KAPITEL 1
Liebesgrüße aus Griechenland
Gegen Mittag des 28. August 1829 betreten Antoni Edward Odyniec und Adam Mickiewicz Goethes Haus am Frauenplan. Der 80. Geburtstag des Hausherrn gleicht in der kleinen Residenzstadt Weimar einer Staatsangelegenheit, zu der sich Gäste aus ganz Europa, Abgeordnete von Universitäten, Theatern und gelehrten Gesellschaften eingefunden haben. ZurÜberraschung der beiden polnischen Dichter und Reisegefährten steht die Tür sperrangelweit auf, und der Diener verlangt keine Karte: Heute stehe das Haus jedermann offen. Während sie im Vestibül warten, bis eine Schar Gratulanten gegangen ist, betrachtet Odyniec die beiden Statuen in den Nischen, die ihm schon bei früherer Gelegenheit aufgefallen sind: zwei Mal der nackte Ganymed, gleich groß. Der eine breitet die Arme weit aus in glühender Erwartung, von Zeus’ Adler entführt zu werden; es ist ein Abguss einer antiken Statue. Die andere, ein modernes Werk, zeigt den Knaben auf dem Olymp, wo er seinem göttlichen Liebhaber Wein einschenkt. Vor den beiden steht die antike Statue eines Hundes, der Odyniec an die Entführung Ganymeds erinnert, wie Vergil sie beschreibt; dort bellen Hunde dem Adler hinterher, der den Jungen verschleppt. Der Adler selber, so weiß Odyniec noch vom letzten Besuch, hängt oben im Treppenhausüber der Tür– der erste Ganymed scheint zu ihm aufzusehen.
Auf dem ersten Absatz von Goethes großartiger›italienischer‹ Treppe erkennt der Pole dann eine Büste des Apoll von Belvedere, des Gottes der Dichtkunst und der Sonne. Er erinnert sich, dass Apoll die schönen Jünglinge Hyazinth und Cyparissus liebte, die beide jung starben. Auch Winckelmanns Begeisterung für diese fast weibliche Statue fällt ihm ein. Neben Apoll steht Achill, und Odyniec meint sich zu entsinnen, dass dieser Held des Trojanischen Kriegs ebenfalls einen früh dahingeschiedenen Jüngling liebte, seinen schmucken Waffenkameraden Patroklus. Während er langsam hinter einigen Engländern die Treppe hochsteigt, studiert Odyniec an der Wand Zeichnungen der Elgin Marbles aus dem Britischen Museum, die Goethe ihm stolz beschrieben hat und die eigens für den Großherzog angefertigt wurden. Eine zeigt Herkules, der ebenfalls geliebte Jünglinge verlor, Hylas und Abderus. Auf der zweiten Zeichnung schmiegt sich eine Frau in den Schoß einer anderen. Sie erinnern den Polen an zwei griechische Liebhaberinnen, die Goethe in einem seiner Werke erwähnt. Oben, direkt neben der Tür ins erste Zimmer, steht ein beeindruckendes Doppelstandbild zweier schöner nackter Jünglinge. Einer legt dem anderen den Arm um die Schulter. Sie stellen den römischen Knaben Antinous dar– der ebenfalls tragisch umkam– und den Geist seines Liebhabers, des Kaisers Hadrian; so sagt man jedenfalls, erinnert sich Odyniec, als er mit seinem Freund die Schwelle mit der Intarsie›Salve‹überschreitet.
Der Gelbe Saal ist voller Gratulanten. Schnell finden sie Goethe und stammeln auf Französisch ihre Glückwünsche.»Je vous remercie, Messieurs, je vous remercie sincèrement.« Stolz zeigt ihnen das Geburtstagskind einen huldvollen Brief des bayerischen Königs, den jede Menge Bewunderer umringen. Er begleitet ein grandioses Geschenk, das im nächsten Raum steht, in den Goethe sie nun führt. Dieses Büstenzimmer gleicht einem Museum und wird von Bildern des Weingottes Bacchus beherrscht, der fast so aussieht wie eine Frau. Nicht anders der kolossale Antinous; Odyniec erkennt in ihm die berühmte Büste aus Mondragone in Italien. Mitten im Raum steht die Gabe Ludwigs I., auf einem Podest und mit Blumenranken geschmückt: der Abguss eines antiken Torsos. Es ist Niobes jüngster Sohn, den Apoll erschlug, auch wenn ihn seine Schönheit tief berührte. Später bemerkt Odyniec, wie Goethe allein zu der