Zweites Kapitel
Die zweite Stadt
Stimmen und Musik waberten in Wellen durch Stellas Hirn, so zufällig wie synthetischer Wind. Manchmal brachte ein Knall ihren Kopf zum Bersten, dann wieder schwebten Töne wie Federn durch ihr Sein. Sie spürte Hände, die sie untersuchten. Sie konnte sich an nichts erinnern. Nichts außer an Bosniter. Das Licht summte künstlich, und es fühlte sich warm an. Mit einen plötzlichen Aufbrausen von Adrenalin begriff sie, dass sie nackt war. Die Liege, auf der sie lag, war etwas zu kurz für sie. Sie fühlte sich nicht wund oder klebrig an. Nichts deutete darauf hin, dass man sie gefickt hatte, während sie bewusstlos war. Alles, was sie sich durch den Nebel in ihrem Kopf zusammenreimte, war, dass man sie unter Drogen gesetzt und in ein Bordell gebracht hatte. Endlich wachte sie wieder auf, nach Wochen oder auch Jahren voller unaussprechlicher Aktivitäten. Vergesslichkeit konnte ein Segen sein. Sie zwang ihre Augen weiter auf und blinzelte in trübes Licht und grelle Farben. Der Brandgeruch war nicht so stark wie im Hafen. Eigenartigerweise hatte sie nicht das Gefühl, dass sie lange abwesend gewesen war.
»Da bist du ja.« Eine krächzende Stimme rief ihr über eine Ewigkeit hinweg zu.
»Da bin ich.« Ihre Zunge lag wie klebriger Brei in ihrem Mund. »Und wo wäre das?« Das Kichern war auf eine seltsame Weise mütterlich.
»Oh, Süße, du bist auf dem monatlichen Tanztee. Und so wie es aussieht wird deine Tanzkarte voll sein!«
Stella setzte sich auf, nichts als die abgestandene Luft auf ihrer Haut.
»Wo ist mein Netz?« Sie versuchte, ruhig zu klingen. Eine korpulente Frau kam auf sie zu. Ihr mit grauen Strähnen durchzogenes Haar türmte sich über einem runden, freundlichen Gesicht.
»Keine Sorge, Süße, es liegt hier. Ich musste dich davon befreien, um dich für den Tanz zu säubern.« S