: Andreas Gößling
: Die Männlichkeitslücke Wie die Pädagogik Jungs zu Verlierern macht - und wie wir das ändern können
: MayaMedia Verlag
: 9783944488288
: 1
: CHF 4.40
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: Pädagogik
: German
: 627
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Immer deutlicher zeichnet sich ein Trend ab, der Mütter und Väter, Lehrer, Ärzte und Politiker alarmieren muss: Jungen sind schlechter ausgebildet als Mädchen, sie sind häufiger krank, gewalttätig und arbeitslos. Was ist los mit unseren Söhnen? Andreas Gößling erzählt im großen Bogen eine bei Abraham und Isaak beginnende Kulturgeschichte von Vater und Sohn, ohne die die heutige Misere nicht zu verstehen ist. Mithilfe aktueller Studien und Experten-interviews verdeutlicht er, wie wir umdenken und was wir konkret tun müssen - zu Hause, in Kindergärten, Schulen und Gesellschaft. Er fordert ein umfassendes Acht-Punkte-Unterstützungspro ramm für die Jungen - um ihrer selbst, aber auch um der Mädchen willen, die mit ihnen leben wollen. Ein wegweisender Beitrag zur Debatte über ein modernes Vaterverständnis und eine zeitgemäße Männlichkeit. »Noch immer nehmen wir die Probleme unserer Jungen und den ihnen innewohnenden sozialen Sprengstoff nicht genügend zur Kenntnis. Andreas Gößling hat ein wichtiges Buch zu einem wichtigen Thema geschrieben.« Dr. Bernhard Bueb, Bestsellerautor und ehem. Leiter Schule Schloss Salem Autor: Andreas Gößling, geboren 1958 in Gelnhausen. Der promovierte Literatur- und Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit kulturgeschichtlichen und aktuellen gesellschaftlichen Themen. Neben Romanen für erwachsene und junge Leser hat er zahlreiche Sachbücher publiziert. Im Februar 2014 erscheint bei Knaur das Debattenbuch 'Deutschland misshandelt seine Kinder' von Michael Tsokos, Saskia Guddat und Andreas Gößling. Der Autor lebt mit seiner Frau, der Autorin und Sprachdozentin Anne Löhr-Gößling, in Berlin, wo er auch den Spezialverlag MayaMedia leitet.

II. Vermeidbarer Fehlstart unserer Jungen– und eineüberfällige Folgerung


Nachdem das vorangegangene Kapitel gezeigt hat, wie die Beziehung von Vater und Sohnüber die Jahrtausende zu dem wurde, was sie heute im Großen und Ganzen ist, unternehmen wir nun einen kleinen Streifzug durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisseüber die kindliche Entwicklung.

Zweierlei wird hierbei deutlich werden: Nicht zuletzt die psychischen Altlasten unserer Gesellschaft– und vor allem der heutigen Väter– aus vielen Tausend Jahren Geschichte hemmen die Jungen massiv in ihrer Persönlichkeitsentfaltung.

Dabei zeigen neueste wissenschaftliche Studien, dass die kindliche Förderung früher und umfassender einsetzen müsste, als heutige Familien dies selbst unter günstigen Voraussetzungen zu leisten vermögen.

Doch aus anderen historischen Familienmodellen lassen sich Alternativen zu den heute gängigen Vater-Sohn- Beziehungen ableiten. Zum Glück für unsere Jungen– denn es wird allerhöchste Zeit, dass wir unsere Vorstellungen von Vaterschaft den Bedürfnissen unserer Zeit anpassen.

Von Natur aus gefühlsarm?


Nicht nur in vielen Er- und Beziehungsratgebern wird seit Jahren die Behauptung wiederholt, dass Jungen und Männer»von Natur aus« weniger kommunikative Kompetenz und emotionale Intelligenz besäßen als Mädchen und Frauen.

Auch in der Jugendpädagogik melden sich immer häufiger»maskulinistische« Meinungsmacher zu Wort, so beispielsweise der Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl, der schlichtweg verkündet:»Bei Männern und Frauen handelt es sich um zwei unterschiedliche Wesen.«

Folglich gebe es auch eine ganze Reihe grundlegender»weiblicher und männlicher Eigenschaften«, die»auf den Einfluss der Gene und Hormone zurückzuführen sind und nicht von Gesellschaften produziert« seien ((1))– darunter die Begabung zu»Beziehungssprache« und»Einfühlungsvermögen«, die eben typisch weibliche Attribute seien.

