: Josef Pieper
: Über die Liebe
: Kösel
: 9783641137601
: 1
: CHF 8.00
:
: Philosophie, Religion
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In der Neuausgabe"Über die Liebe" von 1972 spricht Josef Pieper kritisch, wach, klärend in eine Zeit hinein, die in Sprache und Verhalten vom Eros zur forcierten Sexualität wechselte. Was Pieper an intellektuellen Mißverständnissen und gewalttätigem Umgang mit der Liebe aufzeigt, wie er an die Diagnose ein therapeutisches Erhellen und Umdenken anschließt, kurz wie er in die Freiheit des richtigen Liebens führt, kann in zehn meisterhaften Kapiteln mitvollzogen werden.



Josef Pieper, (1904-1997), einer der großen Autoren des Kösel-Verlags, war einer der bekanntesten christlichen Philosophen der Gegenwart. Am 4. Mai 2014 hätte er seinen 110. Geburtstag gefeiert. Piepers Schriften wurden in viele Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von weit über einer Million Exemplare.

VORWORT

Quellen und Horizont von Piepers Denken

Begonnen sei mit einer Anekdote: Im Jahr 1994, als Josef Pieper seinen 90. Geburtstag feierte, fand in Münster ein großes Symposium statt, zu dem ich mit einigen Dresdner Studierenden fuhr. Angekündigt war ein Vortrag Piepers selbst zur Liebe als einer Form der platonischenmania. Als der 90-Jährige den Saal betrat, gestützt auf den Arm von Freunden, und gebrechlich zum Katheder ging, sagte einer der Dresdner Studenten neben mir mit einem (verbotenen) Witz der altenDDR:»Das Politbüro wird hereingetragen.« Und es war ja fast auch lächerlich, von einem Greis einen Vortragüber die Ekstase der Liebe zu hören. Pieper hielt seinen Vortrag. Und nach dem Vortrag brach unter den Studenten schiere Bewunderung aus. Man hatte Alter und Gebrechlichkeit vergessen vor der kraftvollen Stimme, dem Schwung, der spürbaren Geistigkeit dieses Mannes.

Josef Pieper (1904–1997) stellte in der deutschsprachigen Philosophie eine Ausnahmeerscheinung dar. Als Zeitgenosse fast des ganzen 20. Jahrhunderts kannte er viele Strömungen, gehörte aber weder dem Neukantianismus noch der Phänomenologie, weder dem Neuthomismus noch der Existenzphilosophie oder später der analytischen Philosophie an. Vielmehr entwickelte Pieper eine»Philosophische Anthropologie« – so der Titel seiner Münsteraner Professur –, in der er aufgrund profunder Kenntnis der antiken und mittelalterlichen Philosophie Platon, Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin für die Gegenwart fruchtbar machte. Weniger bekannt ist, dass Pieper auch Aufklärung (Kant) und Deutschen Idealismus (Schelling) kritisch verarbeitete und seine Thesen von zeitgenössischen, auch soziologischen Konzepten (Heidegger, Sartre, Gadamer, Gehlen) konstruktiv absetzte. Als Anreger seines Denkens können Erich Przywara, aber auch Romano Guardini und Stanislaus von Dunin-Borkowski gelten.

Bemerkenswerterweise begann Pieper selbst als Theoretiker von Soziologie und Sozialphilosophie1, bis ihm das Dritte Reich den Boden des Arbeitens weitgehend entzog. Seine sozialphilosophische Reflexion lässt sich auch immer wieder in den späteren Abhandlungen zu Tugenden finden.

In der Mitte der kardinalen und der göttlichen Tugenden: die Liebe

Wie folgerichtig Pieper seine Erkundungen des»Guten« anlegt, zeigt sich in seinem Durchgang durch die gesamte klassische Tugendlehre, die nichts anderes meint als das Ethos menschlicher Haltungen und Kräfte im Blick auf die Wirklichkeit. Ethos heißt wörtlich»Weidezaun«, wieüberhaupt viele griechische Begriffe aus der Bauern- und Fischersprache stammen. Im Ethos, im Weidezaun, bleibt die Herde in Schutz, außerhalb herrschen Verwirrung und Bedrohung. Das Ethos schafft also den Raum einer Wirklichkeit, worin sich leben lässt; es markiert die Grenze zum Unbestehbaren, schützt vor der Auflösung des Wirklichen durch die Lüge, die in etwas Unwirkliches leitet. Zu solchen Zerstörungen führen auch Extreme, und es gibt sie sogar, ja gerade dort, im Bereich der Liebe oder der falsch verstandenen Verpflichtung zur Liebe.

»Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße«2, lautete die den jungen Pieper ergreifende, bis ins Tiefste treffende Formulierung Romano Guardinis (1885–1968) auf Burg Rothenfels. Das Gute ist das Maß und das Maßvolle, worin der Mensch leben kann, worin Wirklichkeit Gestalt gewinnt. Nach demViergespann3 der Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß unternahm Pieper die Deutung der Dreiheit von Glaube, Hoffnung und Liebe, die in der klassischenÜberlieferung diegöttlichen Tugenden heißen, weil sie den Menschen an die Gottheit heranführen, indem sie ihn»göttlich« zu leben lehren. All diese Freilegungen entbehren jedes frömmelnden Untertons, wieüberhaupt Piepers Sprache sowohl nüchtern wie zugleich immer wiederüberraschend vom»Flügelschlag des Geistes« bewegt ist.

Mit der UntersuchungÜber die Liebe von 1972 traf es erneut zu, dass Pieper kritisch, wach, klärend in eine Zeit hineinsprach, die in Sprache und Verhalten vom Eros zur forcierten Sexualität wechselt