: Magnus Heier
: Nocebo: Wer's glaubt wird krank Gesund trotz Gentests, Beipackzetteln und Röntgenbildern
: S.Hirzel Verlag
: 9783777623139
: 3
: CHF 17.50
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: Naturwissenschaft
: German
: 152
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Symptome aus dem Internet - wer hat nicht schon einmal diffuse Beschwerden im Internet recherchiert? Doch die Diagnose, die Dr. Google uns liefert, fördert nicht gerade unser Wohlbefinden. Im Gegenteil, die Symptome verstärken sich oft noch. Der Neurologe Dr. Magnus Heier fokussiert in seinem Buch 'Nocebo: Wer's glaubt wird krank' ein in der Wissenschaft bisher wenig beachtetes Phänomen - den Nocebo-Effekt. Und er zeigt, wie wir trotz Beipackzettel, Röntgenbilder und Gentests gesund bleiben.

Voodoo des modernen Menschen

Warum muntern rosafarbene Pillen auf, was sind Cyberchonder und welche Wirkung haben Röntgenbilder? Die Kraft der Gedanken ist so mächtig, dass sie Gesunde krank machen kann - Nocebo-Effekt nennt sich das Phänomen.

Wer morgens Kopfschmerzen googelt, glaubt abends, er habe einen Gehirntumor. Rückenschmerzen werden umso leichter chronisch, je mehr Röntgenbilder ihrer Wirbelsäule die Patienten gesehen haben. Die Erwartung bestimmt den Verlauf mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Magnus Heier zeigt klar auf, dass mehr Aufklärung die Heilung auch behindern kann und wie leicht es ist, unser Wohlbefinden zu manipulieren. Gerade für die ärztliche Behandlung ist dieses Wissen entscheidend - denn bislang ignorieren Ärzte und Forscher den Nocebo-Effekt weitgehend. Mit diesem wichtigen Buch könnte sich das ändern.



Dr. Magnus Heier ist Arzt und Journalist. Er praktiziert als niedergelassener Facharzt für Neurologie und schreibt als freier Wissenschaftsjournalist unter anderem für die FAZ (am Sonntag), die WELT und DIE ZEIT - und redet im Rundfunk Berlin-Brandenburg 'aus der Praxis'. Er hält mit 'Hirnwelten - Einladung zum Denken' Sprechstundenvorträge über das Gehirn.

Placebo: die gute Seite der Suggestion


Jeder Praxisbesuch, jeder Krankenhausaufenthalt ist voller Suggestionen und Rituale: Ein Arzt im weißen Kittel und mit grauen Schläfen schafft Vertrauen– messbar mehr als Krankenschwestern und Pfleger.

Ein Fall aus der Praxis

Im Operationssaal: Der Chirurg machte einen Schnitt neben dem Brustbein und legte die innere Brustwandarterie frei. Nun war der Rest, das Abbinden der Arterie, nur ein Handgriff– aber so weit war es noch nicht. Der Eingriff war ebenso beliebt wie erfolgreich: Die Patienten litten vorher unter Angina Pectoris, einer schmerzhaften Unterversorgung des Herzmuskels. Das Prinzip der Operation war einfach: Man klemmt die Brustwandarterie ab, erhöht den Druck und verbessert damit auch die Durchblutung der Herzkranzgefäße, die vor dem künstlichen Verschluss abzweigen. So die Theorie. Der Eingriff war sehr populär, weil er sehr einfach war und erfahrungsgemäß sehr gut half.

Doch dann passierte im Operationssaal etwas Merkwürdiges: Dem Chirurgen wurde ein sterilisierter Umschlag gereicht. Während er ihnöffnete, drehte sich das gesamte OP-Personal um. Der Chirurg las die kurze Notiz– und nähte die OP-Wunde zu, ohne die Arterie abgeklemmt zu haben. Danach drehten sich die anderen wieder um und die Operationswunde wurde geschlossen. Niemand außer dem Chirurgen selbst sollte wissen, ob er nun die Arterie unterbunden hatte oder nicht; nicht das OP-Personal, nicht die weiterbehandelndenÄrzte und schon gar nicht die Patienten selbst.