Jungen und Männer dächten dagegen von Natur aus in Hierarchien statt in Beziehungen, könnten sich in ihr Gegenüber nicht einfühlen, dafür jedoch technische Sachverhalte analysieren und mittels»Berichtssprache« darstellen, worin wiederum Mädchen schwach seien– und dies alles kraft der wundersamen Macht der Gene und Hormone, die in pseudowissenschaftlichen Texten längst jene Rolle eingenommen haben, die im mittelalterlichen Weltbild dem Einfluss der Sterne zugemessen wurde.

Einen stichhaltigen Beweis für die angeblich unabänderlich unterschiedlichen Eigenschaften von Jungen und Mädchen bleiben die biologistischen Mythologen allerdings ebenso schuldig wie ihre Vorläufer, die mit astrologischen Formeln Verwirrung stifteten.

Schauen wir uns stattdessen einmal an, was die seriöse Wissenschaft zu der Frage herausgefunden hat, wie sich Emotionalität, Einfühlungsvermögen und sprachliche Ausdrucksfähigkeit bei Jungen und Mädchen entwickeln.

Sprechen und fühlen


Die Formbarkeit des Gehirns ist niemals größer als in den allerersten Lebensjahren– für Intelligenz und Persönlichkeit des Menschen werden in dieser Phase die entscheidenden Weichen gestellt.

Neurophysiologen sprechen von der»neuronalen Plastizität« des Gehirns, das zu Beginn des Lebens einer leeren Festplatteähnelt: ein extrem flexibles Netzwerk von Nervenzellen, das»Programme« aller Art und Dichte ausbilden kann– je nachdem, welche Anforderungen die Umwelt an es richtet.

Diese Plastizität stellt das Gehirn jedes gesunden Säuglings zum Beispiel dadurch unter Beweis, dass es in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum die Sprache seiner Umgebung erlernt.

Anfangs vernimmt das Kind lediglich bedeutungsfreie Laute– die Grammatik wie auch das Wörterbuch muss es selbst erstellen und im Laufe seines Lebens erweitern. So lernt es seine Muttersprache immer differenzierter zu verwenden.

Bereits mit Vollendung des ersten Lebensjahrs können Kinder normalerweise ihre ersten Wörter nicht nur artikulieren, sondern fangenüberdies an, deren Bedeutung zu begreifen.

Mit anderthalb Jahren kennen manche Kinder 20, andere bereits 50 oder 80 Vokabeln– je nachdem, wie intensiv sich die Bezugspersonen um den Säugling kümmern.

Mit etwa zweieinhalb Jahren sollte ein Kind mehrere Hundert Wörter sprechen und verstehen. Wird seine Entwicklung angemessen gefördert, so kann es im Vorschulalter, also mit vier bis fünf Jahren, wenigstens 3000 Wörter beherrschen.

Zwei Jahre später kann das Lexikon in seinem Gehirn bereits um das Achtfache angewachsen sein– auf einen passiven Wortschatz von 24 000 Vokabeln! ((2)) Das setzt allerdings voraus, dass Eltern und Erzieherinnen im Kindergarten nicht nur viel und intensiv mit dem Kind kommunizieren, sondern ihrerseitsüber sprachliche Ausdrucksvielfalt verfügen.

Die Sprachentwicklung der Jungen beginnt im Allgemeinen etwas später als bei den Mädchen, aber bei der Zahl der gelernten Vokabeln oder der Komplexität der verwendeten Satzgebilde sind sich die Geschlechter während der ersten Lebensjahre ziemlich gleich.

Ähnlich sieht es beim Ausdruck von Gefühlen aus– soweit sich hier in den ersten Jahren deutliche Geschlechtsunterschiede zeigen, widersprechen sie sogar eher den Verhaltensmustern, die herkömmlich Jungen und Mädchen zugeordnet werden.

So haben diverse Studienübereinstimmend ergeben, dass Jungen in den ersten Lebensjahren häufiger als Mädchen weinen. Dagegen zeigen Mädchen im zweiten Lebensjahröfter als Jungen offen ihrenÄrger. Erst im Grundschulalter beginnt sich der emotionale Ausdruck der Kinder den Geschlechtsklischees anzupassen:

Die Jungen versuchen dann verstärkt, Gefühle wie Trauer oder Scham zu verbergen, und die Mädchen unterdrücken ihrerseitsÄrger und Enttäuschung. Im Jugendalter schließlich verneinen Jungen meist die Frage, ob sie häufig Traurigkeit, Schuld oder Scham empfänden– Mädchen dagegen erklärenüberwiegend, dass sie solche Gefühleöfter und intensiver als in vorherigen Lebensphasen verspürten. ((3))<