II.
IN DER WÜSTE
6. Tag, 7.12 Uhr
Das Vibrieren des Hubschraubers hatte mich schläfrig gemacht, und ich war wohl eingenickt. Ich wachte auf und gähnte, hörte Stimmen in meinem Kopfhörer, lauter Männerstimmen:
»Und, was genau ist das Problem?« Eine brummige Stimme.
»Anscheinend ist aus dem Werk Material in die Umwelt entwichen. Es war ein Unfall. Und nun sind in der Wüste etliche tote Tiere gefunden worden. In der Nähe des Werks.« Eine vernünftige, sachliche Stimme.
»Wer hat sie gefunden?« Brummbär.
»Ein paar neugierige Umweltschützer. Sie haben die Betretenverboten-Schilder ignoriert und sich in der Nähe des Gebäudes herumgetrieben. Sie haben sich bei der Firma beschwert und verlangen, das Werküberprüfen zu dürfen.«
»Was wir nicht erlauben können.«
»Auf keinen Fall.«
»Wie lösen wir das Problem?«, fragte eine zaghafte Stimme.
»Ich schlage vor, wir spielen die Größenordnung der Kontamination herunter und veröffentlichen Daten, die belegen, dass jede Gefährdung auszuschließen ist.« Sachliche Stimme.
»Nee, verdammt, so würd ich das nicht machen«, sagte die brummige Stimme.»Wir fahren besser, wenn wir es einfach abstreiten. Es wurde nichts freigesetzt. Ich meine, gibt es dennüberhaupt Beweise dafür, dass was freigesetzt wurde?«
»Na, die toten Tiere. Ein Kojote, ein paar Wüstenratten. Vielleicht ein paar Vögel.«
»Mein Gott, in der Natur sterben dauernd irgendwelche Tiere. Ich meine, erinnert ihr euch noch an die Geschichte mit den aufgeschlitzten Kühen? Angeblich waren Aliens mit UFOs gelandet und hatten die Viecher aufgeschlitzt. Schließlich kam raus, dass die Kühe eines natürlichen Todes gestorben und die Kadaver durch das Verwesungsgas aufgeplatzt waren. Wisst ihr noch?«
»Vage.«
Zaghafte Stimme:»Wir können doch nicht so einfach dementieren…«
»Quatsch, klar können wir das.«
»Und was ist mit den Fotos? Die Umweltschützer haben doch Fotos gemacht, soweit ich weiß.«
»Na und? Was wird auf den Fotos schon zu sehen sein, ein toter Kojote? Niemand regt sichüber einen toten Kojoten auf. Glaubt mir. Pilot? Pilot, wo zum Teufel sind wir?«
Ichöffnete die Augen. Ich saß vorn im Hubschrauber, neben dem Piloten. Wir flogen nach Osten, mitten hinein in das grelle Licht einer tief stehenden Morgensonne. Unter meinen Füßen sah ich meist flaches Gelände, mit niedrigen Kakteen, Wacholderbüschen und vereinzelten, dürren Joshua-Bäumen.
Der Pilot flog an den Stromleitungsmasten entlang, die in einer Reihe durch die Wüste marschierten, eine Stahlarmee mit ausgestreckten Armen. Die Masten warfen lange Schatten im Morgenlicht.
Ein korpulenter Mann beugte sich vom Rücksitz vor. Er trug Anzug und Krawatte.»Pilot? Wann sind wir endlich da?«
»Wir haben gerade die Grenze zu Nevadaüberquert. Noch zehn Minuten.«
Der Korpulente knurrte und lehnte sich zurück. Wir hatten uns einander vorgestellt, als wir losflogen, aber ich konnte mich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Ich warf einen Blick nach hinten auf die drei anderen Passagiere, alle in Anzug und Krawatte. Sie waren PR-Berater, die für Xymos arbeiteten. Von ihremÄußeren konnte ich darauf schließen, wem welche Stimme gehörte. Ein schlanker, nervöser Mann, der die Hände rang. Dann ein Mann im mittleren Alter, mit einer Aktentasche querüber den Knien. Und der Dicke,älter und brummig, der offensichtlich der Chef war.
»Wieso haben die das Dingüberhaupt in Nevada gebaut?«
»Weniger Vorschriften, laschereÜberprüfungen. Kalifornien legt neuen Branchen heutzutage schwere Steine in den Weg. Es hätte ein Jahr Verzögerung gegeben allein schon wegen der Umweltschutzbestimmungen. Und das Genehmigungsverfahren ist um einiges schwieriger. Also sind sie hierher gegangen.«
Brummbär blickte zum Fenster hinaus auf die Wüste.»Was für ein gottverlassenes Loch«, sagte er.»Ist mir doch scheißegal, was hier draußen passiert, nicht mein Problem.« Er wandte sich an mich.»Was machen Sie?«
»Ich bin Computerprogrammierer.«
»Haben Sie Schweigepflicht?« Er wollte sich vergewissern, dass ich auch nichts von dem ausplaudern würde, was ich soeben gehört hatte.
»Ja«, sagte ich.
»Werden Sie im Fertigungswerk arbeiten?«
»Als Berater«, sagte ich.»Ja.«
»Beraten ist eine feine Sache«, stellte er fest und nickte, als wäre ich ein Verbündeter.»Keine Verantwortung. Keine Haftung. Man gibt einfach seine Meinung von sich und schaut zu, wie sich keiner drum schert.«
Mit einem Knistern meldete sich die Stimme des Piloten in den Headsets.»Xymos-Molekularproduktion liegt direkt vor uns«, sagte er.»Sie können die Anlage schon erkennen.«
Zwanzig Meilen vor uns sah ich eine einsame Ansammlung von niedrigen Gebäuden, die sich gegen den Horizont abhoben. Die PR-Leute auf den Rücksitzen beugten sich vor.
»Das ist alles?«, fragte Brummbär.»Mehr ist da nicht?«
»Es ist größer, als es von hier aussieht«, entgegnete der Pilot.
Als wir näher kamen, sah ich, dass die Häuser miteinander verbunden waren. Nichts sagende Betonklötze, alle weiß gestrichen. Die PR-Leute waren so erfreut, dass sie fast applaudiert hätten.»He, das macht ja richtig was her.«
»Sieht aus wie ein verdammtes Krankenhaus.«
»Tolle Architektur.«
»Das gibt ein prima Foto.«
Ich fragte:»Wieso gibt das ein prima Foto?«
»Weil es keine aufragenden Teile gibt«, erwiderte der Mann mit der Aktentasche.»Keine Antennen, keine Spitzen, nichts, was irgendwie absteht. Die Leute haben Angst vor Spitzen und Antennen. Darüber gibt’s Untersuchungen. Aber ein Gebäude, das schlicht und gleichmäßig ist wie dieses da, undweiß – ausgezeichnete Farbwahl, man assoziiert jungfräulich, Krankenhaus, Heilung, Reinheit –, bei so einem Gebäude sind alle gleich beruhigt.«
»Diese Umweltschützer können jetzt schon einpacken«, sagte Brummbär mit Genugtuung.»Die führen hier doch medizinische Forschung durch, nicht wahr?«
»Eigentlich nein …«
»Werden sie aber, wenn ich hier fertig bin, glauben Sie mir. Medizinische Forschung, das is