Mai 1218
AMANCE IM HERZOGTUM OBERLOTHRINGEN
In der Glut der Abenddämmerung erschien Alain Caboche die Burg wie eine Bestie, die niemals schlief. Immerzu regte sich etwas in ihrem steinernen Leib, am Tag wie in der Nacht. Feindselige Augen, die das Heerlager am Fuß des Hügels beobachteten. Münder, die Befehle brüllten. Hände, die einander Steine reichten und die Wunden in der Schildmauer heilten. Und wehrhaft war das Monstrum. Von seinen Türmen und Zinnen regnete es Pfeile, Felsbrocken und siedendes Öl, sobald sich Feinde den Toren näherten.
Die Burg war hungrig. Sie verschlang Menschen.
Über neunzig Leben habe die Festung über dem Dörfchen Amance bereits gefordert, hieß es im Lager. Allein vom Aufgebot der freien Stadt Varennes-Saint-Jacques, dem auch Alain angehörte, waren bereits acht Männer gefallen; noch einmal so viele lagen verletzt auf den Pritschen der Wundärzte. Dabei hatte die Belagerung gerade erst angefangen.
Wen es wohl als Nächsten erwischt?, dachte Alain dumpf, während er an den Latrinengräben am Rande des Heerlagers sein Wasser abschlug.Hugo. Ja. Ganz sicher Hugo. Der junge Schustergeselle war eine ängstliche Natur, die mir nichts, dir nichts in Panik geriet und im Kampfgetümmel wild mit seinem Kriegskolben um sich schlug, ohne jedes Gefühl für Angriff und Verteidigung. Es glich einem Wunder, dass er den Feldzug bisher unbeschadet überstanden hatte.
Oder Du lässt den armen Hugo laufen und holst Dir stattdessen Lefèvre. Anseau Lefèvre war einer der Ratsherren von Varennes und führte das Aufgebot an. Alain hasste ihn, wie er noch nie einen Mann gehasst hatte.Lefèvre für Hugo – ist das ein Handel, Herr? Komm. Zeig uns, dass Du gerecht sein kannst. Wenigstens einmal.
Um sein eigenes Leben machte sich Alain keine großen Sorgen. Er war hochgewachsen und muskulös wie sein Vater, dazu zäh und schnell. Außerdem verfügte er über eine erstklassige Kettenrüstung und verstand etwas vom Kämpfen. Obwohl nur Schmied und gerade einmal achtzehn Jahre alt, wusste er sich zu verteidigen. Das hatte er in den letzten Wochen mehr als einmal bewiesen. Nein, wenn ihn nicht gerade hinterrücks ein Armbrustbolzen traf, würde er bis zum Sieg des Königs seinen Mann stehen und danach gesund und munter nach Hause marschieren.
Alain schüttelte sein Glied aus, zog die Bruche hoch und griff nach seinem Gürtel, der mitsamt dem Dolch und der Streitaxt über dem Zaun hing. Auf der anderen Seite des Latrinengrabens, unter dem Vordach einer Hütte, saß ein bärtiger Höriger, der ihn anstarrte und ausspuckte. Alain senkte den Blick und schlang seinen Gürtel um die Hüfte. Die Bauern von Amance taten ihm leid. Als wäre es nicht schlimm genug, dass der König ihnen ihre Schweine und den Ertrag ihrer Felder weggenommen hatte, pissten und schissen ihnen jeden Tag tausendfünfhundert Männer auf die Allmende. Dabei konnten diese armen Teufel wahrlich am allerwenigsten etwas für diesen Krieg.
Es war windstill und warm, sodass der infernalische Gestank der Latrinen Alain bis weit in das Heerlager hinein verfolgte, wo er sich mit dem Rauch der Herdfeuer und dem Schweißgeruch der Männer vermengte. Die meisten Krieger, die vor den Zelten herumlungerten, kamen wie Alain aus Lothringen, doch manche waren auch aus dem Land der Deutschen, dem Elsass und Burgund, einige gar aus Frankreich. Von überall her hatte der junge König seine Vasallen und Verbündeten versammelt, um den aufsässigen Herzog von Oberlothringen zu zerschmettern. Warum – das wusste niemand so recht. Alain hätte bereitwillig eine