Online-Schönheitswettbewerben vorstellten. Alles war erlaubt. Sissi – beziehungsweise ein zehn Jahre altes Pressefoto von ihr – war deren Guru geworden. Sie war die Gute Fee des Selbstbetrugs.
»Wozu ein Produkt kaufen?«, fragte ich.»Wieso peelst du dich nicht mit Photoshop? Ich meine mich zu erinnern, dass es da so eine Funktion gibt.«
»Weil …«
Die P