Abschnitt II: Was begegnet uns in unserer Arbeit?
1. Einstieg, Beziehungsbildung, Vertrauen herstellen
Der erste Kontakt ist bekanntlich von grundlegender Bedeutung: Wie wirken wir aufeinander,„stimmt die Chemie“, können wir miteinander arbeiten? Es ist wichtig, diese erste miteinander verbrachte Zeit gut zu gestalten, sodass Vertrauen aufgebaut und Beziehungen entwickelt werden können. Hierzu eignen sich besonders die in der nachfolgenden Tabelle aufgeführtenÜbungen, wobei zu beachten ist, welcher Art und Tiefe ein neu aufzubauender Kontakt sein soll. Dementsprechend sollten intensivierende Einstiege nur für Settings gewählt werden, in denen die möglicherweise auftauchenden Themen auch bearbeitet werden können, sowohl vom Zeitrahmen als auch vom Arbeitsauftrag her.
Diese Herangehensweise ist nicht nur aus technischen Gründen notwendig, um denäußeren Rahmen zu schaffen, sondern auch, damit für beide Seiten das„Commitment“ (freiwillige Selbstverpflichtung) an die gemeinsame Arbeit deutlich wird und kein Raum entsteht für Spekulationen und Fantasien. Dies wiederum bewirkt, dass wenigerÜbertragungen in der Arbeit entstehen, weil die Grenzen gleich zu Beginn abgesteckt und benannt werden– eine vor allem in der therapeutischen Arbeit nicht zu unterschätzende Erleichterung für beide Seiten, da dadurch die Beziehung klar als Arbeitsbeziehung definiert wird. Unabhängig davon kann und soll eine tiefe Beziehung aufgebaut werden, damit entsprechend intensiv gearbeitet werden kann. Dafür ist auch wichtig, dass sich die Klientin am Schluss jeder Stunde aus dieser Beziehung wieder lösen und in ihren Alltag zurückkehren kann. Dabei wird sie durch denäußeren Rahmen, der bereits in der ersten Stunde angelegt wird, unterstützt.
Die klare Absprache, das Festlegen der Regeln zu Beginn kann dann auch als Modell dienen, wie man allgemein mit solchen Situationen der Zusammenarbeit, ob beruflich oder privat, umgehen kann. Es geht um eine gute Mischung aus Freiraum für den Einzelnen und gleichzeitigem Commitment an die gemeinsame Arbeit. Und natürlich spielt die Kommunikation in der gemeinsamen Arbeit eine ganz grundlegende Rolle als Modell für den Alltag, sowohl hinsichtlich dessen, wie die Regeln vermittelt werden, als auch wie deren Einhaltung kommuniziert wird.
In der Einzelarbeit ist es wichtig, eine klare Vereinbarung mit den Klienten zu treffen bezüglich Terminen, Absagen von Terminen, Geld, gegenseitiger Verpflichtung, Zielen die erreicht werden sollen, dem Zeitrahmen, in welchem die Ziele erreicht werden sollen. Dabei ist wichtig, dass die Therapeutin gegebenenfalls die Vorstellungen der Klienten korrigiert im Hinblick darauf, wie lang etwas dauern kann. Solche Absprachen schaffen Vertrauen und geben beiden Partnern eine Orientierung für den Ablauf der gemeinsamen Arbeit.
Dazu gehört auch, dass ich als Therapeutin immer wieder auf die Metaebene gehe, d.h. mit meiner Klientinüber das Geschehen in der Sitzung spreche. Denn für die Klientin ist es oft das erste Mal im Leben, dass eine derart tief gehende Beziehung aufgebaut wird. Umso wichtiger ist es, dass nicht nur ich als Therapeutin im Auge behalte, dass die therapeutische Situation eine„künstliche“ ist, da sieüberwiegend auf dem einseitigen Engagement der Therapeutin beruht, sondern dass ich auch meine Klientin immer wieder darauf hinweise Die Klientin kommt ja meistens, weil ihr Beziehungen im Alltag nicht gelingen. Um hier eine Lernmöglichkeit zu schaffen, muss ich als Therapeutin der Klientin den Weg weisen. Es herrscht also ein Ungleichgewicht, indem die Therapeutin auch die Verantwortung für die Gestaltung der Beziehung hat, und dieser Verantwortung muss sie sich durch die ganze Arbeit hindurch bewusst sein (was u.a. einer der Hauptgründe ist, weshalb jeder therapeutisch Tätige sich kontinuierlicher Supervision unterziehen sollte– um immer wieder die nötige Distanz zu finden, um die Beziehung zu gestalten).
Für den Einstieg in die Gruppenarbeit gelten im Prinzip dieselben Grundregeln: einen festen Rahmen geben, in welchem sich die einzelnen Teilnehmerinnen auch aufgehoben fühlen und der ihnen auch ermöglichen soll, sich zuöffnen und Vertrauen in die Arbeit zu entwickeln. Dafür ist es hilfreich, wenn die Therapeutin eine Atmosphäre schaffen kann, in der jede Einzelne sich erst mal grundsätzlich angenommen fühlt und in der Gruppe ankommen kann. Der nächste Schritt wäre dann, dem Bedürfnis der Teilnehmerinnen nach Austausch und Information in einem Ausmaß Raum zu geben, das dem dahinter verborgenen Wunsch nach Sicherheit Genüge tut, aber den eigentlichen Fokus der Gruppe nicht verdrängt.
Von grundlegender Bedeutung in diesem Zusammenhang ist es außerdem, den Umgang der Teilnehmer untereinander in bestimmte Bahnen zu lenken. Dabei sollte der freie Ausdruck der Einzelnen nicht zu sehr eingeschränkt werden– denn es geht ja in solchen Gruppen meist darum, neue Erfahrungen im Umgang mit anderen zu machen– und dennoch soll auch der Schutzraum für jede gewährleistet sein, sodass genügend Sicherheit da ist, um sich auf den Prozess einlassen zu können.
Hierfür kann ausreichend sein, eine einfache Regel aufzustellen, wie es der bekannte Gestalttherapeut Dan Rosenblatt zu Beginn seiner Gruppenarbeiten zu tun pflegte:
„No blood, no broken bones!“ Manchem mag das genügen, aber es kann darüber hinaus auch sinnvoll sein, zum Beispiel das Ausscheiden aus der Gruppe ebenso zu regeln, wie das bei Einzelsettingsüblich ist. Also entweder: Bevor jemand wegbleibt, soll zumindest die Therapeutin davon in Kenntnis gesetzt werden. Oder: Wenn jemand ausscheiden will, soll dem Abschied zumindest ein Teil der letzten gemeinsamen Sitzung gewidmet sein, sodass die Gruppe als Ganzes sich auf die veränderte Situation einstellen kann.
Übungen zu 1: Einstieg, Beziehungsbildung, Vertrauen herstellen
(1): Mindestalter/ohne Angabe: für Erwachsene
Kapitel | Name derÜbung | Einsetzbar bei |