Kapitel 1
Bei Assuan am ersten Katarakt; Mittwoch, der 11. November 1795; Sankt-Martinstag; kurz vor Sonnenuntergang und wie immer in der Wüste schlagartig kalt.
In seiner Kindheit hätte man jetzt Laternen angezündet, und er wäre mit den Bediensteten seines Bruders, des Kurfürsten, im Umzug zu Ehren des Heiligen mitgegangen, aber in Ägypten kannte man diesen Brauch nicht. Das fröhliche Geschrei der Jungen, die sich gegenseitig einen aufgeblasenen Ziegenbalg abjagten, war Dorfalltag. Dennoch würgte die Erinnerung an den Festtag und seine Lichter Jan so in der Kehle, dass er um ein Haar in Tränen ausgebrochen wäre. Er vermisste den Kleinen.
Ein Grund mehr, den Staub des Schwarzen Landes am Nil möglichst schnell von seinen Füßen zu schütteln. Er hatte versprochen, dass er niemals Anspruch auf seinen Sohn erheben würde, und dies sogar durch einen Bluteid bekräftigt. Er konnte nicht umkehren, und er durfte es nicht. Sein Versprechen band ihn für sein ganzes Leben, das vielleicht tatsächlich ewig währte. Aber leider saß er vorläufig hier fest. Die Nilschwemme begann jedes Jahr im Frühsommer mit dem Einsetzen des Monsuns in Ostafrika, dessen Regenfluten den Oberlauf des Flusses anschwellen ließen und fruchtbaren Schlamm auf die Felder schwemmten. Ägypten war das Geschenk des Nils. Doch seit der Herbst-Tagundnachtgleiche waren die Fluten stetig zurückgegangen, und jetzt herrschte sogar Niedrigwasser. Alle Schiffer, die er gefragt hatte, nahmen es als Ausrede. Kein Kapitän einer Dau war bereit, ihn, einen Ungläubigen, auf seinem Boot nilabwärts mitzunehmen. Es gab auch keine Karawane.
„Nicht nach Norden Richtung Kairo, Fremder. Es ist Winter.“
Er mochte aber nicht hier in Assuan bleiben und bis zum Frühjahr warten. Das hätte ihn nur noch mehr zum Grübeln gebracht. Dass man sich wegen eines kleinen Jungen, der ihm zuletzt mit der Selbstverständlichkeit eines Prinzen Befehle erteilt hatte, so verlassen fühlen konnte! Doch die Trennung schmerzte mehr, als er sich das nach all den Jahren als Reisemarschall der Kandake von Meroë vorgestellt hätte. Und dabei war er weiß Gott froh, dass er diese Bürde los war.
Er hatte die Königin von Isfahan nach Basra begleitet, und mit einer Handelskarawane durch Rub al-khali, das Leere Viertel, wie die Beduinen die Große Arabische Wüste nannten. Vor Medina hatten sie sich das erste Mal für fast drei Wochen getrennt. Er war Christ, und als solchem waren ihm Mekka und Medina, die beiden heiligsten Städte des Islam, verboten. Er hatte außerhalb des heiligen Bezirks gewartet, während seine Drachenschwester, die Königin, Daoud und der Kleine die Pflichten der Pilger erfüllt hatten. Daoud durfte sich jetzt Hadschi nennen und Amanischacheto ihrem Namen Awa voranstellen. Alle Frauen, die die Pilgerreise gemacht hatten, erhielten diesen Ehrentitel. Sie waren erst an Bord des Schiffs wiedervereint gewesen, das sie über das Rote Meer nach Port Sudan gebracht hatte. Dort hatte er sie, den Kleinen und Daoud schweren Herzen verlassen, wie er es ihr versprochen hatte.
Aber er war ein Mann, der sein Wort hielt, auch ihr gegenüber, seiner Halbschwester, und obwohl ihn mit ihr nichts verband. Abgesehen vom Zufall desselben Vaters, Zelta Pukis, des Goldenen, den er niemals kennengelernt hatte. Er war nur zur Hälfte Mensch, der Sohn einer Königin und eines Drachen, mit Stummelflügeln behaftet, die seinen Rücken bucklig erscheinen ließen. Flugunfähig, an die Erde gekettet, wahrscheinlich bis zum Jüngsten Tag. Prinz, das war er, ohne Titel und Macht, getäuscht von Dschinns, Geistern der Wüste, damit sich jene Prophezeiung erfüllte, die Amanischacheto in Persien einen Sohn von einem Prinzen versprochen hatte. Sie hatte den Kleinen aus Jans Samen empfangen, ohne dass er ihr beigewohnt hätte, verführt von zwei Dschinnis. Diese Geisterwesen hatten dafür gesorgt, dass das, was er in die Illusion ihrer Leiber ergossen hatte, den Weg in den Schoß seiner Schwester gefunden hatte. Auf welche Weise genau, mochte er sich lieber nicht vorstellen. Doch Selbstmitleid brachte ihn nicht weiter.
Er ging auf den Markt und kaufte einem Beduinen einen Esel ab. Der Handel war schlecht, das Tier alt und mager und von seinem bisherigen Herrn nur Schläge gewohnt. Doch Jan rechnete sich aus, dass ein müder, in sein Schicksal ergebener Esel seine Gegenwart eher dulde