Ein interessantes Experiment, von dem die beteiligten Patienten aber nichts wussten. Auch später nicht. Man wollte untersuchen, ob sie von der Operation selbst profitierten oder davon, dass sie glaubten, von der OP zu profitieren. Denn es hatte Auffälligkeiten gegeben. Man hatte bei Obduktionen bemerkt, dass operierte Patienten keinesfalls einen verbesserten Blutfluss zum Herzen gehabt hatten. Und in Tierversuchen ließ sich ebenfalls, entgegen aller Logik, keine Verbesserung der Durchblutung am Herzen nachweisen. Also entschloss man sich zu einem Experiment an betroffenen Patienten, von denen ein Teil nur zum Schein operiert wurde.Über die ethische Seite machte man sich im Jahr 1958 nur wenig Gedanken. Je weniger die Patienten wussten, je weniger Zweifel sie an der Operation hatten, desto stärker würde ihr Glaube sein.

Und dieser Glaube warüberraschend stark: Es gabüberhaupt keinen Unterschied im Operationsresultat, egal ob die Patienten wirklich operiert worden waren oder nur zum Schein einen Hautschnitt bekommen hatten. Der Glaube allein hatte den großen Erfolg des Eingriffs ausgemacht. Das Ergebnis der Studie wurde publiziert– die Operationstechnik schnell eingestellt.

Placebo für alle

Im März 2011überraschte die Bundesärztekammer mit einem Appell an dieÄrzteschaft: Mehr Placebos in die Praxen! Placebos würden sehr viel stärker wirken als bisher angenommen. Und es sei vertretbar, sie in der Praxis anzuwenden, so dieÄrztekammer. Das ist eine erstaunliche Aufforderung. Denn immerhin muss der Arzt den Patienten möglichst gut belügen, wenn er ihm Placebos verabreicht– nur eine Tablette oder Spritze mit einer vorgetäuscht starken Wirkung wird auch eine starke Placebowirkung entwickeln. Nur wenn der Patient die Wirkung erwartet, wird es ihm schließlich besser gehen. Tut er das nicht, weil der Arzt ihm sagt, dass die Pille nur ein Placebo sei, wird es kaum funktionieren. Und das Gesetz ist sowieso eindeutig: Placebos dürfen dem Patienten nur nach dessen ausdrücklichem Einverständnis gegeben werden. Womit ihr konsequenter Einsatz hinfällig ist.

Ein großer therapeutischer Verlust, denn die Kraft der Placebos ist groß: Der Glaube versetzt Berge, und der Glaube an die Wirkung einer Tablette kann einen Menschen von Kopfschmerzen befreien, kann ihn im Sport schneller machen, seine Potenz steigern, die Konzentration erhöhen und sehr vieles mehr. Der Mensch lässt sich fast beliebig beeinflussen.

Das beeinflussbare Ich

In einem sehr eleganten Experiment an der Uni Hamburg wurde Anfang 2011 die Manipulierbarkeit gesunder Probanden untersucht. Die Forscher testeten die Schmerzwahrnehmung von 22 gesunden Personen. Der Schmerzreiz: Hitze. Eine Hautpartie wurde so lange erhitzt, bis die Teilnehmer ihren eigenen Schmerz auf einer Skala von 0 bis 100 als 70 angaben. Das ist schon sehr schmerzhaft. Gleichzeitig legte man ihnen einen intravenösen Zugang, durch den die Probanden Schmerzmittel erhalten sollten. Und das Ganze fand noch„in der Röhre“ statt– in einem Kernspintomografen (siehe auch Exkurs:„Livebilder aus dem Gehirn“): Das Gehirn der Teilnehmer wurde während des ganzen Versuchs beobachtet, um zu sehen, wo genau im Gehirn die Schmerzen verarbeitet wurden, wie schnell und wie lange.

Nachdem die Hitze schließlich so eingestellt war, dass sie als„70“ empfunden wurde (die Hitze selbst war nicht bei allen gleich, jeder Mensch nimmt Schmerzreize anders wahr), bekamen die Probanden durch den Schlauch in der Vene ein hochwirksames Schmerzmittel, allerdings ohne dass man ihnen das mitteilte. Das Morphinmedikament wirkte subjektiv und objektiv: Die Teilnehmer gaben eine deutliche Schmerzminderung an. Und auch in den Hirnfunktionsaufnahmen konnte man Veränderungen erkennen. Es wirkte, obwohl die Patienten n