: Jim C. Hines
: Die Buchmagier: Angriff der Verschlinger Roman
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783838754093
: 1
: CHF 7.00
:
: Fantasy
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
DER ZAUBER, DER EINER GESCHICHTE INNEWOHNT, IST NICHT ZU BRECHEN ...

Die Magie der Bücher gibt es wirklich - ebenso wie Buchmagier. Sie haben die Fähigkeit, in Romane hineinzugreifen und Gegenstände aus den Geschichten in unsere Welt zu holen.

Der Buchmagier Isaac gehört zu den Pförtnern, jener Organisation, die seit Jahrhunderten die Menschheit vor übernatürlichen Gefahren beschützt. Als einige mysteriöse Morde geschehen, entdeckt er, dass gefährliche Wesen - die so genannten Verschlinger - dahinterstecken. Doch noch schlimmer: Als nächstes haben sie es auf Isaacs Lebensgefährtin, die Dryade Lena, abgesehen! Und Lenas Magie kann in den falschen Händen zu einem gefährlichen Werkzeug werden ...

'Rasante Action und viel Humor ... Hines gibt dem Leser alles, was er braucht!' - PUBLISHERS WEEKLY

Kapitel 2


Ich trat in den zu weißen Schnee und die toten Blätter hinaus, die unter meinen nackten Füßen knirschten. Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Die Sonne war zu groß. Sie brannte mir in den Augen, sodass ich mich am liebsten in meinen Baum zurückgezogen hätte.

Die Oberfläche war tot. Ich brauchte einen Unterschlupf. Wie war ich hierhergekommen? Wo war die nächste Eishöhle?

Ich lehnte mich an den Baum und ließ die tröstliche raue Rindeüber meine nackte Haut scheuern. Ich krümmte die Zehen in die gefrorene Erde, hielt mich an den Wurzeln fest und griff instinktiv nach der Wärme meiner Hainschwestern.

Ich spürte nichts. Es gab viele Bäume– mehr als ich mir je vorgestellt hatte–, aber es waren leere Hüllen. Wie konnten sie die Kälteüberleben, ohne dass ihre Dryaden ihnen Stärke gaben?

Ich war noch nie zuvor allein gewesen. Nicht so. Ich war nie verloren gewesen.

Tränen wärmten meine Wangen. Wie lange hatte ich geschlafen?

In diesem Moment zitterte ich, nicht vor Kälte, sondern vor Angst. Ich erinnerte mich an den Neptun. Ich erinnerte mich an meine Schwestern. Ich erinnerte mich an die Kämpfe in der Arena, die Erregung des Zweikampfs, wenn mein Holzschwert gegen den Speer meines Gegners prallte. Ich erinnerte mich an die Freuden des Schlafgemachs.

Ich erinnerte mich an all diese Dinge, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dort zu sein. Es war, als wären meine Erinnerungen weggerissen und durch die Träume von jemand anderem ersetzt worden.

Dieser Ort hier, wo immer ich auch sein mochte, fühlte sich zu real an, zu hell, zu groß. Zu viele Empfindungen. Zu viele Gedanken. Ich grub die Finger in die Haut meiner Oberschenkel und verdrehte sie, wollte mich auf den Schmerz konzentrieren und diese Empfindung benutzen, um dieübrigen zu verdrängen. Ich sank zu Boden, wiegte mich hin und her und verlor mich in der Bewegung.

Ich hätte zur Eiche zurückkehren können. Ich hätte schlafen und geborgen sein können. Den langen Tod wählen, wie man es der allerersten Dryade nachsagte, als ihr Geliebter ermordet wurde. Ihr Baum hatte jahrhundertelang weitergelebt, bewacht vom Hain ihrer Kinder.

Wenn ich ihrem Beispiel folgte, wäre ich nicht von meinen Schwestern, sondern von geistlosen Bäumen umgeben, die nur halb lebendig waren.

Nach einer Weile begann das Sonnenlicht zu verblassen. Ich blinzelte und schaute mich um. Jedes Blatt, jeder Stock erschienüberdeutlich. Ich hob eine halb vergrabene Eichel vom Boden auf und drehte sie in der Hand und staunteüber die Einzelheiten. Die winzigen Schuppen der Kappe, die blasse Trennlinie von Kappe und Samen, der harte, vorstehende Teil am Boden, der die Eichel wie eine Miniaturbrust aus Holz aussehen ließ.

Aus dem Gleichgewicht geraten, rappelte ich mich hoch. Diese Welt war falsch. Nichts war, wie es sein sollte. Ich brauchte meine Schwestern. Ich brauchte meine Geliebten. Ich brauchte…

Ich schlug den Kopf gegen den Baum, um die Spirale meiner Gedanken zu durchbrechen.

Es gab Bäume hier. Gab es auch Menschen? Die Tränen strömten ungehindert, als ich von meinem Baum wegtrat, von dem Einen, was sich sicher anfühlte.

Wenn ich hierbliebe, würde ich sterben. Ich würde für immer schlafen. Ich würde mich verlieren.

Ich hob einen am Boden liegenden Ast auf und drückte ihn an meine Brust. Ich konnte fühlen, wie er auf das Leben in mir reagierte. Fadenartige Wurzeln krochen aus dem abgebrochenen Ast und wanden sich um meine Finger. Glänzende Knospen stießen aus dem anderen Ende. Ich wiegte den Ast in den Armen, während ich von meinem Baum wegwankte.

*


Die Grashalme raunten, als Lena kam und sich hinter mich stellte. Sie sagte nichts, legte mir nur die Hand auf die Schulter.

Ich musste mich auf die bevorstehende Arbeit konzentrieren. Ich durchwühlte meine Büchertasche, bis ich ein Hand-Infrarot-Thermometer fand. Ich schaltete es ein und richtete es auf Klecks. Es zeigte 42,8 Grad Celsius an, was nur etwa ein Grad höher als normal für ihn war.

Bei Menschen fiel die Körperkerntemperatur um ungefähr ein viertel Grad pro Stunde. Bei einem Wendigo ging die Berechnung in die andere Richtung. Eine normale Körpertemperatur von minus 5,6 Grad Celsius vorausgesetzt, sollten wir imstande sein, ein grobes Zeitfenster für den Todeszeitpunkt zu ermitteln. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie Verletzungen und Blutverlust das Ganze beeinflussen mochten.

Lykanthropos anthropophagos war gut angepasst an das Leben auf der Oberen Halbinsel. Wendigoblut wirkte als eine Art magisches Superkühlmittel; selbst das Mark war kalt wie Eis. Das Fell ließ die Luftfeuchtigkeit buchstäblich gefrieren und bildete so eine schützende Schicht aus Frost und Eis.

Genau wie Werwölfe wurden Wendigos als Menschen geboren. Sobald sich jedoch die Transformation durchsetzte, verblieben sie bis zu