: Ciara Geraghty
: Einmal und für immer Roman
: Heyne Verlag
: 9783641117894
: 1
: CHF 13.50
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: German
: 528
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Leben. Zwei Wahrheiten. Zwei Entscheidungen.

Kat, 39, ist nicht verliebt. Sie hat eine Menge Freunde, einen gewöhnlichen Job, und sie denkt niemals über ihre Vergangenheit nach. Das ist Kats Geschichte. Nichts davon ist wahr. Milo, 9, liebt seine Mum, Bananenmuffins und seinen Erste-Hilfe-Kurs. Er denkt nie über seine Zukunft nach. Das ist Milos Geschichte. Alles davon ist wahr. Und es gibt noch eine andere Geschichte, eine, bei der die Lebenswege eines Jungen aus Brighton und einer Frau aus Dublin sich durch eine Laune des Schicksals kreuzen und alles auf den Kopf stellen. Dies ist die Geschichte, die gerade erst beginnt ...

Ciara Geraghty lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Dublin. »Das Leben ist zu kurz für irgendwann« eroberte die Herzen der Leserinnen und Leser im Sturm und stand unter den Top Ten der Irish-Times-Bestsellerliste.

2. Juni 2011, Dublin

»Sie kommt zu sich.«

»Gott sei Dank.«

»Kat?«

»Katherine?«

»Hörst du mich?«

»Komm schon, wach auf.«

»…«

»Kat?«

»Immer mit der Ruhe. Lass ihr Zeit.«

»Thomas?« Meine Stimme klingt seltsam rostig, als hätte ich eine Ewigkeit nicht gesprochen.

»…«

»Bin ich im Krankenhaus?«

»Hol ihr ein Glas Wasser.«

»Was ist passiert?«

»Alles okay. Du hattest einen Unfall, aber es geht dir gut. Jetzt geht es dir gut.«

»Ich will wissen, was passiert ist.«

»Ganz ruhig, Kat. Nicht aufregen.«

Mein Atem geht flach und rasch. Ich bin kurz davor, in Panik auszubrechen. Ich bewege meine Beine, um zuüberprüfen, ob ich sie bewegen kann. Ich kann. Ich kann meine Beine bewegen. Ich versuche, mich zu beruhigen, versuche die Panik mit beiden Händen abzuwehren. Jemand schiebt mir eine Hand unter den Kopf. Hält mir ein Glas an die Lippen. Ich glaube, es ist Thomas.»Hier, trink einen Schluck Wasser.« Ja, es ist eindeutig Thomas. Diese tiefe, leise Stimme, bei der man unwillkürlich an Wispa-Schokoriegel denken muss, ob man will oder nicht.

Ich spüre seine kräftige Hand im Nacken, spüre, wie das Wasser durch meine Kehle läuft, kalt und klar. Die Panik ebbt ab. Weicht einen Schritt zurück. Ich halte die Augen geschlossen, für den Fall, dass er mich ansieht. Er soll die Panik nicht sehen, und die Dankbarkeit. Plötzlich ist mir ganz schwummrig vor Dankbarkeit.

Als ich die Augen aufschlage, sage ich:»Ich bin doch noch nicht vierzig, oder?«, damit wir etwas zu lachen haben und alles wieder wie vorher wird. Es klappt. Gelächter ertönt, die Atmosphäre ist gleich etwas gelöster. Es ist nicht ausgeschlossen, dass alles wieder so wird wie vorher.

»Nein, bis dahin dauert es noch ein Weilchen«, sagt Thomas.

Das Licht schmerzt mir in den Augen, als ich mich im Zimmer umsehe. In meinem Krankenzimmer. Ich liege in einem Krankenhaus. Ich hasse Krankenhäuser. Das letzte Mal war ich mit fünfzehn in einem Krankenhaus.

Ich zähle vier Leute. Sie sehen müde aus, als hätten sie nicht geschlafen, und falls doch, dann nicht besonders gut. Meine Eltern. Meineälteste Freundin Minnie. Und Thomas. Einer fehlt.

»Wo ist Ed?«, frage ich.

»Ich musste ihn nach Hause schicken«, sagt meine Mutter.»Es hat ihn zu sehr mitgenommen. Du kennst ihn ja.«

»Er ist doch nicht allein, oder?«

Dad tritt an mein Bett.»Deinem Bruder geht es gut, Kat. Mach dir keine Sorgen. Ich habe ihn zu Sophie gebracht, und Sophies Eltern sind zu Hause. Sie kümmern sich um ihn. Und du solltest jetzt an dich selbst denken.«

»Was ist denn mit mir?« Es kommt mir so vor, als wäre ich weit weg und müsste schreien, damit sie mich hören.

»Du hast eine Beule am Kopf. DieÄrztin meinte, das wird noch eine Weile wehtun«, sagt mein Vater.

»Und eine Rippenfraktur«, fügt meine Mutter hinzu.»Die kommt entweder vom Unfall oder von der Bergung aus dem Wrack.«

»Großer Gott.« Ich balle die Hände, damit keiner sieht, dass sie zittern.

»Sie ist nicht einmal richtig gebrochen, bloß angeknackst«, sagt Minnie.

»Du hast unglaubliches Glück gehabt«, sagt Thomas.

Es fühlt sich nicht so an, als hätte ich Glück gehabt. Es fühlt sich so an, als wäre ich sehr weit weg.

Minnie sieht auf die Uhr.»Tja, nachdem ich mich davonüberzeugen konnte, dass du nicht ins Gras beißt, sollte ich mich wohl wieder an die Arbeit machen.« Es klingt genervt, aber sie stellt eine verdächtig gequälte Miene zur Schau, wie immer, wenn sie versucht, ein Lächeln zu unterdrücken.

Erst als Mum mir eine Hand auf die Stirn legt, wird mir bewusst, dass ich glühe. Ihre Hand fühlt sich kühl und weich an. Ich hatte ganz vergessen, wie weich ihre Hände sind. Ihre Augen sind verquollen, als hätte sie geweint, dabei weint sie sonst nie. Ich habe sie zuletzt weinen sehen, als 1989 Samuel Beckett gestorben ist.

»Wir gehen jetzt auch«, sagt sie.»Wir müssen Edward abholen.« Sie zupft mir eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel. Ich versuche mich aufzurichten, aber meine Arme und Beine sind bleischwer, also lasse ich es bleiben. Ich liege bloß da und versuche, mir zusammenzureimen, was passiert ist.

Es riecht nach frisch gebügelter, gebleichter Bettwäsche. Die gestärkten Laken sind so steif, dass ein schaben