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Wir schreiben den 9. April 1993 im Cow Palace in San Francisco. Elftausend Menschen–Grunge Kids, Sporttypen, Metalheads, Mainstream-Fans, Punks, kleine Kinder mit ihren Eltern, Hippie-Typen–sind gekommen, um den ersten US-Live-Auftritt von Nirvana seit sieben Monaten zu sehen. Manche sind dafür sogar eigens aus Los Angeles und Seattle angereist. Der Auftritt ist eine Benefizveranstaltung für die Vergewaltigungsopfer in Bosnien. Wenn man von einer siebenwöchigen Tour durch verschiedene Clubs Ende 1991 absieht, waren die meisten amerikanischen Fans nicht viel näher an ein Live-Konzert von Nirvana herangekommen als an ihren Fernsehauftritt in„Saturday Night Live“ vorüber einem Jahr. In der Zwischenzeit ist eine ganze Menge passiert: Es gab Drogengerüchte, Trennungsgerüchte und Gerichtsverfahren. Gleichzeitig wurden weltweit ungefähr fünf Millionen Exemplare des AlbumsNevermindverkauft. Und eine ganze Menge istnichtpassiert: eine Tour durch Konzertarenen in den Vereinigten Staaten, ein neues Album. Der Show kommt große Bedeutung zu.
Die Band kommt auf die Bühne, Kurt Cobain trägt eine wasserblaue Strickjacke, ein mit der Innenseite nach außen getragenes„Captain America“-T-Shirt und in Auflösung begriffene Blue Jeans. Er winkt kurz und nervös in die Menge. Er hat sich für den Anlass die Haare blond gefärbt. Ein Wust davon verdeckt seine Augen, ja sogar die gesamte obere Hälfte seines Gesichts.
Von den ersten Akkorden von„Rape Me“ an spielt die Band voller explosiver Kraft. Der Sound wird in Salven von der Bühne in die Menge katapultiert–„Breed“,„Blew“,„Sliver“,„Milk It“,„Heart Shaped Box“. Gegen Ende spielen sie ihren Hit, und obwohl Kurt die Anfangsakkorde fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, werden die Moshers im Publikum zu Berserkern. Als schließlich zu den Klängen von„Lithium“ Feuerzeuge und Streichhölzer hochgehalten werden, weiß jeder Einzelne in diesem höhlenartigen Schuppen ganz genau, warum er Nirvana liebt.
Obwohl Chris Novoselic und Kurt mindestens zehn Meter voneinander entfernt stehen, bewegen sie sich und reagieren sie aufeinander, als wären sie viel näher beisammen; ihre Kommunikation ist mühelos. Irgendwann in der Mitte des Auftritts ruft Kurt zu Chris hinüber:„Ich fühl’ mich großartig! Ich könnte noch eine Stunde lang spielen!“ Und genau das passiert. Sie verdichten vierundzwanzig Songs in eineinhalb Stunden, darunter acht aus dem neuen, noch nicht erschienenen Album. Die Menge beklatscht die neuen Songs enthusiastisch, vor allem die wilde Attacke„Scentless Apprentice“ und das majestätische„All Apologies“, das sich in einem Nebel aus Mantra-Gesängen und Feedback auflöst.
Eddie Vedder von Pearl Jam beobachtet alles von der Seite der Bühne aus; unweit von ihm Dale Crover von den Melvins. Frances Bean Cobain ist bei ihrem Kindermädchen oben in der Garderobe ihres Vaters; Courtney kommt herunter und muss gleich einer Mineralwasserflasche aus Plastik ausweichen, die Kurt gerade achtlos wegwirft. Sie winkt ihm spöttisch zu.
Am Ende des Sets verschwinden Kurt, Chris und Dave Grohl hinter dem Schlagzeug und rauchen gemeinsam eine Zigarette. Sie diskutieren, welche Songs sie noch spielen sollen. Dann kommen sie zurück und geben eine halbstündige Zugabe aus sieben Songs, die ihren Höhepunkt in„Endless, Nameless“, der geheimnisvollen Schlussnummer vonNevermind,findet. Die Band beschleunigt den Gitarrenriff,über dem die Nummer liegt. Sie spielen wie in Trance. Kurt springt auf den Verstärkerturm und marschiert darauf herum. Er ist zwar nicht sehr hoch, aber trotzdem zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich– wie ein Selbstmordkandidat, der auf einem Fenstersims balanciert. Die Musik wird noch schneller. Die Gitarren kreischen, Chris hat seinen Bass abgeschnallt und schwenkt ihn wild vor dem Verstärker; Dave Grohl drischt präzise und hemmungslos auf seine Trommeln ein. Als die Musik ihren Höhepunkt erreicht, wirft sich Kurt krachend in die Drums, Trommeln und Beckenständer fallen herunter. Das Schlagzeug sieht aus wie eine fleischfressende Pflanze, die sichöffnet, um ihr Opfer zu verschlingen. End