8. August2006
Heute ist Jannis vierter Geburtstag und ich bereite gerade die Party am Swimmingpool beim Klubhaus unserer Wohnanlage vor.
Ich setze Badespielzeug ins Wasser. Janni planscht inzwischen schon im Becken.
»Komm auch rein, Papa!«
»Ich komme schon noch, Janni. Ich muss nur erst alles herrichten.«
»Schau mal, Janni!«, ruft Susan.»Lynn und die Zwillinge sind da. Komm und sag Guten Tag.«
Susan steht am Tor und lässt sie herein. Die Zwillinge sind im selben Alter wie Janni. Wir kennen sie, seit sie Babys waren.
»Janni?«, ruft Susan noch einmal.»Komm und sag Lynn und den Zwillingen Hallo.«
»Nein«, ruft Janni zurück, ohne sich auch nur umzudrehen.
»Janni, du musst deine Gäste begrüßen«, sagt Susan schon etwas strenger.
»Nein!«, schreit Janni jetzt deutlich lauter.
»Hallo, January!«, ruft Lynn.»Alles Gute zum Geburtstag!«
»Ich bin nicht January!«, kreischt Janni, die sich noch immer nicht umdreht. Ruhiger dann:»Ich bin Blauaugenbaumfrosch.«
Lynn ist sichtlich irritiert, fasst sich aber rasch wieder. Sie kennt unseren Kampf mit Jannis ständigen Namenswechseln schon seit geraumer Zeit.
Vor einem Jahr wollte Janni plötzlich nicht mehr auf ihren Namen hören. Und diese Phase dauert nun schon sehr viel länger an, als wir erwartet hatten. Sobald jemand sie bei ihrem echten Namen ruft, schreit sie auf, als würde man ihr die Hand auf die heiße Herdplatte drücken.
Wir versuchen gar nicht erst, sie dazu zu zwingen, ihren Geburtsnamen zu benutzen. Mittlerweile sind wir schon froh, wenn sie sich für einen Namen entscheidet und dabei bleibt. Das Problem ist, dass sie die Namen andauernd wechselt, mitunter mehrmals täglich. Sie war schon»Hotdog«,»Regenbogen«,»Leuchtkäfer« und nun also»Blauaugenbaumfrosch«; das heißt, ursprünglich»Rotaugenbaumfrosch« aus der FernsehserieDiego!, bis die Dame vom Sav-On-Drogeriemarkt sie darauf aufmerksam machte:»Du hast aber doch blaue Augen, mein Schatz.«
»Lynn und die Mädchen sind extra zu deiner Geburtstagsparty gekommen«, ermahnt Susan.»Du kommst jetzt her und sagst Guten Tag.«
Janni steigt aus dem Pool und geht zu den Zwillingen. Sie zieht keine Schnute. Sie lächelt und reibt sich flott die Hände, als freue sie sich auf einmal, die beiden zu sehen. Es ist, als habe der Ausbruch von gerade eben nie stattgefunden.
Susan nimmt für die Zwillinge zwei Safttüten aus der Kühlbox.
»Hallo, Janni. Wie geht’s?«, fragt Lynn freundlich.
Das Händereiben bricht ab und das Lächeln ist verschwunden.»Ich bin nicht Janni! Ich bin Blauaugenbaumfrosch.«
»Oh, verzeih. Ich vergaß.« Als hätte ihr jemand einen leichten elektrischen Schlag versetzt, verbessert sich Lynn eilends.
»Kinder, wünscht Blauaugenbaumfrosch alles Gute zum Geburtstag«, weist Lynn ihre Töchter an.
»Alles Gute zum Geburtstag, Janni«, flöten sie pflichtschuldig. Die Zwillinge kannten meine Tochter schon als Janni, da konnten sie noch nicht einmal sprechen. Etwas anderes haben sie nie gelernt.
»Ich bin nicht Janni!«, schreit sie die Zwillinge an.»Ich bin Blauaugenbaumfrosch.«
Verwirrt schauen die Zwillinge nach ihrer Mutter.
»Janni!«, mahnt Susan.»Sei höflich.«
Ich sage nichts. Natürlich hätte auch ich gerne eine höfliche Tochter, aber es ist nun einmal so, dass Genie in aller Regel mit auffälligem Verhalten einhergeht. Janni war von Anfang an Frühentwicklerin und konnte schon mit acht Monaten sprechen. Mit13 Monaten kannte sie sämtliche Buchstaben, die großen wie die kleinen, selbst wenn sie auf der Seite lagen oder auf dem Kopf standen. Mit18 Monaten sprach sie in grammatikalisch korrekten Sätzen und stellte sich anderen mit den Worten vor:»Ich heiße Janni Paige und bin18 Monate alt.«
Doch wozu sie wirklich fähig war, begriff ich erst, als ich eines Abends, da war Janni gerade zwei, vom Seminar heimkam und Susan mir von ihrem Tag erzählte.
»Addieren habe ich ihr schon beigebracht«, berichtete Susan, was ich aber längst wusste,»also haben wir heute mit Subtrahieren angefangen. Ich wollte wissen, was sieben minus vier ist.«
»Hat sie es herausgebracht?«, fragte ich.
»Ja, das hat sie, und wir machten weiter mit sieben minus drei ist vier. Und dann fragt sie mich:›Mama, was ist vier minus sieben?‹ Also fing ich an, ihr negative Zahlen zu erklären.«
Ich starrte Susan an.»Sie wollte von dir wissen, wie viel vierminus sieben ist?«
Susan, die gerade den Abwasch machte, drehte sich zu mir um.»Ja.« Sie sah den entsetzten Ausdruck in meinem Gesicht.»Was hast du denn?«
»Das hat sie dich einfach so gefragt?«
»Ja. Aber was ist denn?«
Negative Zahlen, schoss es mir durch den Kopf. Negative Zahlen existieren in der Dingwelt nicht und sind ein rein abstraktes Konzept. Minus vierÄpfel kann man nicht sehen. Im Alter von zwei Jahren vollzog Jannis Hirn den Sprung vom»konkreten Denken«, wie Piaget es nennt, zum»abstrakten Denken«, etwas, das typischerweise erst sehr viel später geschieht. Janni war fähig, sich einen Begriff von Konstrukten zu machen, die es materiell gar nicht gibt.
Ich träume davon, dass Janni noch vor ihrem zehnten Geburtstag nach Harvard oder Yale oder aufs Massachusetts Institute of Technology (MIT) geht. Mein größter Traum, wenn ich nachts die Augen schließe, ist, dass Janni den Nobelpreis gewinnt. Wofür, weiß ich nicht und es ist mir auch egal. Aber wenn sie mit zwei Jahren zu solchen Leistungen fähig ist, dann muss sie sich ganz einfach als Segen für die Menschheit erweisen. Und dafür kann man ihr schon mal die eine oder andere Unhöflichkeit durchgehen lassen.
»Mögt ihr Saft?« Susan reicht den Zwillingen die Safttüten, die sie gerne nehmen.
Janni bricht in Gelächter aus und macht eine schnelle, ausholende Arm